Die Glückskastanie

Es war schon kurz vor halb sieben, als ich das Haupttor der Firma im Eilschritt passierte; ich hasse es, unpünktlich zu sein.

Irgendwie war mir nicht klar, warum ich heute so spät dran war, ich, der immer überall eine Viertelstunde zu früh kam.

Na ja, es war halt einer jener bescheidenen Tage, an denen so einiges nicht ganz rund läuft. Das Wetter jedenfalls passte dazu: Was ein wunderschöner Frühsommermorgen hätte sein können, war ein kühler, verregneter, matschiger Jedertag.

Inzwischen hatte ich mein Ziel erreicht, die Werkshalle, in der ich seit Jahren Tag für Tag meine Arbeitskraft zu Markte getragen hatte. Ich öffnete die schwere Stahlrahmentür, trat ein und wollte gerade nach rechts zur Stempeluhr abdrehen, als der Alptraum begann.

Ich stand zwar in der gewohnten Halle, was ich aber sah, ließ mich wie erstarrt mit offenem Mund dastehen, regungslos vor Schrecken.

Die Halle, in der ich gestern noch gearbeitet hatte, war ratzeputz  leer.

Keine Maschinen, keine Lampen, keine Belüftungsrohre, kein Meisterschreibtisch, keine Stempeluhr und was das Schlimmste war, keine Kollegen, kein Mensch überhaupt.

Mein Hirn begann fieberhaft zu arbeiten, war plötzlich aus dem Alltagstran auf Alarm aufgelaufen: Hatte ich mich verlaufen? Völlig unmöglich!

Hatte man die Produktion eingestellt und die Halle leer geräumt? Ebenfalls völlig unmöglich in den paar Stunden!

Verdammt! – Mir fiel nichts mehr ein…

Oder war ich in Ohnmacht gefallen, Kreislaufkollaps oder so, und man hatte mich vielleicht hierher gebracht? Aber wer sollte mich in eine leere Halle bringen und dann da stehen lassen?

Die Gedanken begannen, schrottreif zu werden. Das war wohl die aufkeimende Verzweiflung.

Außerdem begann in mir ein nahezu panischer Handlungsdrang zu erwachen:

Erst mal raus hier!

Das Nächste, wonach mich verlangte, war,  einen Kollegen, Vorgesetzten, einfach einen Menschen zu treffen und mit diesem zu reden, statt mit mir selbst und in Gedanken, denn so langsam fing ich an, mir nicht mehr über den Weg zu trauen.

Für eine Nanosekunde huschte auch der Gedanke an eine Fernseh-Verarsche, wie „versteckte Kamera“ oder so, durch mein Hirn…

Dann endlich war ich soweit, dass ich mich bewegen konnte.

Ich wandte mich um, um durch die Tür, durch die ich gekommen war, wieder zu verschwinden.

Und schon ereilte mich der zweite Schock: Da war gar keine Tür hinter mir. Keine Tür „mehr“ oder war da nie eine gewesen?

Diesmal war es ein echter Adrenalin-Schauer, der von der Brust aus durch meinen Körper sickerte, ähnlich wie bei einem Beinahe-Sturz oder einem Fast-Auffahrunfall, eine echte Angst-Attacke jedenfalls.

Und was noch schlimmer war, nun begann ich wirklich an meinem Verstand zu zweifeln.

Meine Gedanken wurden ärmlicher, die Handlungen panischer.

Ich drehte mich zurück und begann, die Halle abzusuchen.

Links und rechts von mir zwei lange Fensterreihen, hohe, schmutzige Fenster, wie ich sie gewöhnt war. An der gegenüberliegenden Seite eine große, schwere Stahltür, wie jene, durch die ich gekommen zu sein glaubte.

Also, dort hin! Ich begann zu gehen. Aus dem Gehen wurde Eilen und schließlich Rennen.

Die Halle war elend lang, und je näher ich der anderen Seite kam, desto mehr näherte ich mich dem dritten Schock:

Zuerst glaubte ich, nicht richtig gesehen zu haben, doch dann wurde, was ich entdeckt hatte, zur lähmenden Gewissheit: Das Tor existierte gar nicht, es war auf die Stirnwand täuschend echt aufgemalt.

Beim genauen Hinsehen entdeckte ich anschließend, dass auch die Fenster links und rechts in den Hallenseitenwänden nur gemalt waren.

Der Wahnsinn begann in mir zu brodeln. Ich fing an, laut „Hallo“ zu schreien und trommelte mit den Fäusten gegen das Türgemälde.

Dann rannte ich zu den Fenstern zu meiner linken, um hinauszuschauen.

„Was willst du denn durch gemalte Fenster sehen!?“ warf ich mir selber vor.

Doch der nächste Schlag ins Genick war schon im Kommen: Zuerst nur unbewusst, war mir aufgefallen, dass im Zusammenhang mit meinen Hallo-Rufen irgendetwas nicht stimmte. Jetzt war mir eingefallen, was.

Ich schrie nochmals aus vollem Hals: “Halloo!“ – Kein Echo, nichts….!

In einer so großen, leeren Halle kein Echo!? Oh mein Gott!

Ich sank völlig hilflos zu Boden, und sitzend verbarg ich mein Gesicht in den Händen.

Meine Gedanken überschlugen sich und behinderten sich gegenseitig. Ich mochte gar nicht mehr hineinhören in mein Gehirn.

So saß ich eine ganze Weile regungslos am Boden, mit gestreckten Beinen.

Bis ein Gedanke sich aus den anderen, wirren herauszuarbeiten begann:

Ich hob mein Haupt und blickte nach oben. Tatsächlich, keine einzige Lampe.

Auch sonst nirgendwo. Und auch keine Fenster und keine Türen. Auch kein durchsichtiges Material im Dach….

Woher, verdammt noch mal, kommt das Licht hier? Wieso ist es hier hell?!!

Neiiiiiiiiinn! Mein Schrei gellte ohne Echo durch den leblosen Raum.

Meine Verzweiflung begann, ganz langsam in Resignation überzugehen.

Ich saß, die Beine immer noch ausgestreckt, den Körper nach hinten auf meine Arme gestützt und starrte in den leeren Raum hinein. Es muss das Stieren eines Wahnsinnigen gewesen sein.

Was kommt als Nächstes? –

Mir fiel plötzlich auf, dass ganz offensichtlich die Sonne von außen in den Raum schien – die Fenster bildeten sich mit dem Sonnenlicht auf dem Boden der leeren Halle ab.

Sonnenlicht durch aufgemalte Fenster!?

Noch eine kurze Zeit gab ich mich meiner verzweifelten Unkenntnis hin, dann erhob ich mich und ging ganz langsam zu den vermeintlichen Sonnenfenstern.

Die Sonne blendete mich. Draußen erkannte ich einen Lkw, der mit Anhänger

im Firmengelände rangierte. Auch etliche Kollegen waren zu erkennen und, je länger ich schaute, immer mehr Details eines normalen Arbeitstages.

Eine Weile schaute ich interessiert hin, dann schloss ich die Augen, in der Erwartung, dass nach erneutem Öffnen alles verschwunden sein würde. War es aber nicht!

Mit flachen Händen klatschte ich mehrmals gegen das Pseudofenster, bis die bemalte Wand, die ich traf, mir Schmerzen verursachte.

Eine Projektion! Es muss eine Projektion sein!

Ich begann, die gegenüber liegende Seite mit meinen Augen abzusuchen. Vergeblich. –

Die Haare raufend fing ich an, durch den leeren Raum zu wandern, ziel- und sinnlos. Für kurze Zeit dachte ich gar nichts mehr. War wohl eine Art Notabschaltung des Gehirns…

Erst etwas wirklich Aufregendes brachte meine Denkzentrale wieder in Betrieb:

Ein Gedanke, die Idee, das alles könnte nichts anderes, als ein blöder Traum sein.

Ein Traum, in dem ich denke, das was passiert, ist ein Traum? Warum nicht? Damit würde sich mir die Möglichkeit eröffnen, etwas an meiner ausweglosen Situation zu ändern.

Angeregt und angeleitet durch eine Abhandlung über Träume hatte ich mir nämlich antrainiert, Träume im Geschehen, also gewissermaßen life, zu verändern. Und zwar nach meinem Gutdünken.

Ich erinnerte mich in dem Moment an den letzten Alptraum, in dem ich mit meiner extremen Höhenangst auf einem etwa hundert Meter hohen Mast mit einer tellergroßen Plattform an der Spitze saß. Nichts zum festhalten, das Teil  übelst schwankend und ich vor Angst und Panik kurz vor dem Ableben…

Da hatte ich eine geniale Idee, ließ mich einfach fallen, nach vorne, und segelte, langsam sinkend in großen Kreisen zu Boden, wo ich sanft auf den Beinen landete. Ich hatte mir im Traum einfach die Fähigkeit gegeben, fliegen zu können, um dem Horrortrip ein geradezu lustvolles Ende zu vermitteln.

Warum nicht auch hier?! Wenn es klappen würde, wäre das sogar der Beweis, dass es sich bei meiner Misere tatsächlich um einen Traum handelte.

Fast euphorisch schritt ich sofort zur Tat, und siehe da, am gegenüberliegenden Ende der Halle war eine Tür, groß, mit Stahlrahmen und für mein Empfinden geradezu wunderschön. Und ich spürte genau, die war echt!

Eines fiel mir allerdings auf: Die Entfernung zur anderen Stirnseite erschien mir auf einmal wesentlich geringer als noch vor kurzem. Na ja, in Träumen ist das halt manchmal so…

Es dauerte deshalb nicht lange, bis ich an meiner bestellten und ersehnten Tür war.

In der Tat, sie war echt. Trotzdem noch ungläubig, blieb ich einen Moment regungslos stehen, um dann mutig zur stählernen Klinke zu greifen.

Langsam drückte ich die Tür ein Stück weit auf. Dahinter war es stockdunkel und es schien, als ob das helle Licht der Halle gar nicht über die Türschwelle zu dringen vermochte.

Ich streckte meinen Kopf in die Schwärze um zu sehen… nichts, absolut nichts.

Totale Leere würde aber auch bedeuten, dass unter mir, jenseits der Tür, ein endloser Abgrund gähnte.

Ruckartig zog ich meinen Kopf zurück und die Tür zu und wich instinktiv einige Schritte zurück in den Raum.

Dabei bemerkte ich noch deutlicher, als zuvor, dass sich die Halle schon wieder verkleinert hatte. Auch von Fensterfront zu Fensterfront schien der Abstand auf einmal geringer.

Das wollte ich nun schon genau wissen. Ich durchschritt die ganze Halle, von einer Stirnseite zur anderen und zählte meine Schritte: Neunundsechzig.

Ich konnte nicht mehr stillstehen, wanderte unablässig auf und ab und dachte nach.

War es nun ein Traum, oder nicht? War ich übergeschnappt oder hatte es mich in ein anderes Universum gesogen?

Das Gedachte verwandelte sich langsam wieder in hilflosen, nutzlosen Gedankenmüll.

Der Einfall, nochmals die Halle zu durchmessen, erlöste mich: Einundfünfzig!

Ich hatte mich also nicht getäuscht, und auch die Fenster waren wieder ein Stück aufeinander zugewandert…

Meine Situation schien ausweglos, aussichtslos, hoffnungslos.

Die Hilflosigkeit lastete schwer und lag wie ein dunkler Schatten auf mir, zog mich endlos herunter in eine bodenlose Verzweiflung. Das Erstaunen über scheinbar Unmögliches war einer quälenden Angst gewichen, die nicht mehr zur panischen Agitation, sondern zur Entsetzenslähmung führte.

Ich war zu nichts mehr fähig, als zu sitzen, zusammengekauert im Schneidersitz, auf den Boden starrend…

Nach einer Weile verspürte ich das Bedürfnis, meine Nase zu schnäuzen und mir die Tränen meiner Verzweiflung aus dem Gesicht zu wischen.

Als erstes kam meine Kastanie aus der Hosentasche zum Vorschein.

Seit meiner Kindheit pflegte ich mir im Herbst eine Kastanie in die Hose zu stecken und bis zum nächsten Herbst stets mit mir zu führen. Eine fixe Idee, eine Marotte, wie z. B. die Angewohnheit, Schafe, die auf der rechten Seite meines Weges auftauchen, nicht anzuschauen, weil das Unglück bringt.

Die Kastanie war einfach ein Glücksbringer, der in meiner jetzigen Situation allerdings kläglich zu versagen im Begriff war.

Ich legte die braune Kugel neben mich auf den Boden, um das Taschentuch zu fördern, das meiner Nase Erleichterung schaffte.

Als ich allerdings die Kastanie wieder einstecken wollte, griff ich ins Leere.

Ich wandte mich um, nichts, blickte nach hinten, da rollte sie und was noch schlimmer war, geradewegs auf das große Nichts zu. Die eine Stirnseite, die eben noch die herbei geträumte Tür beinhaltete, war verschwunden. Stattdessen klaffte nun dort jenes grauenhafte, bodenlose, schwarze Nichts.

Ich sprang auf, von der Vorstellung besessen, verloren zu sein, wenn mein Talisman in den Abgrund stürzen sollte.

So schnell ich auch rannte, ich kam zu spät, traute mich auch nicht weiter als zehn Meter an den Rand heran. Weg war sie. Zum ersten Mal, seit meinen Kindertagen hatte ich es nicht geschafft, die Glückskastanie bis zur Neuen zu erhalten…

Mein Gott, was sollte denn noch alles passieren, an diesem verdammten Megaunglückstag??!!!

Neue Ungemach indes war schon auf der Lauer: Was wohl sollte die braune Kugel zum Rollen gebracht haben?

Der Hallenboden musste also eine Neigung haben. Schon immer? –

Der Horrorraum war inzwischen um mindestens ein Drittel geschrumpft, sollte sich die Folterkammer nun auch noch neigen, um mich zuletzt in den Abgrund des Todes rutschen zu lassen?!

Mein Gehirn fing wieder an zu arbeiten.

„Die Kette!“ fiel mir ein. Die Kette an meinem Geldbeutel! Ich kramte sie aus der anderen Hosentasche und ließ die Brieftasche daran baumeln. Ausgependelt, hielt ich mein „Messgerät“ gegen die Fensterseite und konnte so ermitteln, ob der Raum „im Wasser“ war, wie die Maurer sagen.

Das Messergebnis war total niederschmetternd: Mein Gefängnis schrumpfte nicht nur, nein, es begann auch noch zu kippen…

Wenn ich an die dunkle Seite der Halle dachte, taten sich mir Abgründe der Verzweiflung auf.

Ich verkrümelte mich in eine der beiden Ecken, schmiegte mich fest an die Wände und wartete darauf, erlöst zu werden … oder festzuwachsen.

Indes, nichts von dem geschah. Ich schien also verloren, dazu verdammt, ganz langsam das Herannahen meines Endes zu beobachten…

Mir fiel plötzlich mein Wecker ein, im Unterbewusstsein wohl immer noch auf ein zugrunde liegendes Traumgeschehen hoffend. Meine Seele hätte ich verkauft, um dieses verhasste Piepsen zu hören, das mich jeden Morgen Viertel nach fünf aufschrecken ließ. Wie gerne hätte ich im Halbschlaf mit einer unterschwelligen Aggression den Aus-Knopf gesucht und betätigt, um danach liebevoll nach dem herrlich weichen und flauschigen Pelz meiner Katze Gala zu tasten, die neben mir zu schlafen pflegte.

Mein Gott, wenn das wirklich ein Traum war, dann hatte ich die arme Gala bestimmt längst im panischen Alptraum-Strampeln erschlagen…

 

Es muss eine ganze Zeit vergangen sein, während ich so da saß und litt.

Meine Gefühle und Gedanken schienen sich im Kopf zu einem undefinierbaren Durcheinander zu vermengen. Mal die schiere Existenzangst, die verzweifelt nach Auswegen suchte, dann wieder eine völlig unangebrachte Zuversicht, verwoben mit verharmlosenden Vorstellungen und selbstbetrügerischen Trostversuchen, „es ist ja doch nur ein Traum“ oder „das alles gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht“…

Meine Gedanken zweifelten an sich selber, was zu einer Flucht aus der erlebten Wirklichkeit führte und mir langsam, erst eine Ahnung, dann die Gewissheit vermittelte, dass mit meinem Verstand etwas nicht in Ordnung war.

Der Spruch „ ich bin übergeschnappt“ waberte durch mein Gehirn. Die Wände, die ich zu beiden Seiten am Rücken spürte, waren das vielleicht die Mauern eines Aufenthaltsraumes in einer psychiatrischen Landesanstalt?

Ich sah mich selber zwischen etlichen anderen, bedauernswerten Zeitgenossen in der Ecke kauern, total verängstigt und von meinen Wahnvorstellungen in die Enge getrieben.

Ich bemerkte allerdings keinen Pfleger, keine Schwester, der ich mich hätte anvertrauen können, so dass die gesamte Aussichtslosigkeit schließlich in laute,

verzweiflungsschrille Hilferufe münden musste. Etwas anderes fiel mir nicht mehr ein.

Den kranken Teil von mir, der da in der Ecke einer Irrenanstalt hockte, zum schreien bringen!….

Inzwischen waren die Seitenwände nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Die Neigung des Raumes war nun so stark, dass ich mich abstützen musste, um nicht in Richtung Abgrund zu rutschen. Weit hätte ich ohnehin nicht mehr rutschen können: Zwanzig Meter vielleicht? –

Nie zuvor in meinem Leben war es mir so schlecht gegangen, wie in diesem Moment.

Hilfe! Hiiilfeee! Hiiiiiiilfäääääää!!! …….

Mit einem lauten Schluchzen begrub ich alle Reste meiner so genannten Männlichkeit und ließ mich einfach gehen.

Ich hielt allerdings abrupt inne, als ich zuerst wie aus weiter Ferne, doch immer näher kommend, eine Stimme hörte, die mit auffällig wohltuendem Echo meinen Namen rief. Immer wieder: „Herr B.!“ und „Herr B., wachen Sie auf! Können Sie mich hören?“

Ich öffnete ganz langsam die Augen, und mit einem letzten Schluchzen stürmte ich mit unvorstellbarer Erleichterung in meine Erlösung.

Als ich klar sehen konnte, erkannte ich, dass ich in einem Krankenzimmer in einem Bett lag, eine Krankenschwester und ein Arzt über mich gebeugt.

„Er ist wieder da“, hörte ich den Arzt sagen, „Herr B. können Sie mir Ihren Vornamen sagen?“

„Wo..Wolfgang,  ja Wolfgang.“

Nach und nach wurde ich richtig wach: „Wo bin ich hier? Und was ist passiert?“

„ Sie sind von einem herabstürzenden Eisenträger getroffen worden, “erklärte der Doktor, „ auf dem Weg zu Ihrem Arbeitsplatz. Heute Morgen ist das passiert, und sie haben unverschämtes Glück gehabt. Das Teil hat sie nur gestreift. Wie das genau passiert ist, wird man Ihnen schon noch sagen.“

Der Arzt schaute mich an und lächelte, als ob er mir einen Hauptgewinn mitteilen wollte: „Keine Schädelfraktur, nur eine Platzwunde und eine heftige Gehirnerschütterung. Sie waren bis grade bewusstlos. Und jetzt, Herr B., brauchen Sie Ruhe. Versuchen Sie soviel, wie möglich zu schlafen. Können Sie sich denn an irgendwas erinnern?“

Ich schüttelte den Kopf: „Nein,… gar nichts..“

Im Gehen wandte er sich nochmals um: „Wenn das Schmerzmittel nachlässt, dann melden Sie sich, dann müssen wir nachdosieren.“

„ Herr Doktor!“ rief ich ihm nach.

Er blieb stehen und drehte sich noch mal zu mir: „Ja?“

„Wird es… wird es bleibende Schäden geben?“ fragte ich mit ängstlichem Unterton.

Er lachte: „Nein, ganz sicher nicht. Das einzige, was Ihnen bleiben wird ist eine Narbe an der linken Kopfseite. Aber da wächst bald wieder Gras, will sagen Haar drüber.

Zufrieden mit seinem kleinen Scherz verschwand der Arzt.

„ Legen Sie sich zurück und entspannen Sie, “ sagte die Schwester mitleidig lächelnd und zog dabei die Bettdecke zurecht. „Das muss ja schlimm sein, wenn man aufwacht und sich an nichts erinnert und dann so eine Schramme am Kopf hat. Na, vielleicht ist es ganz gut so, ich meine, dass Sie von dem Unfall gar nichts mitbekommen haben und derweil friedlich schlafen konnten…“

„Hat die ne Ahnung!“ dachte ich und schwieg.

Sie betastete den Verband auf richtigen Sitz und tat mir dabei sehr weh. Mit einem lauten: „Autsch!“ zuckte ich zusammen und erst jetzt bemerkte ich, dass mein Kopf völlig eingewickelt war mit irgendeinem Verband.

„Mit dem Dingen hier, “ sie drückte mir eine Art Fernbedienung mit Kabel in die Hand, „können Sie mich rufen, wenn Sie mich brauchen, ja? Einfach draufdrücken.“

Die Krankenschwester wollte gerade gehen, als ich auch sie mit einer Frage zurückhielt: „Schwester, was habe ich da an?“

Sie lachte: „ Das sind hauseigene Krankenhemden. Sie können auch Nachthemden dazu sagen.“

„Und wo sind meine Sachen?“

„Alles dort im Schrank.“

„Könnten Sie mir noch einen kleinen Gefallen tun, bitte.“

„Klar, gern.“

„Könnten Sie mir meine Hose herbringen?“

„Wenn´s weiter nichts ist.“

„Ist ziemlich verdreckt von Ihrem Sturz, “ sagte die Frau, als sie mit der Hose ans Bett kam.

„Hier, bitte.“

„Ich tastete die Hosentaschen von außen ab, griff in beide hinein und gab die Hose dann zurück.
„Ist aus meiner Hose irgendwas herausgefallen oder entnommen worden?“
„Das Taschentuch muss noch drin sein und Ihre Geldbörse haben wir im Schwesternzimmer in Verwahrung. Soll ich sie Ihnen bringen?“
„Nein, nein, lassen Sie nur…“
Ich lehnte mich nachdenklich zurück und versuchte zu entspannen.
Trotz der Kopfschmerzen gab mein Hirn keine Ruhe: „Wahrscheinlich ist sie doch herausgefallen und man hat sie weggeworfen. Es war ja nur eine dumme Kastanie.
Mein überfallartig entstandener Harndrang verdrängte diese Gedanken.
Ich verspürte nicht die leiseste Lust, mich von einer Schwester zum Pinkeln führen zu lassen oder gar die Notdurft in eine Bettpfanne zu verrichten. Deshalb erhob ich mich langsam, und nachdem ich eine Weile auf der Bettkante gesessen hatte, machte ich mich ein wenig wackelig auf den Weg zur Tür.
Der Weg zum Klo war gut beschildert und im Stationsflur die Luft rein.
„Was für ein Tag…!“ dachte ich, als sich die Erleichterung wohltuend bemerkbar machte.
Nach dem Händewaschen wieder ein spähender Blick in den Flur. Er war mit weißem Neonlicht durchflutet und völlig leer.
Ich trat heraus. Wachsendes Unbehagen stieg in mir auf:
Die Tür zu meinem Krankenzimmer war täuschend echt auf die weiße Wand aufgemalt, wie alle anderen Türen auch…..

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