Der Einsiedlerkrebs

 

 

Der Einsiedlerkrebs

 

 

Die Geschichte, die im Folgenden erzählt werden soll, ereignet sich am Rande der 1960er Aufbruchsjahre des vergangenen Jahrhunderts und erzählt von drei Jungen Menschen und deren Schicksalen. Im Mittelpunkt steht dabei der Lebensweg eines jungen Mannes, der über mehrere Weichen der Fügung immer wieder auf neue Bahnen gelenkt wird und zweimal in eine Katastrophe, die ihm den Boden unter den Füßen entreißt. Sie erzählt aber auch von Standhaftigkeit eines unverwüstlichen Charakters, der aus allen Wirren und Unbilden heraus in der Liebe zur Schönheit dieser Welt seinen Weg findet.

 

 

 

Kapitel 1

 

Benedikt, den alle einfach Ben nannten, war in den 1950er Jahren aufgewachsen und nun ein Teenager der sechziger Jahre. Dunkelblond, braune Augen, nun, im Jahr 1968, gerade 18 Jahre alt geworden und natürlich begeisterter Anhänger der „Beat-Musik“ und der „Beatles“. Wer von den Jugendlichen war das nicht in jenen Jahren des Umbruchs und der Neuorientierung? Kein Wunder, viel zu viel war falsch gelaufen seit Anfang des Jahrhunderts, als dass die nun heranwachsende Nachkriegsgeneration im gleichen Trott hätte weitermachen können. Es war Zeit für einen Umbruch.

Überall brodelte es in der Welt: Ein Versuch, den Kommunismus in der Tschechoslovakei zu liberaliesieren, wurde von der Sowjetunion niedergeschlagen und Dubcek entmachtet. Der Prager Frühling war binnen Kurzem in den kommunistischen, russischen Winter zurückgefallen. Der Vietnamkrieg nahm Fahrt auf und die antirassistische Bewegung in den USA erfuhr mit der Ermordung von Martin Luther King einen empfindlichen Rückschlag. Viele hatten damals einen Traum von einer besseren Welt, doch er forderte auch seine Opfer. Bei den Studentenunruhen in Deutschland wurde Rudi Dutschke niedergeschossen und in den Vereinigten Staaten  Präsident Kennedy.

Die Eroberung des Weltalls machte Riesenfortschritte, mit Apollo 8 umrundete erstmals ein bemanntes Raumschiff den Mond und schon im darauffolgenden Jahr landeten dort die ersten Menschen. Kurz, es tat sich eine Menge in der Welt, gleichzeitig aber auch in Bens Leben und hätte er geahnt, was in den nächsten Jahren auf ihn zukommen würde, dann wäre ihm wohl schwindelig geworden dabei.

Aus der Pubertät war Ben eher besinnlich hervorgegangen und passte als ruhiger und fast zu anpassungsfähiger Jugendlicher eigentlich nicht perfekt in diese Aufbruchszeit der Sechziger.

An jenem Nachmittag, an dem die Geschichte  beginnt, saß er in seinem Zimmer. Er lebte bei seinen Eltern im Haus, das diese gebaut hatten. Das obere Stockwerk, in dem ab 1955 zehn Jahre lang eine am Kriegsende vertriebene Flüchtlingsfamilie gewohnt hatte, stand nun leer und Ben hatte  sich dort ein Zimmer einrichten können. Er hatte dort auch eine eigene Toilette mit einem kleinen Waschbecken.

An jenem Nachmittag also hatte Ben nach Jahren wieder einmal seinen alten, grauen Pappkarton auf dem Schoß, in dem er von klein an seine Erinnerungen aufbewahrte. Fotos, Zettelchen von einer ersten Verliebtheit, samt gelblich verblichenem Bildchen von ihr, die Freischwimmernadel und eine leere Schachtel „Kurmark“, seine letzte Packung, in der noch für eine Mark zehn Zigaretten enthalten gewesen waren. Wie immer betrachtete Ben besonders lange das Foto von einer schottischen Felseninsel mit dem Namen „Bass Rock“, von einem Sandstrand aus aufgenommen und umschlossen vom Meer, das ein tiefes Blau des wolkenlosen Himmels wiederspiegelte.

Bens Schwester Johanna lebte seit Jahren am Firth of Forth, nahe Edinburh und bei etlichen Besuchen hatte er dort den Ozean kennen und lieben gelernt.

Der Ruf seiner Mutter im Treppenhaus holte ihn aus seinen Erinnerungen:

„Ben! – Telefon!“

Ein Freund war am Apparat, um Ben zu erinnern, dass er sich am Abend mit ihm und einigen anderen Kumpels treffen wollte.

Die ersten, gemeinsamen Stunden des Abends verbrachten die Burschen wie so oft im Ritterkeller, einer Spelunke im Untergrund eines alten Fachwerkhauses an der Stirnseite des Marktplatzes. Dort wurde zusammen gelegt und ein „Stiefel“ bestellt. Schon eine viertel Stunde später war das stiefelförmige Zweiliterglas geleert und wurde erneut befüllt.

Ben, der einer Wette wegen ein Jahr nicht rauchen durfte und sich eisern daran hielt, litt an der verrauchten Luft, aber eher an seiner Abstinenz, als am Gestank oder Sauerstoffmangel. Es war verdammt hart, den anderen beim Rauchen zusehen zu müssen.

Schon gut angeheitert kamen die Vier aus dem rauchigen Gewölbe dann wieder zum Vorschein, um in einer weiteren Kneipe in einer der engen Pflastersteingassen ihrer Heimatstadt am Schwarzwaldrand einzukehren. So war das restliche Geld rasch verbraucht und man schlenderte durch die nächtlichen Straßen der Stadt, mal singend, mal laut lachend – gut drauf eben und als Gruppe zusammen war man natürlich umso freier und stärker.

Noch war auch die Unternehmungslust der Vier lange nicht gestillt.

„Ist heut nicht Abschlussball vom Tanzkurs?“ fragte einer.

„Stimmt, in der Aula. Auf geht’s, da geht vielleicht noch was!“ Ben allerdings schien alles andere als begeistert, war aber rasch überstimmt und so marschierten sie denn in Richtung Aula.

Dort angekommen sträubte sich Ben erst hineinzugehen, als er die Leute im Anzug und in Ballkleidern sah. Da würden die vier Angetrunkenen doch geradezu provozierend wirken. Auf Ärger hatte er überhaupt keine Lust. Gerade das machte aber den Reiz aus für die anderen Drei. Es half nichts, er wurde hinein geschoben und gezogen.

Ben ahnte nicht, dass diese Glastür eine der Weichen darstellte, an der das Schicksal ihn auf ein ganz neues Gleis seines Lebensweges brachte.

Der Ball war schon weit fortgeschritten, viele standen und unterhielten sich, einige tanzten zur Musik aus den Lautsprechern und wieder andere saßen an den blumengeschmückten Tischen bei einem Getränk.

Die Vier marschierten argwöhnisch beäugt durch die Tischreihen in Richtung Tanzfläche. So kamen sie auch an jenem Tisch vorbei, an dem zwei Mädchen, schick angezogen und mit hübsch frisierten Haaren saßen. Eine davon, in einem bezaubernden  Kleid mit großen, blauen Blüten darauf, erregte Bens Aufmerksamkeit ganz besonders, schien ihn geradezu zu hypnotisieren. Die zweite kannte Ben, es war eine Klassenkameradin aus dem Gymnasium. Ein kurzer Blick, ein verlegenes „Hallo“ und schon galt seine ganze Aufmerksamkeit wieder der Anderen.

Er war widerwillig als Letzter in dem unpassenden Auftritt marschiert, blieb nun aber stehen und starrte das Mädchen im blauen Kleid an. Vom Alkohol immer noch etwas benebelt, war er weder fähig, ein Wort zu sagen, noch die Peinlichkeit dieses Verhaltens zu erkennen.

Sein Zurückbleiben wurde schnell bemerkt und er wieder abgeholt und weitergezerrt.

Irgendetwas war geschehen mit Ben, musste ihn zutiefst berührt haben. Er wirkte wie abwesend, machte plötzlich kehrt, verließ die Gruppe nun endgültig und lief eiligen Schrittes zurück, wobei er im Vorbeigehen von einem der unbesetzten Tische die Blumen aus der Vase nahm. Schließlich stand er mit hochrotem Kopf vor dem Mädchen im blauen Kleid. Es war inzwischen allein am Tisch, und er überreichte die Blumen, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen.

Das Mädchen lächelte und nahm den kleinen Strauß entgegen. Ben wischte sich die von den Stilen nasse Hand an seiner Hose ab und wirkte hilflos, als er das Mädchen fast ängstlich mit halb offenem Mund ansah. Dann verließ er rasch die Szene, ohne sich noch einmal umzusehen. Das Ganze sah beinahe  wie eine Flucht aus und es war eine Flucht vor sich selbst und seinem Zustand.

Ben wohnte in einem Vorort etwas außerhalb der Stadt und nahm eiligen Schrittes einen finsteren Heimweg durch den Wald. Der Himmel war bewölkt und man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Es ging steil bergan durch das enge Schwarzwaldtal und Ben geriet außer Atem, schimpfe vor sich hin, immer wieder vom tiefen Atemholen unterbrochen:

„Hätte ich doch bloß…  nichts gesoffen… Ich hab mich… total blamiert…“ Diese Gewissensbisse wechselten sich mit Augenblicken freudiger Erregung ab. Weiß Gott, er kannte dieses Gefühl, das den ganzen Körper ergriff und durchzog, doch so intensiv, wie nun, wenn er das Mädchen in seiner Erinnerung vor sich sah,  hatte er es bisher nie erlebt

Obwohl noch voller Gedanken an die Begegnung, brachte ihn der Alkohol doch recht schnell in den Schlaf.

Als Ben erwachte hatte er schon wieder das Bild des Mädchens im Kleid mit den blauen Blumen vor Augen.

Nichts hätte ihn davon abbringen können, sogleich nachzuforschen, wer sie wohl war, diese faszinierende Erscheinung.

Er wusste nur, dass sie am selben Gymnasium wie er zur Schule ging, denn da hatte er sie schon gesehen, allerdings nicht wirklich wahrgenommen. Aber da war ja auch die Klassenkameradin gewesen. Vielleicht wusste die, wer die Begehrte war.

Am Telefon erfuhr er von der Schulfreundin Folgendes:

„Ja, das war Elisabeth, meine jüngere Schwester. – Dacht ich’s mir doch gleich. Du warst ja einen Moment lang total neben dir gestern Abend. Die Kleine ist ziemlich von der Rolle seither. Und hör mal, sie ist gerade mal vierzehn Jahre alt.“

„Tatsächlich? – Das konnte ich nicht wissen. Sie sieht ja auch nicht so jung aus. Aber – meinst  du, ich könnte trotzdem mal mit ihr sprechen?“

„Sie ist nicht da, mit den Eltern unterwegs, aber du hast ja die Nummer…“

So kam es denn bald darauf zu einem ersten Telefongespräch. Zögernd und mit zitternden Händen drehte Ben die Wählscheibe, bis er bei der vorletzten Ziffer angekommen war. Nach einem bangen Zögern steckte er mit deutlich spürbarem Herzpochen den Finger in das Loch mit der letzten Zahl und drehte die Scheibe ganz langsam im Uhrzeigersinn bis zu Anschlag. Wieder ein kurzes Zögern, dann aber ließ er mutig los.

Tuut…. tuut… und schon hauchte eine zarte Mädchenstimme in den Hörer:

„Ja bitte – – Hallo, wer ist denn da?“

Die Worte waren Ben im Halse stecken geblieben und fast hätte er wieder aufgelegt, stammelte dann aber doch:

„ Ben, äh Ben Köster. – Äh, bitte, sprech ich mit Elisabeth?“

„Ja, am Apparat. – Ben Köster? Verzeihung, ich kenne Sie nicht.“

„Ja, das ist so… äh, neulich beim Abschlussball vom Tanzkurs – ja, da habe ich dir die Blumen gegeben. Erinnerst du dich?“

„Ach so! Ja klar.“ Ihre Stimme veränderte sich. Sie wurde irgendwie herzlicher, fast liebevoll. Es entstand eine peinliche Pause.

„Danke übrigens noch dafür! Ich habe mich sehr gefreut darüber.“ Ben lachte verlegen und, das stoffumhüllte Kabel in seiner linken Hand zerknüllend, antwortete er:

„Ach, das war doch nichts Besonderes. Hab ich von einem der Tische geklaut.“

„Ja, hab ich mir gedacht. Die Stiele waren noch ganz nass.“

Beide lachten und Bens Augen strahlten, als Elisabeth dann hinzufügte:

„Ich hab mich aber trotzdem gefreut.“ Wieder entstand eine Pause, die peinlich lang war. Dann, als hätte Ben sich selbst einen Tritt verpasst, richtete er plötzlich ruckartig seinen Körper auf und dann kam recht flüssig über seine Lippen:

„Ich würde es toll finden, wenn wir uns mal treffen könnten… vielleicht auf einen Spaziergang oder auf eine Cola im Café oder so…“

„Ja! Sehr gern. – Jetzt gleich?“ Ben war ob dieser Spontanität zuerst völlig überrumpelt.

„Was?! – Äh klar, warum nicht. Ich kann mit dem Moped in einer starken halben Stunde bei dir oben sein.“ Beide wohnten in unterschiedlichen Stadtteilen, Ben auf der einen, Elisabeth auf der anderen Seite des Tales, in das sich die Stadt schmiegte.

„Kennst du den Waldparkplatz am Rand unseres Stadtteils?“ fraget Elisabeth.

„Klar. Bin in einer halben Stunde da.“

Es wurden vierzig Minuten. Der luftgekühlte Zweitaktmotor des alten Mopeds lief am Berg heiß und verlangte qualmend eine Pause. Der Name „Achilles“ war auf dem kleinen Tank zu lesen und die Kühlung schien denn auch die entsprechende Ferse des Gefährts zu sein.

Dann aber standen sie sich gegenüber, Elisabeth und Ben, und schauten sich verlegen und doch erwartungsvoll  in die braunen Augen. Was für ein Moment! Der ganze Körper in heller Aufregung, die seltsam schwachen Knie und das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben…

Es folgte ein denkwürdiger, erster Spaziergang im Wald und beide erlebten das zauberhafte Hingezogensein zum Andern, das seinen besonderen Reiz auch darin fand, dass man es des Anstandes wegen nicht ausleben konnte. So ging man sittsam nebeneinander her und nur beim Abschied berührten sich einmal die Hände, wenn auch  unüblich lange.

 

Es wurden mit der Zeit viele Spaziergänge im Wald und Treffen in der Stadt. Alles war in gewisser Weise kompliziert, weil Elisabeth erst vierzehn Jahre alt war. Die Eltern durften nichts erfahren, doch hatte Ben eine wichtige Verbündete in der älteren Schwester von Elisabeth.

Bald gingen die beiden stets Arm in Arm spazieren und schließlich, an einem Sommertag im Wald, da hielt Ben an und zog Elisabeth ganz dicht zu sich heran. Gerade hatten sie noch gescherzt, nun schauten sie sich ernst und tief in die Augen und spürten beide das Gleiche. Das Erlebnis des ersten Kusses durchströmte die erregten Körper fast wie eine Droge. Unvergesslich blieb dieser Moment der intensiven Nähe. Beide waren in dieser Berührung auf besondere Weise vereint. Es war etwas Neues, eine ganz besondere Qualität des Zusammenseins und beide genossen diese Innigkeit.

Sie schauten sich danach entspannt und irgendwie entzückt an und zählten dann die Schritte von jener Stelle des ersten Kusses bis zur Wegekreuzung. Es waren dreiunddreißig. Auf diese Weise konnten die Beiden die Stelle später immer wieder finden.

Da Bens Eltern tagsüber bei der Arbeit waren, gelang es den beiden Verliebten öfter, sich heimlich in Bens Zimmer zu verstecken und dort ungestört ein paar Stunden zu verbringen. Mit dem Bus waren sie stets schnell dort und auch wieder zurück in der Stadt. Als sie sich zum ersten Mal dorthin zurückgezogen hatten, war Elisabeth gleich das Tonbandgerät aufgefallen, das auf einem Regal an der Wand stand.

„Du hast ein Tonband?!“ rief sie erstaunt aus.

„Ja, seit ein paar Wochen. Von meiner Mutter. Wir haben gewettet. Wenn ich es schaffen würde, ein Jahr nicht zu rauchen, dann würde sie mir das Gerät kaufen.“

„Und du hast es geschafft?“

„Ja, klar und ich rauche auch seitdem nicht mehr“, kam die Antwort mit nicht zu überhörendem Stolz. Dabei bedurfte er am letzten Rauchtag einer Nikotinvergiftung, um den Einstieg in diese Abstinenz zu schaffen. Ben hatte sich mehrere Schachteln mit zehn Zigaretten seiner Marke mit der Bezeichnung „Kurmark“ aufs Zimmer genommen und stundenlang am Stück geraucht, eine an der anderen angezündet, bis er schließlich, nachdem er sich mehrmals übergeben hatte, ein paar Tage keine Zigarette mehr sehen, geschweige denn  riechen konnte. Danach hatte er die Zeit durchgestanden. Es war nicht einfach, aber ein Tonbandgerät zu haben, das war in jenen Jahren in Ben Kreisen das Größte. Ben fügte hinzu:

„Das Tonband ist echt g …äh großartig“. Fast hätte er „geil“ gesagt, doch um diesen neuen, sich rasch verbreitenden Modeausdruck vor einem Mädchen zu benutzen, war er zu der Zeit noch viel zu sehr mit seiner sexuellen Bedeutung behaftet; jedenfalls für Ben.

„…. Ich kann Musik aus dem Radio aufnehmen und ich habe mir auch grade die Beatles-LP „Help“ ausgeliehen. Die spiel ich auf dem Plattenspieler und nehm sie mit dem Mikrofon auf und das kommt super raus.“

Verwöhnt war Bens Gehör nicht gerade, was Qualität der Wiedergabe anging. Seine ersten Beatles Songs, vom Vater damals noch verächtlich als Urwaldmusik bezeichnet, hatte er heimlich gehört, mit dem Ohr am Lautsprecher eines alten Grundig-Radios und von „Radio Luxemburg“ auf Kurzwelle, da der alte Kasten gar kein UKW hatte. Die Mittelwelle war noch fest in Schlager- und Volksmusikhand. Da musste die Leidenschaft für den damals sogenannten „Beat“ schon groß sein und das Gehirn fähig, die Musik aus dem Brummen, Quietschen und Pfeifen der Kurzwelle herauszufiltern.

Ben legte eines seiner bespielten Bänder auf und die Beiden saßen eng umschlungen im Kuss auf Bens Bett und genossen das ungestörte Beisammensein. Im Hintergrund tönte ein Song von den Bee Gees vom Tonband.

Die Zeit verging und die Berührungen wurden intensiver, bis schließlich die ersten sexuellen Erfahrungen hinzu kamen, langsam und behutsam und alles immer im Geheimen. Zwar hatten Elisabeths Eltern längst bemerkt, dass da was im Busche war und Ben inzwischen auch kennen gelernt, jedoch bleiben gewisse Dinge wegen des zarten Alters des Mädchens stets tabu und im Geheimen, wenngleich die Eltern nach langem Betteln von Elisabeth dieser schließlich erlaubt hatten, sich bei der Hausärztin die Pille verschreiben zu lassen. Man konnte ja nie wissen…

 

Kapitel 2

 

1970, als Ben zwanzig war, machte er sein Abitur. Danach arbeitete er in einer Autofabrik, um sich etwas Geld für den Führerschein und das erste Auto zu verdienen. Es wurde natürlich ein alter VW Käfer, mit einem Stoffschiebedach.

An ein Studium war noch nicht zu denken, der Einberufungsbescheid zum Wehrdienst in München lag bereits vor.

Ben und Elisabeth blieben unzertrennlich auch während der eineinhalb Jahre der abzuleistenden Wehrpflicht, in denen sie sich nicht einmal mehr jedes Wochenende sahen. Gleichwohl bemerkte Ben in Laufe der Zeit einige Dinge, die ihm zu denken gaben. So pflegte Eli, wie er sie inzwischen meist nannte, ihn stets nach seiner Abwesenheit zunächst auf eigenartige Weise abzuwehren, als wäre er ihr fremd geworden. War er voller Drang und Sehnsucht, sie wiederzusehen und zu berühren, so war sie immer erst einmal abweisend und verwehrte ihm meist sogar einen Begrüßungskuss. Ben empfand dies anfangs immer wieder als befremdlich, gewöhnte sich im Laufe der Zeit jedoch daran.

Die Briefe aus und nach München waren seltener geworden und auch die Klagen wurden bald leiser, wenn immer wieder einmal das Wochenende einem Diensteinsatz zum Opfer fiel.

Ben wertete dies mit der Zeit als Zeichen einer einkehrenden Normalität, einer gewissen Alltäglichkeit in der Beziehung und so als normalen Gang der Dinge. Er machte sich darüber zunächst auch keine Gedanken.

 

Die achtzehn Monate Wehrdienst waren, auch wenn sie zeitweise endlos erschienen, doch irgendwann zu Ende und Ben konnte sein Studium beginnen. An der Universität in Stuttgart hatte er einen Platz bekommen, so konnte er mit seinem Auto täglich zur Uni fahren und ohne Mietkosten bei seinen Eltern wohnen bleiben; eine Variante, die sich die Familie finanziell überhaupt nur leisten konnte.

Man schrieb nun 1972, das Jahr der beginnenden Watergate-Affäre, der Eskalation des Nordirland-Konfliktes, der olympischen Spiele in München mit dem grauenhaften Terrorüberfall auf die israelische Mannschaft, nicht enden wollender Flugzeugabstürze und der letzten Mondlandung. Es sollte auch ein Schicksalsjahr in der Liebesbeziehung von Elisabeth und Ben werden.

Die Karten schienen sich neu zu mischen, als im Oktober Eli fürs Wochenende zu Besuch bei einem ihrer Onkel war. Ben hatte in diesen ersten Semesterferien einen Ferienjob angenommen und schlenderte an diesem freien Samstag abends über den Marktplatz seiner Heimatstadt. Die Freunde waren schon rar geworden, seit er die meiste Zeit mit seiner Elisabeth zu verbringen pflegte. Zudem gingen mit den verschiedenen Lebenswegen nach dem Abitur die meisten Kontakte zu Schulkameraden zunächst verloren; der Wehrdienst bewirkte ein Übriges.

So kam es, dass Ben sich an diesem Abend alleine die Zeit vertreiben musste. Er hatte Lust auf ein Bier, noch mehr aber auf Gesellschaft. Das Auto hatte Ben zuhause gelassen. In einer halben Stunde konnte man von seinem Wohnort zu Fuß die Innenstadt erreichen.

Der Ritterkeller kam nicht in Frage. Obwohl, vielleicht auch weil Ben ab seinem sechzehnten Lebensjahr einmal Raucher gewesen war, scheute er diese Spelunke nun allein schon der verqualmten Luft wegen.

„Ein paar alte Bekannte“, dachte er, „und vielleicht etwas Musik, gut und laut, das wär’s.“ Und da kam nur eines in Frage: Das „Riverboat“, zwar auch ein verrauchter Keller, aber mit Stil und mit Rock-Musik und Nischen und Ecken zum gepflegten Sitzen. Auch tanzen konnte man, wenn einem danach war. Ja, das war wohl auch das Erfolgsgeheimnis dieses Kellers: Man konnte tun, wonach einem gerade war. Genüsslich knutschende Pärchen waren dort nichts Besonderes, wären in anderen Einrichtungen zu dieser Zeit jedoch noch ein Unding und irgendwie anstößig gewesen.

„Das ist es“, dache Ben, „ ein Bierchen, gepflegte Musik und vielleicht treff ich ja einen alten Bekannten.“

Auch diesmal ahnte Ben nicht, dass die große, massive Eichentür am Eingang des Kellers schon wieder eine jener Weichen war, die sein Leben auf ein völlig anderes Gleis lenken sollte.

Die Treppe hinunter war eng, steil und sehr lang, so, als müsste man zwei Stockwerke abwärts überwinden. Ben griff immer wieder nach dem hölzernen Handlauf an der Sandsteinwand. Die Musik, die an sein Ohr drang und mit der Tiefe lauter wurde, war wie eine Einladung: „Let it be“, einer der letzten Titel der Beatles, die es seit seinem Abitur nicht mehr gab als Band. Und gerade dieser Titel erinnerte ihn immer wieder an einen Abend zuhause beim Freund von Elis Schwester. Eines jener unvergesslichen Erlebnisse der innigen Zweisamkeit. Alle Vier hatten es sich damals auf dem Boden eng umschlungen gemütlich gemacht, bei Kerzenlicht und passender Musik. In Bens Gedächtnis hatte sich ein langer und intensiver Kuss an jenem Abend eingegraben und dabei klang eben auch dieser Song von den Beatles vom Plattenspieler.

Etwas Wehmut beschlich Ben deshalb, als er in die verrauchten Gewölbe trat und sich umschaute. An mehreren Tischen saßen kleinere Gruppen beisammen, an einem aber ein Mädchen ganz allein. Ben kannte die Einsame von der Schule. Die Tochter des Lehrers Mertens am Gymnasium musste ein oder zwei Jahre unter seiner Klasse gewesen sein. Die Kontakte zu den unteren Klassen waren nicht gerade intensiv; man kannte sich eben mehr oder weniger oberflächlich, oft kaum beim Namen. Etwas anders war das natürlich bei der Lehrer-Tochter.

In der Tat, das war Eva Mertens, die da ganz allein saß. Nun schien diese Eva aber auch die einzige der Anwesenden zu sein, die er wenigstens annähernd kannte und so steuerte er auf sie zu, anstelle zu einem der unbesetzten Tische zu gehen. Letzteres verbot ihm der Anstand.

„Grüß dich, Eva. Kennst du mich noch?“ Eva, die ihn schon anvisiert hatte, lächelte ihm entgegen und es war ein unnachahmliches Lächeln, das nur ihr zu Eigen war.

„Klar kenn ich dich! Du bist Ben, der Freund von Eli. Wo hast du sie denn gelassen?“

„Du kennst Eli?“

„Ja doch“, lachte Eva, „ wir sind doch Nachbarinnen.“

„Ach ja, stimmt, du hast ja Recht. Ihr wohnt ja nur ein paar Häuser auseinander.“

„Magst du dich zu mir setzten?“

„Sehr gern, aber ich will nicht stören.“

„Du störst mich doch nicht, du rettest mich. Ich kenn doch kein Schwein hier. Komische Besetzung heute Abend, oder?“

„Bist du denn allein hier?“

„Siehst du noch jemanden am Tisch?“ Sie schaute auf die leeren Stühle und lachte. Und dieses Lachen faszinierte Ben. Es war ein etwas rauchig-raues, aber vollkommen offenherziges Lachen, das, wie auch ihr Lächeln, einzigartig war. Eben Eva, durch und durch sympathisch, entwaffnend und anziehend.

„Weißt du, eigentlich rettest du mich“, antwortete Ben grinsend, „ich kenn doch hier auch nicht einen Einzigen.“ Ben setzte sich und die beiden sahen sich wortlos einige Augenblicke an.

Ben hatte irgendwie das Gefühl, durch die hübschen, blauen Augen in Evas hineinschauen zu können und er empfand dabei ein eigenartiges, unbekanntes Gefühl der Tiefe und Offenheit.

Im gleichen Moment spürte Ben das Blut in sein Gesicht strömen. Er hasste es, wenn er rot wurde, wenn sein Körper Dinge verriet, die er gerne verborgen hätte. Er senkte den Blick auf den Tisch und wirkte fast beschämt in diesem Augenblick. Doch wie magisch zogen ihn Evas Augen an und er musste wieder hineinblicken. Es war zu faszinierend was er sah und dabei gleichzeitig spürte, diese Offenheit und Herzlichkeit und dieser Ausdruck der irgendwie schutzbedürftigen Unschuld. All das schien so gar nicht zu ihrem rauen Lachen zu passen, das fast schon so etwas, wie einen verruchten Anklang hatte, Eva aber nur noch liebenswerter erscheinen ließ. Eben dieses Lachen holte ihn nun aus seinen Gedanken:

„Was ist los? Hat’s dir die Sprache verschlagen?“

„N..nein, nein, wieso? Ich habe nur deine tollen Augen bewundert.“

Ben hätte sich ohrfeigen wollen. Wie kam er dazu, ihr sowas zu sagen?! Aber er hatte es gesagt, es war ihm einfach herausgerutscht und nun errötete auch sie.

„Du Schmeichler!“ Und nach einer Pause beeilte sich Eva das Thema zu wechseln:

„Holst du uns was zum Trinken?“

„Klar doch. Was möchtest du?“

„Was nimmst Du?“

„Ich hätte Lust auf ein Bier.“

„Bringst du mir eine Cola mit?“ Eva wollte ihm Geld geben, doch Ben lehnte ab:

„Nein, nein, das mach ich schon.“

Es gab keine Bedienung im „Boat“, wie der Ort allgemein kurz genannt wurde. Getränkeverkauf und Schallplatten auflegen, alles erledigte meist nur ein Mann.

Als Ben aufstand und in Richtung des rustikalen Holz-Tresens am einen Ende des Kellers ging, meinte er Evas Blicke zu spüren. Er wurde unsicher, ging auf einmal irgendwie anders, bewusst und seltsam konzentriert, als hätte er Angst, jeden Moment stolpern und sich zum Affen machen zu können.

„Oh Gott, was ist nur los mit mir?“ dachte er und wunderte sich über seine Unsicherheit. Er fühlte sich in diesem Moment fast etwas verloren.

„Was darf’s sein?“ Die Stimme des Mannes hinter dem Tresen schreckte ihn aus den Gedanken.

„Äh, eine Cola und ein Bier bitte.“

Zurück am Tisch stießen die beiden mit den Flaschen an und tranken einen Schluck. Gläser benutzte man hier unten üblicherweise nur für Wein oder Hochprozentiges.

Eva setzte nach einer Pause den Dialog fort:

„Was machst du zurzeit?“ Ben antwortete:

„ Ich habe ein Studium begonnen in Stuttgart.“

„Erst jetzt?“

„Ja, ich war achtzehn Monate beim Bund.“

„Ach so. Und war studierst du?“

„Biologie und Geographie.“

„Bio – war ja klar.“ Eva lächelte. Oh dieses unglaubliche Lächeln, dachte Ben.

„Wieso klar?“

„Na du warst doch des Professors Liebling und das mit den Schmeißfliegen, diese Forschungsarbeit, das wusste doch jeder am Gymi.“

„Echt jetzt?“

„Jetzt tu doch nicht so! Aber sag doch mal, wo hast du Eli gelassen?“

„Die ist bei einem Onkel in Würzburg“, antwortete Ben und nach einem Schluck Bier:

„ja und jetzt sag du mal, was machst du inzwischen?“

„Ich hab grad in Tübingen angefangen – Germanistik und Theologie.“

„Ehrlich? Ganz in den Fußstapfen des Herrn Papa. – Germanistik würde mir auch Spaß machen.“

„Und hast du eine Wohnung gefunden in Tübingen?“ fragte Ben.

„Ich hatte großes Glück und bin in eine Wohngemeinschaft reingekommen, aus der grad einer ausgestiegen war. Ist preiswert und ich hab ein eigenes Zimmer.“

„Auch Jungs?“ fragte Ben und grinste.

„Ja, auch zwei Jungs“, antwortete Eva ebenfalls grinsend, „der Ausseiger war ein Mädchen und so hatte ich gute Chancen.“ Aber sag mal, fuhr sie fort:

„Ihr seid ja schon lang zusammen, du und Eli.“ Ben schwieg und senkte verlegen den Blick.

„Ist die große Liebe, oder?“ Eva lächelte und beide sahen sich einen Moment schweigend an. Und da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl, fast wie ein Prickeln. Es eroberte den ganzen Körper, zerwühlte die Seele und schien Ben langsam und unentrinnbar gefangen zu nehmen.

„Wollen wir tanzen?“ fragte Eva und strahlte ihn geradezu an, da gab es kein Entkommen. So ungern Ben auch tanzte, er verspürte doch eine unbändige Lust, dieses Mädchen zu berühren, ihm nahe zu sein.

Ein neuer Titel begann gerade, „A Whiter Shade of Pale“, von Procol Harum. Fast hätte man meinen können, der Mann am Tresen hätte das Musikstück mit Absicht aufgelegt, denn da gab es keine Wahl, es war ein „Stehblues“. Man tanzte denselben eng, Körper an Körper und ohne feste Schrittfolge, oft nur hin- und her wiegend.

Lächelnd kam Eva ganz dicht an Ben heran und legte ihre Arme auf seine Schultern. Sie war fast einen halben Kopf kleiner als er.

Die Körper der beiden berührten sich leicht. Ben umschloss mit seinen Armen Evas Oberkörper und zog sie noch näher an sich heran. Ein erregender Schauer erfasste Ben dabei.

Eva hatte aufgehört zu lächeln und legte ihren Kopf seitlich an Bens Schulter. Dabei schloss sie ihre Augen. Sichtbar genoss auch sie diese Nähe.

Ben kannte dieses Gefühl der Erregung, aber nicht in dieser Qualität. Er konnte Evas dunkelblonde Haare riechen und ihr Parfüm und ohne es eigentlich zu wollen, aber auch  ohne es verhindern zu können, flüsterte er:

„Ich lass dich nie wieder los.“ Eva hob ihren Kopf und schaute ihm in die Augen.

„Was hast du gesagt?“

„Äh, nichts. Nichts von Bedeutung.“

„Sie streckte sich etwas und raunte in sein Ohr:

„Und wenn ich es doch verstanden habe…?“ Er schwieg, lächelte verlegen und drückte Eva noch fester an sich.

„Oh Gott“, dachte er, „was tu ich da?! Wieso sage ich diese Dinge?“ Und er verspürte gleichzeitig den Drang, noch viel mehr zu sagen.

Ben war klar geworden, dass er sich völlig verliebt hatte in dieses Mädchen. Nicht auf den ersten Blick, nein, er kannte sie vom Sehen ja schon einige Jahre. Es war ihre Aura und es waren ihre Augen, das Lächeln und diese unbeschreibliche Offenheit einer Unschuld, die gnadenlos Gefühle erzeugte. Ihnen gegenüber sah sich Ben einfach machtlos ausgeliefert. Diese unbekannte Tiefe des Empfindens machte ihn auf eine ganz aufregende Weise völlig hilflos. Viel später, als Ben sich wieder einmal an diese aufwühlenden Momente erinnerte, wurde ihm klar, welch winziger Abstand doch zwischen dem bloßen sich Sehen und dem sich Verlieben zuweilen sein konnte; ein Wort, ein Lächeln, vielleicht nur eine Geste und es geschieht.

Ein weiteres, langsames Stück wurde aufgelegt und die Tanzfläche begann sich zu füllen. Die Beiden hatten sich keinen Augenblick losgelassen, sich nur schweigend angesehen und waren dann zur neuen Musik wieder enger zusammengerückt. Dieses sich gegenseitig Spüren empfanden beide immer mehr so, als hätten sie schon immer zusammen gehört, als wäre etwas längst Fälliges endlich passiert und es fühle sich aufs Intensivste richtig an, vollkommen unwiderstehlich und doch gleichzeitig auf eigenartige Weise irgendwie vertraut..

Eva und Ben beschlossen danach, sich wieder an den Tisch zu begeben. Das Erlebte hatte beide irgendwie überrumpelt. Eine Weile saßen sie sich wortlos gegenüber. Ein langer, gegenseitiger Blick in die Augen ersetzte für eine Weile auf zauberhafte Weise den Dialog.

Eva lächelte nicht mehr. Sie schien nun auch begriffen zu haben, wie ernst das war, was sich gerade zwischen den beiden abspielte. Sie begann sich Gedanken zu machen ob ihres Eingriffes in das Leben von Ben und Eli und sie empfand so etwas wie Schuld. Wie ein dunkler Schatten legten sich diese Überlegungen im Stillen auf das Erlebte. Dabei war eben noch alles einfach nur richtig und schön gewesen.

Nach einer Weile blickte sie auf ihre Uhr und sagte leise:

„Ich werde gleich abgeholt. Ich muss los. – Und danke für die Cola.“ In ihrer Stimme schwang ein Anflug von Traurigkeit, als sie nach einer kleinen Pause hinzufügte:

„Danke für den schönen Abend.“

„Aber wir sind doch grade mal eine halbe Stunde hier“, wandte Ben ein.

„Tut mir leid, aber ich muss los, Ben. Sei mir nicht böse, bitte!“

„Dann begleite ich dich.“

„Nein, bitte nicht. Mein Bruder Ludwig holt mich ab und ich möchte nicht, dass er uns zusammen sieht.“ Ben verstand zwar noch nicht recht, was nun geschah, aber er gab nach und fragte auch nicht mehr nach einem Warum. Er spürte, dass es Eva sehr ernst war und dass sie etwas zu bedrücken schien. Sie schauten sich noch einmal in die Augen und Ben sagte leise:

„Ich möchte dich wiedersehen – morgen. –  Bitte!“

„Ich bin nur noch dieses Wochenende hier bei meinen Eltern. Ich geb Dir die Telefonnummer und dann telefonieren wir, okay?“

„Ja, okay.“

„Hast du was zum Schreiben?“

Am Tresen liehen sie sich einen Kugelschreiber und damit schrieb Eva die Telefonnummer ihrer Eltern auf Bens Handfläche. Dann ging sie rasch und ohne zurückzuschauen die engen Stufen hinauf. Sie hatte ihn nicht mehr angesehen und Ben meinte, Tränen in ihren wundervollen Augen entdeckt zu haben. Er war ziemlich verwirrt ob des plötzlichen Aufbruchs von Eva. Hatte er vielleicht etwas falsch gemacht?

Er setzte sich wieder an den Tisch und trank sein Bier aus. Dabei fiel ihm auf, dass Eva die Hälfte ihrer Cola zurückgelassen hatte. Ben fühlte sich plötzlich sehr allein und geradezu überflüssig und auch die Musik erreichte ihn nun nicht mehr. Nachdenklich nahm er die Limonadenflasche in die Hand und führte sie an seinen Mund. Er genoss beim Trinken den Gedanken, dass kurz zuvor Evas Lippen diese Flaschenöffnung noch berührt hatten.

Kurz darauf begab auch er sich auf den Weg nach Hause. Die kühle Nachtluft fühlte sich wie eine Erfrischung an. Ben nahm einen tiefen Atemzug der unverbrauchten Nachtluft. Die Laternen auf dem menschenleeren Marktplatz warfen ein fahlgelbes Licht auf die Pflastersteine und es war sehr still. Ben hörte nur das Plätschern der beiden Marktbrunnen, als er mit langsamen Schritten nachdenklich über den Platz ging, um zum Stadtrand zu kommen.

Ja, er würde den finsteren Weg durch den Wald nehmen. Er war am besten geeignet, um nachzudenken, gerade so wie damals, als er Elisabeth getroffen hatte.

Es gab jedoch einen Unterschied zu damals: Die Nacht war sternenklar und selbst unter den mächtigen Tannen konnte man heute den Weg gut erkennen.

Auch war Ben nicht außer Atem, als er, bedächtigen Schrittes, vor sich hinmurmelte:

„Es muss ihr genauso ergangen sein, wie mir. Die Gefühle haben sie überwältigt.“ Und:

„Habe ich etwas falsch gemacht? Nein, und nochmals nein. Ich kann nichts dafür.“

Nach einer Weile, als er schon aus dem Wald herauskam und er in den klaren Sternenhimmel schauen konnte, hielt er inne, fasziniert vom Anblick der beinahe spürbaren Unendlichkeit über ihm.

Es war noch heller geworden, die Mondsichel war aufgegangen und vervollständigte das großartige Schauspiel lautloser Schönheit.

„Es ist, wie es ist“, sagte Ben laut vor sich hin.

„Und es ist so wunderschön!“ ergänzte er fast zärtlich und der Nachthimmel verschwamm in seinen feucht gewordenen Augen.

Lange konnte Ben nicht einschlafen, seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Zunächst noch überwältigt von der Intensität des Erlebten, begann nun langsam die Erkenntnis seines Dilemmas zu reifen. Eli war zunächst völlig untergegangen in seinen heftigen Gefühlen und es war so, als wäre sie weit weg, hätte sich entfernt von seinem Leben. Umso deutlicher kam sie nun zurück in seine Gedanken.

Sollte er ihretwegen Eva wieder aufgeben, diese wundervolle Zukunft, die sich da auftat? Es wurde Ben immer klarer, dass es für ihn jetzt schon kein Zurück mehr gab. Was immer er auch Elisabeth Liebevolles sagen oder tun würde, er würde stets Eva vor Augen haben. Nein, das hatte keine Zukunft, viel zu tief war er schon in dieses wundervolle Abenteuer hineingeraten.

Aber, wie sollte er Eli das beibringen? Wie würde sie reagieren? Ein Schuldgefühl stieg in ihm auf und wie berauschend das alles auch war, was geschah, auf gewisse Weise erschien es ihm doch auch grausam Elisabeth gegenüber.

Dann wieder war er ganz bei Eva mit seiner Grübelei. Er hatte sich die Nummer auf seiner Hand auf einem Zettel notiert, um sie beim Waschen nicht zu verlieren und gleich am Morgen würde er anrufen und sich mit Eva treffen.

Es war schon gegen drei Uhr, als Ben endlich in den Schlaf fand.

 

Am Folgetag verabredeten sich Eva und Ben zu einem Spaziergang im Wald für ein klärendes Gespräch. Immer wieder war es der Waldparkplatz; der Ort schien sich zu einem Dreh- und Angelpunkt in Bens Lebens zu entwickeln.

Eva war schon da, als er mit dem alten VW Käfer auf den Schotterplatz einbog.

Einen Moment standen sich beide schweigend gegenüber, dann aber gab es kein Halten mehr. Die beiden Körper stürmten aneinander in eine enge Umarmung, in der beide eine Weile verharrten. Es fühlte sich zu gut an, um loszulassen.

„Komm, wir müssen reden“, sagte Eva schließlich, nahm Bens Hand und zog ihn auf den Waldweg in den Schatten der Bäume.

Es war ein heller Oktobersonntag und in den Laubbäumen und Hecken des Waldrandes begannen sich die ersten, warmen Herbstfarben anzudeuten. Der Wald roch nach modrigem Grund und frisch geschlagenem Holz. Alles hätte traumhaft schön sein können, wäre da nicht ein Problem gewesen, mit dem die Beiden sich auseinander zu setzen hatten.

Nach einigen Schritten in nachdenklichem Schweigen begann Eva zu sprechen:

„Ben, ich glaube, was gestern Abend geschehen ist, das ist zu weit gegangen.“

„Was meinst du damit? Was haben wir schon…“:

„Nein, bitte lass mich ausreden“, unterbrach sie ihn und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:

„Ich habe mir schreckliche Vorwürfe gemacht letzte Nacht. Ich war im Begriff, dein und Elis Beziehung kaputt zu machen und diese Schuld möchte ich nicht auf mich laden. Verstehst du das?“

„Aber Eva, wie kannst du denn etwas kaputt machen, wo du doch gar nichts getan hast?! Für das, was geschehen ist, können wir beide nichts, es ist – ja, Schicksal und…“:

„Nein, eben nicht!“ unterbrach ihn Eva wieder, „wir haben das in der Hand und wir müssen das augenblicklich beenden! Es ist…“ sie stockte, als würden ihr die Worte im Halse stecken bleiben.

„Hör zu Eva, wie soll ich mit Eli weiterleben, wenn ich ständig dich im Kopf habe?! Ich kann das, was zwischen uns entstanden ist, nicht einfach wegwischen und so tun, als ob nichts geschehen wäre.“

War Ben zunächst heftiger und lauter gewesen, so wurden seine Worte nun ruhiger und wirkten bedachter:

„Vielleicht könntest du das, ich kann es sicher nicht.“ Nach einer kurzen Pause:

„Viel zu tief ist das in mir drin, was ich gestern gespürt habe. Etwas Großes und Wichtiges, etwas, das ich zuvor nicht gekannt habe. Weißt du, es sind Gefühle…“

Er hatte zu Eva hinüber geschaut und brach seinen Satz ab, weil er bemerkte, dass sie angefangen hatte zu weinen.

„Mein Gott Eva!“ Er blieb stehen und zog sie zu sich heran, nahm sie in seine Arme. Sehr fest erwiderte sie die Umarmung und konnte es nicht mehr unterdrücken: Laut begann Eva an Bens Schulter zu weinen und zu schluchzen. Sie hatte geglaubt, stark genug zu sein, um das durchzustehen, doch das Empfundene war übermächtig. Wie konnte sie das einfach aufgeben und wegwerfen, auf was sie so viele Jahre gewartet hatte, auf eben diesen Einen! Immer hatte sie nicht nur gehofft, nein, irgendwie auch gewusst, dieser Eine würde irgendwann einfach da sein. Sie spürte es so deutlich im Innersten, dass es nun geschehen war.

Eine Weile standen sie so, zutiefst berührt und beeindruckt von ihren Gefühlen  und konnten es kaum glauben, nicht begreifen, wie so etwas Gewaltiges in so kurzer Zeit hatte entstehen können, ein kaum zu bändigendes Verlangen nacheinander wie aus dem Nichts geboren.

Eva wurde ruhiger und löste sich schließlich aus der Umarmung, um ihre Nase zu trocknen. Sie zog ein seidenes, buntes Taschentuch aus der kleinen Tasche ihrer Strickjacke.

„Halt!“ sagte Ben, „das ist viel zu hübsch und zu schade.“ Er brachte aus den Taschen seiner Hose ein weißes, baumwollenes Tuch hervor, frisch gewaschen und gebügelt, und er überreichte es Eva, während er ihr das Seidentüchlein aus der Hand nahm.

Sie gingen danach ohne ein Wort ein ganzes Stück des Waldweges weiter. Es bedurfte einer Pause des Nachdenkens und der Besinnung. Beide begannen erst jetzt wirklich zu begreifen, was passiert war und waren völlig überwältigt.

Schließlich kamen sie an eine Lichtung, auf der ein Grillplatz eingerichtet war. Auf einer der Bänke, aus halben Baumstämmen zusammengebaut, ließen die Beiden sich nieder.

Eva wirkte immer noch aufgelöst und irgendwie hilflos, als sie Ben ansah und dieser wieder zu reden begann mit den Worten:

„Stell dir einmal vor, wir würden jetzt einfach auseinandergehen – für immer. Ich weiß, ich würde in meinem Schmerz die Schuld bei Eli sehen, wenn auch nur unbewusst. Sie und ich, wir hätten keine Chance mehr, das spüre ich ganz deutlich.“

Eva schwieg und blickte auf die niedergetretenen Gräser auf dem Boden vor ihr.

„Ich kann mir das auch nicht erklären, ich wusste nicht, dass es so etwas Heftiges gibt“, fuhr Bens fort. Sein Blick ging dabei in die Tannenwipfel und er nahm einen seufzenden, tiefen Atemzug.

„Bitte glaub mir, Eva, wir können und dürfen das nicht wegwerfen, diesen Schatz, den wir gemeinsam gefunden haben. Ich würde mein Leben lang dafür kämpfen. –

Es ist nicht unsere Schuld, es ist einfach geschehen. Wir haben das beide nicht gesucht – es hat – ja, es hat uns gefunden.“ Ben machte eine Pause. Nun hatte auch er Tränen in den Augen, als er leise hinzufügte:

„Und Eva, es ist so wunderschön!“

Als sich beide wieder in die Arme nahmen, war es besiegelt. Evas Bedenken waren besiegt, hatten sie doch tatsächlich nie eine Chance gehabt.

Gefühlt waren es ein paar Minuten der innigen Umarmung, tatsächlich aber war fast eine halbe Stunde vergangen, als sich beide aus den Armen ließen und sich in die Augen sahen, so tief, wie am Abend zuvor und es war, als ob die Gefühle füreinander noch stärker geworden wären.

„Schenkst du mir einen Kuss?“ fragte Ben zärtlich und zauberte damit das geliebte Lächeln auf Evas Gesicht zurück. Wortlos fasste sie um seinen Hals und zog sein Gesicht ganz dich zu sich heran.

Sie küssten sich, zuerst nur eine zarte Berührung der Lippen, danach ein langer und leidenschaftlicher Kuss, gefolgt von einem zweiten und dritten…

Aus Evas Sicht war die Aussprache mächtig schief gegangen, doch irgendwie war ihr, als hätte sie sich insgeheim nichts sehnlicher gewünscht, als das was nun geschehen war. Nachdenklich und still hatten die Beiden wieder eine Weile dagesessen, als Eva das Schweigen brach:

„Wann wirst du es ihr sagen?“fragte sie mit einem ängstlichen Unterton in der Stimme.

„Und wie willst du es ihr sagen?“ Nur zögernd kam Bens Antwort:

„Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich da durch muss und dass es sehr schwer wird.“

Sie machten sich auf den Rückweg und Ben fiel auf, dass er immer noch das Seidentuch in seiner Hosentasche hatte.

„Hier hast du dein Tüchlein zurück.“

„Es gefällt dir, stimmt’s?“

„Ja, es ist sehr hübsch.“

„Ich schenke es dir, wenn du es haben willst. Meine Initialen sind eingestickt. Es ist ein Geschenk von meiner Mutter.“ Ben küsste sie und bedankte sich. Dabei führte er das Tuch unter seine Nase und sagte:

„Es riecht so wundervoll nach dir. Es wird mich immer begleiten und mich trösten, wenn wir nicht zusammen sind. – Eines wird dieses hauchdünne Ding allerdings nie können…“

„Was meinst du?“

„Na, dich zu ersetzen.“ Nun hatte auch Eva ihr Lächeln wieder gefunden und beide gingen Arm in Arm unter den in einen Hauch von Herbst getauchten Bäumen zurück zum Waldparkplatz.

 

Ben brachte am Tag darauf Eva nach Tübingen. Das Wintersemester 72/73 begann und auch er musste zurück zur Universität.

Dann, am Abend rief Eli an. Ben hatte sich schon gewundert, hatte ihren Anruf bereits am Sonntagabend, nach ihrer Rückkehr erwartet. Nach den obligatorischen „Wie-war’s“ und „Wie-geht’s“ vereinbarten beide ein Treffen am darauf folgenden Dienstag.

Diesen 24. Oktober sollte Ben nie vergessen, es war ein Tag der Wahrheit.

Ben holte Eli zuhause mit dem Auto ab und beide fuhren ein Stück aufs Land hinaus, um an einer, von Ben gut überlegten Stelle mit Sitzgelegenheit, anzuhalten und sich niederzulassen.

Ben war zum ersten Mal froh, dass Elisabeth die übliche Anfangsscheue praktizierte und somit selbst die Basis für das folgende Gespräch auf das passende Niveau brachte. Diese Distanz, die er nun wieder spürte und die er ja eigentlich kannte, überraschte ihn jedoch diesmal insgeheim. Eli schien auf sonderbare Weise schon ein Stück von ihm entfernt zu sein im Miteinander der Beiden.

Schon auf der Fahrt hatte Eli von Würzburg und ihrem Onkel erzählt, ohne dass Ben auch nur ein einziges Detail aufzunehmen im Stande war. Jedenfalls konnte er nun ohne Umschweife zum Thema kommen:

„Elisabeth, ich muss dir etwas sehr Trauriges sagen und ich kann nur hoffen, dass ich dir nicht zu sehr weh tue.“ Er machte eine Pause, um einen passenden Einstieg zu finden. Eli hatte schon bei dem Namen „Elisabeth“ statt einem üblichen „Eli“ gestutzt und saß nun mit halb geöffnetem Mund in düsterer Erwartung neben Ben.

„Was ist denn los? Was ist passiert?“ Unfähig, noch lange darum herum reden zu können, kam Ben dann sofort mit der Wahrheit heraus:

„Ich habe am Wochenende, ohne es zu wollen, ein Mädchen kennengelernt und mich unsterblich verliebt – das ist los.“ Ben nutzte Elis Sprachlosigkeit im ersten Moment, um gleich beschwichtigend fortzufahren:

„Bitte glaube mir, Eli, das war keine Absicht, das ist einfach so geschehen, ohne dass ich es wollte und nun kann ich es nicht mehr ungeschehen machen. Und glaube mir, ich sehe keine Chance für ein Zurück zu dir. Keinen Moment hatte ich auch nur den Hauch einer Chance dafür, seit es geschehen ist.“

„Wie bitte? Ich bin ein Wochenende weg und du machst dich an eine Andere ran?! Das ist…“ Das war alles, was Elisabeth dazu einfiel und dann fehlten ihr die Worte. Sie schüttelte unaufhaltsam den Kopf, den Mund wieder halb offen. Ben wurde klar, nun gab es kein Zurück mehr und fast wie in Panik fügte er hinzu:

„Bitte Eli, glaub mir, es tut mir schrecklich leid, ganz ehrlich. Trotzdem bin ich machtlos, kann es nicht ändern. Du musst mir glauben, dass ich es versucht habe…“ Eli drehte bei diesen Worten ruckartig den Kopf von ihm weg, um mit leerem Blick in die Landschaft zu starren, unfähig, sich zu äußern. Dadurch entstand eine lange, spannungsgeladene Pause bis Ben weiterredete:

„So etwas geschieht einfach, ohne dass man daran etwas ändern kann. Es hätte umgekehrt auch dir passieren können. Du ahnst nicht, wie schwer mir da hier fällt und nichts wäre mir lieber, als dir das zu ersparen. Aber ich kann es nicht, es ist nun einmal so wie es ist…“ Dabei fielen ihm spontan die Worte ein, die er nach der ersten Begegnung mit Eva auf dem Heimweg laut vor sich hin und in die sternenklare Nacht hinaus gesprochen hatte.

Die aufkommende Neugier ließ Eli wieder Worte finden:

„Wer ist es?“ fragte sie kleinlaut mit weinerlicher Stimme.

Ben überlegte. Natürlich würde sie das fragen und natürlich würde sie es früher oder später ohnehin erfahren.

„Es ist Eva.“

„Eva Mertens?“ kam entsetzt zurück.

„Ja, ich habe sie zufällig im „Boat“ getroffen und wir haben uns nur einfach unterhalten. Schließlich kenne ich sie von früher, vom Gymnasium…

„Red nicht weiter, ich kann mir den Rest denken. Oh dieses Luder! Klar, sie wusste sicherlich, dass du ins „Boat“ gehen würdest. Oh nein!“ Eli beugte ihren Oberkörper nach vorne, verbarg ihr Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Wie schnell sie doch dabei war, einen Schuldigen auszumachen. Ben erkannte, dass sie seine Worte weder verstanden hatte, noch zu akzeptieren bereit war.

Er versuchte, sie tröstend in den Arm zu nehmen, doch sie wehrte ihn heftig ab. In dem, was er sagte schwang Verzweiflung mit, als er begann zu beteuern:

„Nein, nein! Das ist völlig ausgeschlossen. Sie konnte es nicht wissen, woher auch?! Bis wenige Augenblicke davor wusste ich ja selbst nicht, wo ich hingehen würde und was ich tun wollte. Und sie kann so wenig etwas für das, was geschah, wie ich.“ Mehr fiel Ben im Moment nicht ein. Auch er beugte sich ein Stück nach vorn und starrte erschöpft auf den Grasboden vor ihm.

Schon kurz darauf hörte Eli auf zu weinen. Sie schnäuzte ihre Nase und stand ganz plötzlich auf.

„Bring mich bitte nachhause!“

Schweigend bestiegen sie den Käfer. Beim Wegfahren spürte Ben einige Momente lang ein Bedauern und Wehmut aufkommen und er empfand Elisabeth gegenüber eine Mischung aus Schuld und Mitleid. Noch vor Kurzem hatte er dieses Mädchen geliebt, sie vergöttert und nun war all das verblasst und im Begriff zu vergehen. Einfach so, wie von einem Augenblick auf den anderen. Wie konnte so etwas geschehen? Schon mischten sich Zweifel in seine Gedanken: War es richtig, was er da tat?

Gleichzeitig sah Ben zum ersten Mal ganz deutlich den Unterschied zwischen dem, was er mit Elisabeth empfunden hatte und den unbeschreiblich tiefen Gefühlen zu Eva und mit einem Male verstand er und wusste, dass alles so richtig war, wenn auch grausam und vielleicht hart.

Auf der Fahrt wurde kein Wort mehr gewechselt und Ben freute sich schon über einen doch recht glimpflichen Verlauf dieses Geständnisses, als er Eli vor der Haustür aussteigen ließ und sie ohne sich umzusehen schweigend im Haus verschwand. Doch da sollte er sich täuschen.

Zuhause zurück saß Ben dann auf seinem Bett. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf, bis er wieder ganz bei seiner Eva war. Er ging im Geiste noch einmal den Waldweg mit ihr, erinnerte sich an das Seidentuch und kramte es aus seiner Hosentasche. Er schloss die Augen und roch daran und es war ihm, als säße sie neben ihm und dann, als begegneten sich ihre Gedanken, da draußen irgendwo, in einer unsichtbaren, unwirklichen und heilen Welt, in der er sich mit seinen Gefühlen nun wähnte.

Es war Nachmittag geworden. Nach einer Weile legte Ben sich aufs Bett und schlief entspannt und in voller Bekleidung ein.

„Ben – Telefon! Schnell!“ Die Stimmer seiner Mutter im Treppenhaus riss Ben unsanft aus dem Schlaf.

Elisabeths Mutter rief an. Sie war verzweifelt, weil Eli sich in ihr Zimmer eingeschlossen hatte und seit Stunden weinte. Und sie wollte niemanden herein lassen…

Ben setzte sich eilends ins Auto und fuhr los. Seine Mutter rief ihm noch nach:

„Da hängt ein Tuch aus deiner Hosentasche!“ doch das hörte Ben nicht mehr.

Angekommen, redete er so lange durch die geschlossene Tür auf Elisabeth ein, bis sie schließlich öffnete. Sie schaute ihn mit verheultem Gesicht an und sagte nur zwei Worte:

„Bitte geh!“ Ben spürte, dass es wohl das Beste wäre, nun zu gehen. Er drehte sich langsam um, blieb einen Moment mit dem Rücken zu Eli stehen und zu den Eltern gewandt sagte er noch mit bedrückter Stimme:

„Es tut mir leid, mehr kann ich im Moment nicht tun…“

Es gab keine Fragen mehr, niemand sprach mehr ein Wort und Ben ging kleinlaut durch die Haustür hinaus, mit dem Gefühl allerdings, das Schlimmste nun geschafft zu haben. Wie gern hätte er jetzt mit Eva geredet, ihr alles erzählt.

Auf eigenartige Weise schaltete sein Gehirn auf dem Heimweg ab und schien das eben Geschehene ausblenden zu wollen. Plötzlich hatte er wieder einen Blick für das, was um ihn herum geschah: Der dichte Feierabendverkehr, die Agip-Tankstelle, der Co-op-Supermarkt. Er starrte im Vorbeifahren auf die bunten Wahlplakate, die wegen der vorgezogenen Bundestagswahlen überall hingen. Irgendwie war Ben zurück im Leben und konnte nach vorne schauen.

 

Kapitel 3

 

Eva und Ben wurden im Laufe der nächsten Wochen und Monate immer befreiter in ihrem Umgang miteinander. Wann immer er konnte, nahm Ben zunächst seinen Heimweg von Stuttgart über Tübingen, einen Umweg, der die Fahrstrecke mindestens verdoppelte. Die Wochenenden verbrachten die Beiden, wann immer es ging, zusammen.

Die Benzinlosten wuchsen bald über das Finanzierbare hinaus und so mussten Eva und Ben schon bald ihre Zusammenkünfte im Wesentlichen auf die Wochenenden beschränken. Auch Telefonate blieben selten, der Kosten wegen  und da es in der Wohngemeinschaft keinen Apparat gab.

Langsam aber sicher schien das Unangenehme, das ihre entfachte Liebe zueinander verursacht hatte, in die Vergangenheit abzutauchen, entfernte sich zusehends vom Hier und Jetzt. Dadurch wurden die Beiden immer befreiter und konnten bald ihr Miteinander unbeschattet genießen.

Was Ben besonders auffiel, im Gegensatz zu seinen verblassenden Erinnerungen an die Zeit mit Eli, das war der krasse Unterschied zu den Wiedersehenserlebnissen mit Eva nach einer jeweils überdauerten, einsamen Woche. Beide stürmten jedes Mal geradezu wild aufeinander los und genossen das wiedererlangte Beisammensein in vollen Zügen. Nicht selten konnten die Beiden dabei die Tränen der Freude nicht unterdrücken.

Eine Kleinigkeit beschäftigte Ben anfangs ein wenig. Das Seidentuch, das Eva ihm geschenkt hatte, er vermisste es seit dem Tag nach dem Treffen mit Elisabeth. Es war nicht mehr aufzufinden und so musste Ben sich damit abfinden, dass er es wohl verloren hatte. Er nahm sich zwar vor, Eva dieses Malheur zu beichten, doch irgendwie ging das immer wieder unter, möglicherweise auch deshalb, weil sich Ben unbewusst vor dem Geständnis deshalb drückte, weil er nicht wollte, dass die harmonische Stimmung der beiden Verliebten auf diese Weise gestört wurde. Gewiss, er hatte auch Angst davor, schließlich war es ja ein Geschenk ihrer Mutter gewesen. Was er nicht ahnen konnte war, dass Eva ein halbes Dutzend davon besaß, ein jedes mit dem gleichen, kunstvollen Monogramm „EM“. Sie fragte deshalb auch nie danach und hätte bei seinem Geständnis wohl nur gelacht.

Von Elisabeth kam nichts mehr. Sie schien ihre Niederlage akzeptiert zu haben. Was Ben allerdings dadurch zunächst nicht erfuhr, war, dass sie immer häufiger den Unterricht schwänzte und ihre ohnehin nicht überragenden Leistungen in der Schule noch deutlich abfielen. Langsam zeichnete sich ab, dass Eli wohl das Ziel ihres Schuljahres nicht mehr erreichen würde. Nachdem sie schon zwei Klassen wiederholt hatte, wäre es ihr Aus fürs Gymnasium gewesen.

Auch in Bens Studium begannen sich Unbilden abzuzeichnen. Kam er auf Kosten der Eltern zu Schulzeiten mit dem Bus zum Gymnasium, so musste er nun ständig mit dem Auto in die Landeshauptstadt fahren. Das wenige, durch schier endlose und nervenaufreibende Formulare voller Fragen erlangte Geld, das die staatliche Bafög-Hilfe brachte, reichte noch nicht einmal ganz für das Benzin. Alles hing von dem bei Semesterferienjobs verdienten Geld ab, auf Gedeih und Verderb. Zuhause hatte er als Unterstützung Wohnung und Verpflegung; mehr konnte er von den Eltern nicht erwarten. Er kam so allemal viel billiger weg, als mit einer Wohnung am Studienort.

Manches Mal blickte Ben mit Neid auf seine einstigen Volksschul-Kameraden, die meist längst eine Lehre hinter sich hatten und in einem anständigen Beruf arbeiteten, einige, wie ihre Väter, in der großen Autofabrik. Sie alle hatten ein gutes Auskommen und viele von ihnen bereits Familien gegründet. Und ab und zu fragte sich Ben, ob es das Studium wert war, jahrelang mit ständigen Betteleien und Verzichten leben zu müssen. Doch dann besann er sich stets darauf, dass es ein überschaubarer Zeitraum sei und darauf, was danach sein würde.

Aber was waren diese Sorgen schon im Vergleich zu der wundervollen Zeit, die Eva und Ben miteinander erlebten. Sie verbrachten weiter jedes Wochenende zusammen, zumeist in Tübingen. Das eine ums andere Mal hatten er oder sie auch mal ein paar Mark, um ins Kino oder auch nur etwas trinken zu gehen. Hierbei spielten die Eltern auch immer wieder eine heilsam erleichternde Rolle. In seltenen Fällen genehmigten sich die Beiden auch einen kleinen Ausflug in die Heimatstadt und gingen zum Tanzen ins „Boat“. Dorthin konnte man auch gehen, ohne ein Getränk zu kaufen. Das Wichtigste und Wertvollste aber war immer ihre Zeit gemeinsam, meist bei Spaziergängen oder auch tief im Wald, verborgen im Käfer oder in Bens Zimmer im Haus seiner Eltern.

Eines Samstagabends, spät im November, saßen sie so auch dort eng beisammen auf Bens Bett und schauten durch das Fenster nach draußen. Es regnete und der Winter schien nicht in Gang zu kommen in diesem Jahr. Die Semesterferien hatten schon begonnen und Eva verbrachte diese Zeit wie immer zuhause bei ihren Eltern. So hatten beide des Öfteren Gelegenheit, bis spät abends in Bens Zimmer zu verweilen, wenn er von der Arbeit in seinem Ferienjob zurück war.

Ben erzählte von früheren Jahren, als er sich in den Schulferien Geld verdient hatte und damit mehrmals seine Schwester besuchen konnte. Sie lebte in Schottland, hatte als Au-Pair in dem idyllischen Städtchen North Berwick, am Firth of Forth, nicht weit von Edinburgh, ihr Glück gefunden, in Gestalt eines Schotten Namens Frank. Dort hatte Ben das Meer kennen- und lieben gelernt und jedes Mal eine starke Sehnsucht nach diesem unvergleichlich beeindruckenden, geradezu entzückenden Ort der Begegnung von Land und Wasser mit nachhause gebracht.

So schwärmte er auch an diesem Abend Eva von Strand und Felsenküste, von schier endlosen Sandbänken und Einsiedlerkrebsen, die mit ihren geborgten Schneckenhäusern in den Ebbepfützen und -Tümpeln auf muschel- und tangbedeckten Felsen zurück blieben, bis die nächste Flut sie wieder verschlang.

„Irgendwann werden wir es uns leisten können“, träumte Ben beim Blick in den trüben Novemberabend, „und dann fahren wir mit einem Zelt und dem Käfer nach Schottland, fahren über die violett blühenden Highlands bis ganz hinauf an die wilde Nordseeküste. – Stell dir nur einmal vor, wir beide, ganz allein auf einer Düne am Sandstrand, in der Ohren nur das Rauschen der Brandung und das Lachen der Möwen vom blauen Himmel herab…“

„Meinst du denn der alte Käfer schafft das noch, bis hinauf nach Schottland?“

„Natürlich! Du weißt doch: Er läuft und läuft und läuft…“ Ben zitierte damit den damaligen Werbespruch der Volkswagen AG und die beiden begannen zu lachen.

Träume kosteten auch damals nichts und so konnten die beiden darin nach Belieben schwelgen.

Wie meist lagen Eva und Ben danach eng umschlungen auf dem Bett und genossen die ungestörte, gemeinsame Zeit.

Spätestens seit Anfang der 70er Jahre war Letzteres einfacher geworden. Viele, womöglich zu viele Tabus waren gefallen und alles schien möglich, vieles wurde probiert. Kein Hahn krähte mehr nach einem sogenannten „Kuppeleiparagraphen“ und voreheliche sexuelle Kontakte, die aufgrund dieses Paragraphen bis zur Rechtreform 1969 noch unter Strafe gestanden hatten, waren bereits in den Bereich der Normalität gerückt und mit der Pille auch risikoarm geworden.

Diese Entwicklung war natürlich auch an Ben und Eva nicht vorüber gegangen.  Insbesondere bei ihren gemeinsamen Stunden in Bens Zimmer kam es so nun öfter zu immer intensiveren Annäherungen, doch nie zum Äußersten. Das wusste Eva immer rechtzeitig zu verhindern und dafür hatte Ben Verständnis, so schwer es auch fiel.

An einem der Wochenenden im Dezember jedoch, kam Eva ungewöhnlicher Weise mit ihrer Tasche aus dem Haus ihrer Eltern. Dieses kleine Reiseutensil war bisher immer bei den Eltern geblieben, wo Eva auch zu nächtigen pflegte, wenn sie während der Semesterferien dort weilte.

An jenem Tag aber, Anfang Dezember, da setzte sich Eva mit einem ungewöhnlichen Lächeln ins Auto. Voller Ahnungen schaute Ben sie mit großen Augen an und immer wieder auch auf die Tasche.

„Nun fahr schon los!“ drängte sie und irgendwo, am Waldrand außerhalb der Stadt, da schaute sie Ben mit auffallend roten Wangen in die Augen und stellte eine Frage, die Ben in gewaltige Erregung versetzte:

„Kann ich heut Nacht bei dir bleiben?“

Später erst, als sie schon auf dem Weg zu Bens Zuhause waren, erzählte Eva, dass sie schon seit Monaten die Pille genommen hatte. Alles Andere bedurfte keiner Worte mehr.

Für Eva war es das erste Mal. Ganz behutsam machten die beiden den Abend und die Nacht zu einem unvergesslichen Erlebnis des innigsten Zusammenseins, zu einem Höhepunkt ihrer Liebe. Viel Schlaf bekamen sie nicht dabei. Engumschlungen in den frühen Morgenstunden eingedöst, stellte sich dies bald als nur kurzes Verschnaufen heraus, bis sie beide endlich, als es schon wieder hell zu werden begann, dann mit wonniger Erschöpfung in den Tiefschlaf fielen.

Am Morgen, als Ben zur Toilette ging, in der sich auch die einzige Waschgelegenheit im Obergeschoss in Form eines winzigen Porzellan-Waschbeckens mit Spiegel befand, da sah er auf der Spiegelablage Evas Zahnbürste und Zahncremetube liegen. Lange schaute er fasziniert hin und lächelte. Das fühlte sich großartig an und auf gewisse Weise wie eine zauberhafte Normalität, wie ein Blick durch einen winzigen Türspalt in eine erträumte, gemeinsame Zukunft. Ein wunderschönes Gefühl, das Ben richtig genoss, auch mit einem Anklang von Stolz.

Es folgten viele weitere Abende und Nächte und ihre Bindung wurde immer fester, so gegensätzlich die beiden auch waren, auch in ihren Weltbildern und Ansichten. So hatte Ben sich schon in frühen Jugendzeiten vehement dagegen gewehrt, einfach an etwas zu glauben, was noch nie ein Mensch jemals gesehen hatte. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass beide Möglichkeiten existierten, dass es vielleicht einen Gott gab, vielleicht aber auch nicht. Er gab sich mit der Erkenntnis zufrieden, vieles einfach nicht zu wissen und verstehen zu können, wie den Sinn des Daseins oder die Herkunft des Universums.

Tiere wussten nichts von ihrem irgendwann bevorstehenden Tod und Ben verstand dies als eine Gnade. Was sollte die Erkenntnis um die Endlichkeit der eigenen Existenz, wenn es weder schlüssige Antworten gab auf die Fragen nach einem Danach und dem Warum noch die Möglichkeit, dies mit dem gegebenen Verstand zu erfassen?

Eva, die ein Theologiestudium begonnen hatte und in streng christlichem Haus erzogen worden war, dachte da ganz anders, empfand aber die Diskusionen sogar als eine Bereicherung. Streit gab es nie, jeder respektierte den Standpunkt des anderen. So konnten sie unbeschwert diskutieren, sich gegenseitig messen und hatten großen Spaß und Gewinn davon.

Dennoch empfand Ben insgeheim diese unterschiedlichen Auffassungen in Glaubensfragen als Kluft zwischen Eva und ihm und er war bei den Diskussionen, die die beiden führten, immer wieder auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, einer Brücke über diese Kluft.

Bei einem jener interessanten Gespräche schien es ihm auch annähern zu gelingen, eine solche Brücke zu schlagen, was ihn selber überraschte. Er hatte seine Argumente so begonnen:

„Betrachten wir diese Fragen doch mal aus der Sicht der abenteuerlichsten Wissenschaftler. Astronomen und Physiker scheinen ja zu glauben, dass ursprünglich einmal nur eine Energie existierte, eine unvorstellbar gewaltige Menge, die in einem winzigen Punkt, den sie Singularität nennen, gefangen war und daraus plötzlich in einem Urknall heraus explodierte und sich ausdehnte.“

„Sich ausdehnte? Wohin?“ fragte Eva.

„Dir fallen auch immer wirklich die schwierigsten Fragen ein. Ja, wohin? Nehmen wir an, da war vorher nichts. Wenngleich ich  weiß, dass wir große Probleme haben, uns ein Nichts vorzustellen. Also dehnte sich diese unerschöpfliche Energie ins Nichts hinein aus und schuf dabei das Universum, vielleicht in eine Unendlichkeit hinein.“

„Also, mir brummt der Schädel, wenn ich mir das auch nur annähernd vorstellen will. Ist da nicht ein Gott und eine Schöpfung viel wahrscheinlicher als dein Urknall?“

„Schöpfung als Urknall oder Urknall als Schöpfung, ja, das gefällt mir“, sagte Ben sichtbar begeistert und fuhr fort:

„Aber warte, bis ich das zu Ende gedacht habe: Aus der Energie, so nimmt man ja an, entstand im Lauf der Zeit die Materie…“ Eva unterbrach ihn schon wieder:

„Das kann ich mir nicht vorstellen, aus Energie soll Materie werden?“

„Ja, es gibt sogar Wissenschaftler, die meinen, dass das auch umkehrbar ist und eine unerschöpfliche Energiequelle sein könnte. Niemand weiß allerdings, wie das gehen soll. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, das alles stimmt und in der Materie des Universums ist tatsächlich eine ungeheure Menge Energie gebunden. Okay?“

Eva schwieg nachdenklich.

„Somit bestünden doch dann auch wir und alles um uns herum letztlich aus dieser, ich nenne es mal „Urenergie“ – verstehst du, was ich damit sagen will?“ Eva nickte, es gelang ihr aber nicht, ihre Skepsis in den Gesichtszügen zu verbergen.

„Und eines ist sicher: Man kann Energie weder erzeugen noch vernichten. Das ist nun mal so…“

„Moment, Physik ist zwar nie mein Lieblingsfach gewesen, aber das kann ja nun nicht stimmen. Was passiert denn dann im Elektrizitätswerk und …“

„Dort wird lediglich Energie von einer Form in eine andere überführt, ohne dass Energie verloren geht oder neu entsteht. Ein Beispiel: Aus der kinetischen Energie des Wassers kann man elektrische Energie machen. Ganz einfach! Und das Gleiche passiert, wenn Energie „verbraucht“ wird. In einer Glühbirne wird lediglich elektrische Energie in Licht und Wärme umgewandelt.“ Ben machte eine Pause, um sich der Wirkung seiner Worte zu vergewissern.

„Aha, und was willst du nun damit sagen?“fragte Eva sichtlich verunsichert.

„Nun, das bedeutet doch, dass wir alle, die wir aus Materie, also letztlich aus dieser Energie bestehen, unvergänglich sind.“ Eva runzelte die Stirn:

„Und was hat das nun mit Gott zu tun?“ Ben lächelte und schaute Eva in die Augen.

„Was, wenn Gott in Wirklichkeit identisch mit dieser Energie ist. Somit wäre er in uns allen und wir mit ihm unvergänglich, Gott würde in jedem von uns Menschen leben. Und was, wenn der angenommene Urknall die Schöpfung war, der Anfang, an dem Gott begann, das Universum zu erschaffen?…“ Eva erwiderte seinen Blick und wurde sehr nachdenklich. Sie versuchte, das Gehörte irgendwo in ihrer Vorstellungswelt einzuordnen, schien aber doch sichtlich Probleme damit zu haben. Ben bemerkte dies und versuchte zu helfen:

„Ich denke, es ist hilfreich, wenn man davon abkommt, Gott in irgendeiner Form zu personifizieren, wie es Religionen gerne tun, um den Gläubigen einen Anhaltspunkt zu geben. Wie sollen wir uns einen Gott vorstellen können, wo wir noch nicht einmal mit den Begriffen „Unendlichkeit“ oder „Nichts“ wirklich etwas anfangen können? Unser Verstand erlaubt es uns doch noch nicht einmal das Warum und das Woher zu beantworten.“ Eva hatte ihre Gedanken geordnet und fragte mit einer Spur von Entrüstung in der Stimme:

„Aber welche Bedeutung hätte es dann noch, ob ein Mensch gut oder böse ist?“

„Für das Universum oder die Schöpfung überhaupt keine. Ein Gut oder Böse ist für mich nichts anderes, als eine Erfindung der Menschen, die diese Wertungen benutzen, um ihr Zusammenleben zu organisieren, um ihm Regeln zu geben, Regeln, die ihre Wurzeln sicher auch noch in angeborenen Verhaltensweisen haben, die man bei Tieren Instinkt nennt.“ Eine Weile dachte Eva angestrengt nach, dann aber glättete sich ihre Stirn und sie entspannte sichtlich. Lächelnd beendete sie den Disput mit den Worten:

„Schatz, nun hast du mich total verwirrst. Hör auf damit! Ich geb auf.“ Dabei streckte sie beide Arme nach oben, um sie gleich darauf um Bens Nacken zu legen und ihn zu sich her zu ziehen. Beide lachten und diese eigenwillige Schöpfungsgeschichte endete in einem langen und leidenschaftlichen Kuss.

 

Längst war Ben in den vergangenen Monaten im Hause Evas herzlich aufgenommen worden. Beide Eltern mochten Ben und zeigten dies auch des Öfteren. So fühlte er sich bei ihnen auch lange schon wie zuhause, war oft zu Gast, half auch ab und an in Haus und Garten, niemals aber waren Eva und Ben dort über die Nacht zusammen. Diese sensible Grenze versuchten die beiden den Eltern zuliebe auch nie anzutasten. Auch wurde nie darüber gesprochen.

Eva und Ben waren wie für einander geschaffen. Ihr Zusammenhalt wirkte wie der Nord- und der Südpol zweier gewaltiger Magnete, einmal richtig zusammen waren sie nicht mehr zu trennen. Nicht das kleinste Geheimnis hätte zwischen diesen Kräften mehr einen Raum finden können.

An einem Abend, nachdem sie beide wieder das Schönste erlebt hatten, da schaute Eva ihrem Ben mit ernster Miene tief in die Augen und sagte ihm:

„Du darfst mich nie im Stich lassen, mich nie verlassen, hörst du, nie enttäuschen – versprichst du mir das?“ Sich des Ernstes dieser Frage voll und ganz bewusst, antwortete Ben:

„Natürlich, mein Liebes, das verspreche ich dir bei allem, was mir etwas bedeutet.“ Mit ungewohnt bedeutungsvollem und besorgtem Gesicht fuhr Eva fort:

„Wenn du mich verlassen würdest, dann würdest du mir mein Leben nehmen.“ Ihr Blick und Gesichtsausdruck verrieten, wie wichtig ihr dieser Austausch war. Ben konnte nicht ahnen, dass diese Worte aus tiefster Überzeugung gesprochen waren und nicht etwa nur so dahin gesagt, um das Gemeinte zu unterstreichen. Evas ungewöhnliche Offenheit, die schon beinahe an Naivität grenzte, machte sie ausgesprochen verwundbar, ganz besonders dann, wenn sie ihr Vertrauen geschenkt hatte. Ihr Glaube an Menschen, denen sie sich so geöffnet hatte, war fast grenzenlos und glich einer vollkommenen Hingabe – es schien dies eine ganz besondere Eigenheit von Eva zu sein.

„Nie und nimmer verlass ich dich, mein Schatz. Spürst du nicht, wie fest wir miteinander verbunden sind?! Nichts kann dies je zerstören, das fühle ich zutiefst und das weiß ich ganz sicher. Ich glaube, wir können nur beide leben oder beide sterben.“

„Das sind große Worte, Ben, und ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass du nach ein paar Jahren noch immer so denkst und fühlst.“

„Ich liebe dich; du ahnst nicht, wie sehr ich dich liebe!“ flüsterte Ben in Evas Ohr,

„und ich weiß, dass sich daran auch nie etwas ändern wird.“

 

 

 

 

Kapitel 4

 

Das Jahr ging vorüber und noch immer war kein Winter in Sicht. Nur viel Regen und nasskalte, düstere Tage.

Weihnachten hatten Eva und Ben bei ihren Eltern gefeiert, den Wechsel in das Schicksalsjahr 1973 begingen sie dann gemeinsam, zuerst in der Stadt, später in Bens Zimmer.

Das neue Jahr war angebrochen. Das Ende des Vietnamkrieges und die Ölkrise mit den Sonntagsfahrverboten waren besonders herausragende Ereignisse, an die man noch lange denken würde.

Die Liebesgeschichte von Eva und Ben blieb weiterhin wie ein traumhaftes Märchen und es schien nichts zu geben, was diese Harmonie hätte ernsthaft stören können. Nicht einmal so etwas wie ein Alltag wollte sich entwickeln, alles bleib so aufregend und zauberhaft wie am Beginn. Jedes Wiedersehen an den Wochenenden war immer wieder ein berauschendes Erlebnis für die Beiden.

Doch ohne jedes Vorzeichen stellte sich dann doch eine völlig unerwartete Wende ein, die das Leben von Eva und Ben grausam und radikal ändern sollte.

In den Semesterferien vor dem Sommersemester 1973, im Monat März, geschah etwas Seltsames:

Der Monat war ungewöhnlich verregnet und es gab kaum einen Tag, an dem ein Spaziergang im Wald möglich war. So waren auch die ersten Anzeichen eines beginnenden Frühlings irgendwie verwässert und die Buschwindröschen am Waldrand schafften es kaum einmal, tagsüber ihre hübschen, weißen Blüten ganz zu öffnen.

Mitte des Monats holte Ben Eva am Freitagabend vom Haus ihrer Eltern ab, wo sie wieder die Ferien verbrachte. Er hatte diesmal eine Saisonarbeit als Hausmeister in einem Kurheim für Lungenkranke gefunden; war er auch eher der Hausdiener dabei, so ertrug er des guten Verdienstes wegen alles geduldig. Schließlich war es ja nur für ein paar Wochen. Nun aber war wieder Feierabend und Zeit für Eva.

Sie hatte ihre Tasche nicht dabei, was nicht ungewöhnlich war, da Eva in den Ferien immer auch einige Nächte bei den Eltern zu verbringen pflegte.

Bei strömendem Regen brachte der Käfer die beiden zu Bens Zuhause und schon während der Fahrt fiel Ben auf, dass Eva irgendwie verändert war. Sie kannten sich inzwischen so gut, dass jede noch so kleine Veränderung im Verhalten dem Anderen nicht verborgen bleiben konnte.

Eva war sehr wortkarg und blieb es auch in Bens Zimmer. Ihr Lächeln war ungewöhnlich blass und in ihren blauen Augen schien das vertrauensvolle Strahlen erloschen zu sein. Es war Ben, als ob ihre sonst so warme und einnehmende Aura zu einem dunklen Schatten verkommen wäre.

Ben war verunsichert. Dieses Verhalten Evas war ihm ebenso völlig neu wie fremd. Er wusste zunächst nicht recht mit der Situation umzugehen und handhabte sie instinktiv sehr vorsichtig. Schließlich fand er, es wäre an der Zeit nachzufragen:

„Ist irgendetwas, mein Schatz? Du bist so still und dein Lächeln ist irgendwie anders heute, oberflächlicher, meine ich.“ Besorgt nahm er sie in den Arm und wartete auf eine Antwort. Sie hatte die Augen geschlossen, als empfände sie die Berührung so intensiv, wie beim ersten Mal.

„Nein, es ist nichts; alles gut.“ Sie war eine verdammt schlechte Schauspielerin.

„Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt. Warum willst du nicht mir mit darüber reden? Das haben wir bisher doch immer getan.“ Es kam jedoch keine Antwort und Ben blieb nichts, als ratlos zu schweigen. Fieberhaft überlegte er dabei, ob ihm irgendein Anhaltspunkt einfallen würde, ließ die vergangenen Tage noch einmal revuepassieren. Doch es blieb bei seiner Ratlosigkeit.

Nach einer Weile des Schweigens kam Eva mit einer Frage heraus und ihr Blick haftete dabei fest an Bens Augen:

„Ben“, sagte sie mit ungewöhnlich ernster Miene, „hast du mich jemals betrogen? Gab es je, seit wir uns kennen, eine andere Frau?“ Ben hatte mit allem Möglichen gerechnet, nur damit nicht. Entsetzt schaute er Eva an und beeilte sich, zu antworten:

„Nein, meine Liebe, niemals! Nicht einmal im Traum! Wie kommst du nur zu dieser Frage? Was ist denn nur los mit dir?“ Anstelle einer Antwort kam mit einer spürbaren Mischung aus Angst und Trauer in der Stimme die Frage:

„Schwörst du mir das?“

„Ja, weiß Gott, bei allem, was mir heilig ist – bei meinem Leben!“

Anstatt wieder zur Normalität zurück zu kommen, wurde Eva noch einsilbiger und Ben spürte, wie schwer es ihr nun fiel, einigermaßen normal zu erscheinen. Sie ließ sich ungewöhnlich früh nachhause bringen.

Am Samstagvormittag darauf kam sie mit ihrer Tasche aus dem Haus. Erleichtert atmete Ben auf, alles schien wieder in Ordnung. Doch da täuschte er sich gewaltig.

Statt Normalität passierte etwas völlig Ungewöhnliches: Eva, genauso schweigsam wie am Tag davor, stellte nach einer Weile in Bens Zimmer genau die gleichen Fragen noch einmal und wieder musste er ihr Treue schwören.

Nachdem er es erneut getan hatte, mit aller ihm möglichen Überzeugungskraft, war Eva nicht erleichtert sondern hatte Tränen in den Augen.

Wieder war Ben völlig ratlos. Er nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Draußen war ein Wind aufgekommen und der Regen prasselte an die Fensterscheiben. Bens Stimmung näherte sich einem Tiefpunkt und begann verzweifelte Züge anzunehmen.

„Was ist denn nur geschehen, dass du plötzlich Angst um meine Treue hast?“ Beide schauten sich in die Augen und Ben war, als ob der Blick in die Tiefe verschlossen wäre.

„Warum willst du mir denn nicht sagen, was dich bedrückt.“ Nun endlich rang Eva sich zu einer zwar recht unbefriedigenden, aber eben doch einer Erklärung durch:

„Es geht mir nicht besonders. Könntest du mir eine Kopfschmerztablette holen und ein Glas mit Wasser?“

„Natürlich, meine Mutter hat sicher welche. Ich bin gleich wieder da. Willst du dich nicht etwas hinlegen?“

Ben eilte und brachte, was Eva verlangt hatte. Sie nahm die Tablette, trank von dem Wasser, schaute Ben mit traurigem Gesichtsausdruck an und sagte nur:

„Und jetzt bring mich bitte wieder nachhause.“

Völlig konsterniert tat Ben, wie ihm geheißen und war schon kurze Zeit darauf wieder zurück. Sein Grübeln brachte kein Ergebnis und so musste er sich schließlich damit zufrieden geben, dass es Eva wohl gesundheitlich im Moment wirklich schlecht ging.

Ja, sie musste zu ihm gewollt haben und fühlte sich dann aber doch so schlecht, dass sie schon eine halbe Stunde später wieder nachhause drängte. Ben machte sich große Sorgen um ihre Gesundheit, aber noch mehr bedrückte ihn Evas plötzlicher Vertrauensentzug. Warum um alles in der Welt wollte sie nicht mit ihm sprechen über das, was ihre Beschwerden verursachte? Vielleicht hatten diese auch nur psychische Ursachen.

Der Versuch, Eva am Nachmittag telefonisch zu erreichen, schlug fehl; sie hätte sich hingelegt und wollte nicht gestört werden, so ihre Mutter.

Bens Grübeln mündete schließlich in eine stille Verzweiflung der Ratlosigkeit, die ihn an jenem Abend sehr lange nicht einschlafen ließ.

Später fiel ihm wieder ein, dass Eva sich an der Haustür noch einmal umgewandt und ihn mit diesem seltsamen, fremden Gesichtsausdruck angeschaut hatte, bevor sie im Haus der Eltern verschwand. Nie zuvor hatte Ben sie so gesehen, blass und entzaubert und wie in einen grauen Schleier tiefer Verzagtheit gehüllt.

Die Haustür, durch die Eva gegangen war, sollte sich als weitere Weiche entpuppen, die sein Leben erneut auf ein anderes Gleis zu lenken im Begriff war.

 

Sehr früh klingelte am nächsten Morgen das Telefon. Ben, der nahe beim Apparat war, nahm den Hörer ab:

„Ja bitte, bei Köster.“ Evas Vater war am anderen Ende und wollte wissen, ob Eva bei ihm wäre.

„Nein“, antwortete Ben, „wie sollte sie auch hier her gekommen sein? Was ist denn los?“

Evas Vater war spürbar erregt und in Sorge:

„Eva ist spurlos verschwunden und wir haben keine Ahnung, wo sie sein könnte.“

„Seit wann denn? Vielleicht ist sie nur spazieren gegangen. Es ging ihr gestern gar nicht gut.“

„ Ja, wir haben auch bemerkt, dass sie seltsam einsilbig und traurig war. Seit zwei Tagen schon. – Sie ist früh am Abend zu Bett gegangen und muss dann irgendwann unbemerkt das Haus nochmals verlassen haben. Heute Morgen war sie nicht da und ihr Bett war unberührt. – Wir haben das erst eben bemerkt. Was sollen wir nur tun?“

Ein grauenhaftes Gefühl begann sich in Bens Kopf breit zu machen. Die ganze Nacht weg? Wo um alles in der Welt sollte sie denn hingegangen sein?

„Ich bin in zehn Minuten bei euch.“

Ben machte sich sofort auf den Weg. Das Ganze begann sich zur entsetzlichen Katastrophe zu entwickeln; irgendwie spürte Ben das und hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend, ein nie zuvor gespürtes, grauenhaft dumpfes Gefühl eines Druckes, der sein Herz zu umklammern schien.

Die Polizei wurde informiert und nahm am Tag darauf Ermittlungen auf. Gleichzeitig begann eine verzweifelte Suche nach der Vermissten. Ganze Lastwagen voller Polizisten wurden herangefahren, Suchhunde waren im Einsatz, die Wälder wurden durchkämmt – alles ohne jedes Ergebnis.

Schon am Tag zuvor, dem Sonntag, an dem das Verschwinden entdeckt worden war, hatten Evas Eltern und Ben die Wälder abgesucht, waren stundenlang rufend herumgeirrt und Ben war nach Tübingen zur Wohngemeinschaft gefahren, alles ohne eine Spur zu finden.

Die Tage vergingen und Ben hatte inzwischen seine Ferienarbeit gekündigt, um sich ganz der Suche widmen zu können. Die Polizisten wurden weniger, bis schließlich nur noch eine Gruppe von Kriminalbeamten ermittelte, jedoch ohne auch nur den Hauch einer Spur zu finden. Eva war und blieb verschwunden.

Immer wahrscheinlicher wurde die schreckliche Möglichkeit, dass ihr etwas Schlimmes passiert war. Evas Eltern waren bald nur noch ein Häufchen Elend, verdammt zu hilflosem und ohnmächtigem Warten.

Keinen Deut besser ging es Ben. Immer wieder hatte er stundenlang herumtelefoniert, war in der Stadt herumgefahren, wie auch in Tübingen und war nochmals in der Wohngemeinschaft gewesen, in der Eva ihr Zimmer hatte. Nirgends eine Spur von ihr.

Schließlich gab auch Ben auf, zog sich in sein Zimmer zurück und klammerte sich an einige letzte, an den Haaren herbei gezogene Hoffnungen. Seine Eltern indes ließen ihm jede denkbare Unterstützung zukommen: Kein Wort wegen der Telefonkosten oder der abgebrochenen Ferienarbeit und selbst als Ben nach Semesterbeginn nur ab und an nach Stuttgart fuhr, hörte er deshalb nie eine Ermahnung. Mutter und Vater spürten Bens Verzweiflung und litten mit ihm.

Im Grunde warteten sie irgendwann alle nur noch auf die Hiobsbotschaft. Doch die ließ auf sich warten.

Beinahe jeden Tag war Ben zu Besuch bei Evas Eltern. Wie in einem bösen Schatten gefangen diskutierten die Drei oft stundenlang und rätselten um den Verbleib von Eva. Der einzige, handfeste Hinweis, den es gab, das waren ihre zuletzt eindringlichen Fragen nach Bens Treue. Er beteuerte immer wieder, dass es keinerlei Geschehnisse gegeben hatte, die Evas Misstrauen hätten erwecken können. Wenn sie ihn ansahen, spiegelten die Augen der verzweifelten Eltern dabei stets den sehnlichsten Wunsch wider, es möge die Wahrheit sein. Die Mutter wies immer wieder darauf hin, dass Eva gerade an dieser Stelle, wenn es um Vertrauen und Enttäuschung ging, ganz besonders verletzbar war. Sie glaubte so sehr an die Menschen und begegnete ihnen voll Unschuld mit einer großen Offenheit und genau da war sie verwundbar; vielleicht so sehr, dass sie sich sogar etwas antun würde, ohne sich vorher noch jemandem anvertrauen zu können. Bei all dem spürte Ben immer wieder die Zweifel der Angehörigen.  Eben das schmerzte ihn zutiefst, aber er konnte nichts tun, um zu beweisen, dass er die Wahrheit sagte.

Vielleicht hatte Eva ja auch die Nachricht einer schlimmen Krankheit erhalten. Aber weder war sie die letzten Wochen bei einem Arzt gewesen, noch konnte sich einer der Drei vorstellen, dass Eva ohne darüber zu reden, etwas Unüberlegtes getan haben konnte.

Auch die Erkenntnis einer ungewollten Schwangerschaft war als Ursache auszuschließen. Zum ersten Mal wurde in diesem Zusammenhang im Hause Mertens offen über das Liebesleben der Beiden gesprochen. Eva und Ben hatten mehrmals über ein solches Restrisiko nachgedacht und waren sich jedes Mal einig gewesen, dass sie dieses Schicksal annehmen würden, sogar mit Freuden.

Auch mit seinen Eltern hatte Ben manche Stunde gesessen und über das Unglück geredet. So sehr sich auch alle die Gehirne zermarterten, es blieben immer nur Rätsel und Fragen ohne Antworten.

 

Drei Monate waren schließlich ins Land gegangen. Ben konnte sich immer seltener dazu überwinden, zur Universität zu fahren. Durch die Ereignisse hatte er viel zu wenig verdient in den Ferien und wusste nicht, wie er das laufende Semester überstehen sollte. Langsam begann er, über eine Aufgabe seines Studiums nachzudenken, doch wollte sich in seinen Gedanken keine Zukunftsperspektive abzeichnen. Das Leben schien ohne Eva sinnlos geworden zu sein.

Die meiste Zeit hing er zuhause herum, war mindestens einmal täglich bei Evas Eltern und versuchte sich immer öfter den Schlaf aus einer Schnapsflasche zu erzwingen. Sein Vater hatte etliche davon im Keller stehen. Ein grässliches Gesöff, gebrannt aus altem Apfelwein. Wenigstens ab und zu ein paar Stunden der Besinnungslosigkeit, doch nichts wurde besser davon. Nur Zeit verging, scheinbar sinnlos gewordene Zeit.

Dann endlich war es soweit. Wieder brach ein Tag der Wahrheit an.

Ungewöhnlicher Weise kam früh am Morgen Bens Mutter zu ihm ins Zimmer und setzte sich auf sein Bett. Es war, als trüge sie eine schwarze Wolke um sich, so deutlich konnte Ben sofort das Unheil spüren. Ruckartig setzte er sich auf.

„Mama, was ist los?“ Die Frau brach in Tränen aus. Wie ungeheuer schwer musste es ihr fallen, ihrem Sohn, ihrem Ein-und-Alles so weh tun zu müssen.

Kreidebleich saß Ben im Bett. Er bewegte sich nicht, sagte kein Wort mehr, als wolle er den schrecklichen Moment der Gewissheit noch hinauszögern.

„Man hat sie gefunden –  sie lebt nicht mehr“, schluchzte die Mutter schließlich. Ben reagierte zunächst unerwartet. Er nahm sie in seine Arme und beide saßen eine Weile still da, sich gegenseitig umklammernd.

„Was ist geschehen? Sag’s mir.“ Ben schien relativ gefasst.

„Sie lag unterhalb des Turms der Ruine Eulenstein zerschmettert auf den Felsen und man vermutet Selbstmord.“ Diese Nachricht hatte sie kurz zuvor am Telefon erhalten.

„Mama“, sagte Ben schließlich ganz leise, „lässt du mich bitte eine Weile allein?“

Die Mutter ging hinaus und schloss die Tür. Als sie das untere Stockwerk erreicht hatte, zerriss ein Schrei ihr das Herz.

„Nein!“ und immer wieder „nein!“. Ben schien sich die Verzweiflung und den Schmerz von der Seele schreien zu wollen, bis er schließlich schluchzend auf seinem Bett lag und sich nicht mehr rührte.

Eine Stunde mag er wohl so gelegen haben, bis er wieder fähig war, zu denken. Evas Eltern fielen ihm ein und er zog sich an und machte sich auf den schweren Weg.

Nach innigen Umarmungen in Tränen begannen erneut die Diskusionen um Ursachen und Ablauf des Schrecklichen. Es musste Selbstmord gewesen sein. Wer sollte Eva des Nachts auf die Burgruine Eulenstein verschleppt und in die Tiefe gestürzt haben? Nein, darauf gab es nur eine Antwort: Sie selbst hat es getan. Es blieb nichts, als anzunehmen, dass sie den langen Weg von sieben Kilometern in der Nacht allein durch den Wald gegangen war, um schließlich auf den Turm zu steigen und hinunter zu springen.

Zunächst hatte sie ein Spaziergänger auf einem Waldweg weiter unterhalb entdeckt. Es dauerte fast einen ganzen Tag, bis unter großen Schwierigkeiten der Leichnam schließlich geborgen werden konnte. Evas Körper wurde dann sofort in ein pathologisches Institut der Polizei gebracht.

So schrecklich die Nachricht auch war, so brachte sie letztlich doch im Unterbewusstsein der Hinterbliebenen eine Art Erleichterung der Gewissheit. Alle Hoffnungen waren nun mit in die Tiefe gestürzt und man konnte sich der Trauer hingeben.

 

In den folgenden Tagen stand Ben den trauernden Eltern zur Seite. Gemeinsam mit Evas Bruder Ludwig erledigte er alle Formalitäten und begann die Beerdigung zu organisieren. Das alles musste schließlich getan werden und die Eltern waren in tiefer, depressiver Trauer zunächst unfähig dazu.

Auch die Leute in Tübingen mussten informiert, Evas Sachen aus der Wohngemeinschaft abgeholt werden. Ben kümmerte sich auch um die Formalitäten der Exmatrikulation.

Diese Aktivitäten brachten Ben eine gewisse Ablenkung und er widmete sich all diesen Besorgungen mit verzweifeltem Eifer.

Eine Obduktion der Leiche war angeordnet worden und man verweigerte den Angehörigen, Eva noch einmal zu sehen. Der Anblick wäre zu schrecklich gewesen. Die Identifizierung wurde mit Hilfe der Kleidung und von Fingerabdrücken vorgenommen.

Der Obduktionsbefund erbrachte als Todesursache ein extremes Schädel-Hirn-Trauma; Eva musste mit dem Kopf auf dem Felsen aufgeschlagen sein. So schrecklich dies auch klingen mochte, es erbrachte allen die Gewissheit, dass sie ohne Schmerzen gestorben war. Auch die übrigen Verletzungen, zahllose Knochenbrüche im ganzen Körper und innere Blutungen aus verletzten Organen, hätten zudem innerhalb kürzester Zeit zum Tode geführt.

Die Akte bei der Polizei wurde geschlossen. Ein Fremdverschulden war nicht erkennbar. Was blieb und eine düstere Ungewissheit zurückließ, war die Tatsache, dass es nie einen Hinweis seitens Eva gegeben hatte und auch kein Wort des Abschieds und der Erklärung von ihr gefunden wurde.

Mit einer vorher nie gekannten, inneren Leere erlebte Ben die Beerdigung, den endgültigen Abschied. Als er den Strauß Rosen auf den Sarg im Grab fallen ließ, verlor er einen Moment die Beherrschung und fiel schluchzend auf die Knie.

Von da an aber war Ben stumm. Kaum einer brachte mehr ein Wort aus ihm heraus und er zog sich fast vollständig zuhause in sein Zimmer zurück, war einige Zeit nicht mehr zu sehen.

Nach mehreren Tagen tauchte Ben wieder auf. Sein Entschluss stand fest: Er brach sein Studium ab, bat telefonisch eine Kommilitonin, für ihn die Exmatrikulation zu erledigen. Alles schien ihm sinnlos geworden zu sein und unwichtig.

Am Tag darauf fuhr Ben zur Burgruine und betrat dort den gut erhaltenen Turm. Er blickte eine Weile hinauf in das quadratische Innere des Bauwerks, zwischen den winkeligen Treppenaufgängen hindurch und begann schließlich gedankenleer und doch fast widerwillig mit dem Aufstieg.

Oben angekommen ging er langsam von einer Seite des Turmes zur anderen und schaute hinab – zuerst in den Innenhof der Anlage, dann auf den Torbogen am Eingang, dann auf den dahinter liegenden Ort und trat schließlich zögernd an die letzte der vier Seiten, da wo es über einen felsigen Abgrund steil ins Tal hinab ging, ein gutes Stück weit fast senkrecht über Sandstein, bis dann der Hang etwas weniger steil wurde und bewaldet war.

Langsam und zögernd ging Ben auf die Mauer zu. Noch konnte er nicht hinunter sehen und blickte auf die dunklen Tannenwälder des Schwarzwaldes an den Hängen entlang weit ins Tal hinein.

So blieb er eine Minute unbeweglich stehen, als hätte ihn die Leichenstarre seiner geliebten Eva erfasst. Dann aber trat er an die Mauer heran und schaute hinab, sah den Fels und meinte einen Moment lang den Todesschrei zu hören. Sein ganzer Körper wurde von einer plötzlichen, geradezu schmerzhaften Gänsehaut überzogen und ein Schaudern des Grauens durchströmte ihn.

Da hinunter war sie also gestürzt. – Und mit ihr sein Leben, alles, was ihm daran so wichtig gewesen und so ungeheuer wertvoll geworden war.

Fast eine Stunde blieb Ben am Abgrund stehen, lag mit dem Oberkörper auf der dicken Mauer. Er spürte wieder diese Leere in sich. Sein ganzes Dasein schien mit Sinnlosigkeit gefüllt zu sein, welche die Lebensfreude und alles Glück ersetzt hatte. Ihm war, als hätte er seine Zukunft da hinunter verloren…

 

Als er nachhause zurück kam, berichtete seine Mutter, dass Elisabeth angerufen hatte, wie auch schon am Tag davor. Im Moment war Ben nicht danach, mit Eli zu sprechen. Wenn es wichtig wäre, würde sie schon nochmals anrufen.

So geschah es denn auch am späten Nachmittag. Ungern nahm Ben den Hörer aus der Hand seiner Mutter und meldete sich.

„Oh Ben, ich habe natürlich von dem schrecklichen Unglück gehört. Es tut mir so leid für dich, Ben. – Wie geht es dir denn?“ Sie schien sichtlich besorgt zu sein.

„Ja, danke, es geht schon.“ Ben wusste nicht was er hätte sagen können.

„Möchtest du über alles reden? Ich hab immer Zeit für dich? Vielleicht können wir uns auf einen Kaffee treffen.“ Sie stockte und es entstand eine Pause.

„Im Moment bitte nicht. Später vielleicht mal.“

„Okay. Ich wünsch dir alles Gute! Armer Ben. Ich melde mich wieder. Mach’s gut.“

„Ja, danke. Wiederhören.“ Ben legte auf.

Die Anrufe wiederholten sich alle paar Tage und das eine aufs andere Mal unterhielten sich die Beiden auch ein paar Minuten. Ben erfuhr, dass Elisabeth die Schule abgebrochen und in der Stadtklinik eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hatte.

Auch er selbst machte sich auf Arbeitsuche, wollte seinen Eltern nicht länger finanziell zur Last fallen.

Mehrmals die Woche stieg er wieder hinauf auf den Turm und schaute in den Abgrund. Dieser Ort und das Grab von Eva waren alles, was ihm geblieben war, um ihr gefühlt ein Stückchen näher sein zu können. Manchmal erinnerte er sich an die Diskussionen über Glaubensfragen und dann meinte er an diesen Orten immer wieder, noch etwas von der Energie spüren zu können, die einmal diesen wundervollen Menschen Eva ausgemacht hatte.

Manchmal dachte er auch darüber nach, einfach hinterher zu springen und seinen Schmerz und die Sehnsucht ein für alle Male zu beenden. Ganz tief innen fühlte er aber, dass Eva das nicht gewollt hätte. Zudem fehlte ihm der Glauben, danach für immer mit ihr vereint zu sein. Der Drang, weiter zu leben war stark in Ben und fußte auf der Hoffnung, irgendwann auch mit seinen Erinnerungen noch einmal so etwas wie Glück empfinden zu können. Er glaubte mit der Zeit immer fester daran, dass eben diese Erinnerungen ein Teil der geheimnisvollen Energie seien, aus der in guten Tagen einmal seine geliebte Eva bestanden haben musste.

Zum ersten Mal in seinem Leben erlebte Ben das Aufblühen der Natur im Frühling mit Wehmut. Wie gern hätte er dieses Frühjahr mit Eva genossen, dieses wonnige Erlebnis des Erwachens in der Natur mit ihr geteilt…

 

Kapitel 5

 

Ein unruhiges Jahr 1973 nahm seinen Lauf. Ben hatte einen Job an einer Tankstelle angenommen, betankte und wusch Autos und verdiente endlich etwas Geld. Einen Teil davon gab er seinen Eltern.

Bald aber fruchteten seine Bemühungen um eine lukrativere Arbeit. In der Tageszeitung hatte er die Anzeige einer pharmazeutischen Firma gesehen. Hohes Einkommen und ein Firmenwagen, der auch privat genutzt werden konnte, das wurde da versprochen.

Ben bewarb sich mit Lebenslauf und Foto und hatte schon zwei Tage später eine positive Antwort am Telefon. Er sollte nach München kommen und sich persönlich vorstellen.

Wieder ein paar Tage später kam Ben mit seinem Käfer und einem Arbeitsvertrag  aus München zurück. Zweitausend Mark würde er verdienen und das auch schon während der dreimonatigen Ausbildung in der Firma.

Nur kurz davor, am 17. Juni, hatte Evas Bruder auf dem Grab eine Vase mit einundzwanzig wunderschönen, dunkelroten Rosen gefunden. Sie stellten sich als die Hinterlassenschaft von Bens Geburtstagsbesuch früh am Morgen des Tages heraus.

Anfang Juli tauchte Ben dann ein viertel Jahr zu seiner Ausbildung zum Ärztevertreter ab. Ab und zu rief er bei den Eltern an, kam aber die ganze Zeit über nie nachhause an den Wochenenden.

Ab ersten Oktober war Ben dann im feinen Zwirn mit einem Firmenwagen, ein Opel Rekord, und Musterkoffer unterwegs. Er arbeitete fortan in seiner Heimatregion und blieb bei den Eltern wohnen, die zum einen froh waren, den Sohn zuhause zu haben und zum anderen ab sofort von einer kräftigen, finanziellen Unterstützung profitieren konnten. Darüber hinaus kamen Bens Eltern unverhofft zu einem Auto, dessen Anschaffung sie sich hätten nicht leisten können. Ben übergab seinem Vater den alten Käfer, der immer noch und auch noch lange weiter lief und lief und lief. Ben konnte ja fortan den Firmenwagen auch privat nutzen.

Eli indes schien nicht locker zu lassen. Immer wieder hatte sie angerufen, Ben aber während seiner Ausbildung nicht mehr erreicht.

An Sonntag, den 14. Oktober, einem freien Wochenende, hatte sie ihn schließlich wieder am Telefonhörer:

„Ben! Grüß dich. Ich dachte schon, ich würde dich nie mehr erreichen. Wie geht’s dir denn so?“

„Bin zufrieden. Ich habe jetzt eine Arbeit. Und wie geht es dir?“

„Ach komm, Ben! Lass uns doch mal zusammen reden, es gibt so viel zu erzählen. Im „Boat“ vielleicht? Heute Abend?“

„Nein, nicht im „Boat“! Wie wär’s mit dem „Capri“ in einer Stunde?“

„Oh ja, prima. Wenn ich gleich loslaufe kann ich pünktlich da sein.“

„Nein, Quatsch. Ich hol dich ab, in einer Stunde, okay?“

„Danke Ben, super! Dann bis gleich.“

Bald darauf saßen beide im Eiscafé, Eli bei einer Cola und Ben hatte sich einen Kaffee bestellt. Sie tauschten Neuigkeiten aus und vor allem Eli redete viel. Sie hatte sich auffallend hübsch gemacht, was seine Wirkung auch nicht verfehlte. Ben taute mehr und mehr auf und erst als das Unglück mit Eva zur Sprache kam, sackte er wieder in sich zusammen. Elisabeth legte über den Tisch hinweg ihre Hand auf die seine.

„Oh Ben, es tut mir so leid. Es muss schrecklich gewesen sein für dich.“ Und nach einer Pause:

„Weißt du Ben, ich habe dich nie vergessen und die schöne Zeit mit dir. Manches Mal ersehne ich die Tage mit dir zurück. Ich lebe seitdem von diesen Erinnerungen.“

„Hast du denn keinen Freund, jemand anderen kennengelernt?“

„Oh, ich hab viele neue Freunde in der Krankenschwesternschule, aber alles Mädels.“ Sie lachte und schaute Ben in die Augen. Sie strahlte geradezu und Ben bemerkte, wie sehr sie immer noch auf ihn fixiert zu sein schien. Er schwieg und nach einer Weile sagte Eli leise und bedeutungsvoll:

„Ben, ich bin immer noch da für dich, wenn du mich willst.“ Ihr Gesichtsausdruck war ernst geworden und immer noch lag ihre Hand auf der seinen. Ben empfand diese Berührung der Zuwendung als angenehm. Lange hatte er so etwas nicht gespürt. Und sie war hübsch, weiß Gott. Doch in Bens Gefühlsleben wühlten immer noch zu sehr der Verlust und die Frustration, in seinem Kopf lebte nach wie vor Eva und er wollte das auch so. Er wollte seine Eva festhalten, solange er nur konnte.

So hatte Eli ihn für einen Moment lang zwar einfangen können mit ihren Wünschen und Reizen, doch sehr schnell war Bens Mimik wieder versteinert und er zog seine Hand vom Tisch.

Nein, da klaffte noch immer ein viel zu großer Abgrund, in den sein Leben und Empfinden gestürzt waren.

Am Sonntag darauf rief Eli wieder an und schlug ein Treffen vor, doch Ben wiegelte ab. Den Grund wollte er ihr nicht nennen. Dieser Sonntag, der 21. Oktober, war der Tag, an dem Ben genau ein Jahr davor Eva im „Boat“ getroffen, der Tag, an dem alles begonnen hatte.

Der Montag darauf war ein kühler Herbsttag, die Laubbäume zwischen den Tannen im Wald waren bunt geworden, der Himmel bedeckt; ein typischer, trüber Herbsttag eben.

Es war noch früh am Vormittag, als Ben im Wald auf einer Bank, aus halben Baumstämmen gezimmert, saß, jener Bank, auf der er genau ein Jahr davor mit Eva gesessen hatte, an jenem Grillplatz. In Bens Gedanken lief alles noch einmal genau so ab, wie es damals passiert war. Nicht ein Detail hatte er vergessen.

Er saß etwas vornüber gebeugt und hatte die Augen geschlossen. Einen Moment lang meinte er, er könnte sie spüren an seiner Seite. Seine Augen begannen sich zu füllen, als er sie öffnete und auf das herbstliche Gras zu seinen Füßen starrte. Die Wunde war wieder aufgebrochen, der Schmerz wieder da.

Ben hatte sich Urlaub genommen für diesen besonderen Tag. Nach dem Wald und der Begegnungsstätte führte sein Weg zu einem Blumengeschäft in der Stadt. Dort kaufte Ben elf große, rote Rosen. Kurz darauf stand er an Evas Grab. In eine grüne Vase, die man in die Erde stecken konnte, hatte er zehn Rosen in Wasser gestellt und auf dem Grab platziert.

Ben schaute sich um, er war allein auf dem Friedhof und nach einer Weile begann er zu Eva zu sprechen:

„Eva, meine Liebe, warum hast du mich allein gelassen? Allein gelassen in dieser schrecklichen Ungewissheit. Ich weiß doch nicht, was ich falsch gemacht habe, aber ich fühle diese Schuld…“ Er hörte auf zu sprechen, seine Worte ertranken in den Tränen. In Gedanken fuhr er fort: Wäre ich doch bloß damals in den Ritterkeller gegangen und hätte mich betrunken, dann hätten wir uns nicht getroffen und du würdest heut noch leben…

Kurz darauf stand er wieder auf dem Turm und die elfte Rose taumelte in den Abgrund.

 

In der Folgezeit kam es zu mehreren Treffen mit Eli, die immer gelöster verliefen. Am Sonntag, den 25. November und an den folgenden drei Sonntagen im Dezember verhinderten die Fahrverbote wegen der Ölkrise ein Treffen der Beiden. Also traf man sich an den Samstagen, nun also schon jede Woche.

Bens anfängliche Scheu, Elisabeth zu berühren, verflog langsam und die Beiden gingen nun oft Arm in Arm im Wald spazieren. Zunächst mieden sie dabei die Stelle ihres einstigen, ersten Kusses, doch irgendwann landeten sie an einem Samstagnachmittag im Dezember doch wieder dort, mehr oder weniger zufällig. Sie standen eine Weile wortlos da und ihre Blicke trafen sich. Ben schien zunächst unberührt. Eli begann zu lächeln, sie trat näher an ihn heran und begann, ihm mit der Hand über die Wange zu streicheln.

„Na, was ist?“ hauchte sie, „krieg ich noch mal einen?“ Ben zögerte erst, nahm aber dann ihren Kopf in beide Hände und küsste sie. Ein kurzer und zarter Kuss, bei dem sich nur die Lippen berührten. Ben schaute ernst in Elis Augen.

„Gib mir noch etwas Zeit.“ sagte er leise.

„So viel du willst.“ Eli lächelte zufrieden und sie gingen weiter.

Weihnachten 1973 feierte Ben wie immer mit seinen Eltern. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte er frei, würde dann aber am 2. Januar zu einer einwöchigen Tagung nach München anreisen müssen.

 

Das Jahr 1974 begann und brachte beachtliche Veränderungen auf den politischen Bühnen. Anfangs war es der Bundeskanzler Brandt, der über die Guillaume-Affäre stürzte; im Mai wurde ein nicht minder fähiger Lenker, Helmut Schmidt, sein Nachfolger. In den USA brodelte immer noch der Watergate-Skandal und Präsident Nixon trat zurück. Der VW Golf wurde eingeführt und niemand ahnte, welche Erfolgsgeschichte dieses Fahrzeug haben würde.

Silvester verbrachten Elisabeth und Ben zusammen. Sie gingen abends zu einem Ball in der Stadt tanzen und landeten schließlich gegen ein Uhr in Elisabeths Wohnung in einer Wohnanlage für Angestellte der Klinik. Eli hatte dort ein geräumiges Zimmer mit Kochnische; im Eingangsbereich gab es einen kleinen Extraraum mit Dusche und Toilette.

Ben, der Eli bisher nur immer an der Haustür abgesetzt oder abgeholt hatte und so die Wohnung noch nicht kannte, schaute sich um und setzte sich schließlich bei einem Couchtisch auf ein kleines Zweisitzer-Sofa gegenüber der Kommode mit einem Fernseher  und einem Plattenspieler.

„Du hast einen Fernseher?“ wunderte sich Ben.

„Ja, haben mir die Eltern geschenkt.“ Ben schaute zum Bett in der anderen Ecke hinüber, dann zu Eli, die sich in der Kochnische zu schaffen machte.

„Farbfernseher?“

„Nein, natürlich nicht. Ein Gebrauchter und schwarz-weiß. Aber du willst doch jetzt nicht fernsehen?“

„Nein, ich frag nur. Ich will den Eltern einen Farbfernseher kaufen dieses Jahr.“

„Was willst du trinken?“fragte Eli.

„Eigentlich war das jetzt schon genug Alkohol…“

„Ach komm, Spielverderber. Ich hab zwei Flaschen Sekt im Kühlschrank.“

„Du hast sogar einen Kühlschrank hier?“ Eli brachte zwei normale Trinkgläser und eine Flasche kalten Sekt, die sie Ben reichte.

„Machst du auf?“ Sie stießen an und tranken und im Nu hatte Eli ihr Glas geleert. Ben war schon mehrmals aufgefallen, dass sie bei alkoholischen Getränken ganz schön hinlangte und immer deutlich mehr trank als er. Auch war sie inzwischen gut angeheitert. Sie setzte sich zu Ben auf das Sofa, hielt ihm ihr Glas hin und lachte.

„Schenkst du mir ein?“

Als dann die Gläser auf dem kleinen Couchtisch standen, legte sie ihren Arm um Bens Hals und zog seinen Kopf zu sich hin. Einen Moment zögerte Ben, dann drehte er sich zu ihr und die Beiden küssten sich. Erst nur kurz, dann leidenschaftlich und schließlich ließ sich Eli auf die Seitenlehne fallen und zog Ben zu sich hinunter. So lagen sie eine Weile im Kuss halb aufeinander, bis Ben sich wieder aufrichtete, um aus seinem Glas zu trinken.

Eine Weile schwiegen sie und es lag eine eigenartige Spannung in der Luft.

„Es ist warm hier“, sagte Ben und erhob sich. Er legte sein Jackett ab und die Krawatte und hing beides über eine Stuhllehne an einem kleinen Tisch in der Ecke neben der Fernsehkommode.

„Dein Esstisch?“ fragte er.

„Ess- und Schreibtisch. Warum?“

„Bisschen klein, oder?“

„Komm her zu mir“, sagte Eli nur und er tat, wie ihm geheißen. Sie stand auf und begann kichernd sein Hemd zu öffnen. Ben ließ es geschehen. Er grinste. Natürlich war ihm klar, was passieren würde und er verspürte das Verlangen, sich einfach treiben zu lassen.

Die Beiden liebten sich schließlich laut und heftig, als müssten sie Versäumtes nachholen. Der Alkohol hatte Ben gelöst und er genoss dieses Spiel zusehends. Doch es war nicht das, was er sich insgeheim erhofft hatte. Irgendetwas in ihm klammerte sich verzweifelt an die Erinnerungen mit Eva, sie war immer noch präsent auf eine besondere, geheimnisvolle Weise. Dem Erlebnis fehlte die Tiefe, die er in Evas Armen kennengelernt hatte und diese Oberflächlichkeit gab dem Geschehen einen triebhaften Anstrich, mit dem er sich nur schwer abfinden konnte.

Es war schon hell, als Ben am nächsten Morgen als Erster erwachte. Er erschrak als er erkannte, dass das Fenster am Kopfende des schmalen Bettes auf einen Fußweg am Gebäude vorbei zeigte und man vermutlich von dort hereinschauen konnte, zumindest nachts bei Beleuchtung des Raumes. Es gab keinerlei Vorhänge.

Ben und Elisabeth lagen Rücken an Rücken und beide waren unbekleidet. Ben zog die Bettdecke zunächst bis zum Hals, verließ dann aber vorsichtig das Bett, als er sehen konnte, dass gerade niemand draußen vorbeiging. Er sammelte hektisch seine Kleidung auf und versteckte sich in der Kochnische, um sich anzuziehen.

Dann spürte er das Verlangen nach einem Kaffee, heiß und stark, und schaute zu Elisabeth hinüber. Sie schien immer noch tief und fest zu schlafen. Er begann die Schränke der Kochnische zu durchsuchen und wurde fündig. Zwar nur ein löslicher Kaffee, aber besser als nichts. Auf dem Kühlschrank stand ein Wasserkocher und als er nach Zucker suchte, fand er sogar gemahlenen Kaffee und einen Filter samt Tüten.

Bald roch es im Raum nach frisch gebrühtem Kaffee. Ben hatte sich mit dem Zeigefinger und Elis Zahncreme notdürftig die Zähne geputzt und sein Gesicht mit kaltem Wasser erfrischt. Mit der Tasse in der Hand ging er gedankenversunken mit zerzausten Haaren durchs Zimmer. Die Ereignisse des Vortages gingen ihm durch den Kopf und als ihm die bevorstehende Anreise nach München wieder einfiel, hatte er es plötzlich eilig, nachhause zu kommen.

Er beugte sich über die schlafende Eli, um sie auf die Wange zu küssen. Ihr Atem zeugte vom reichlichen Alkoholgenuss der vergangenen Nacht und sie schien immer noch fest zu schlafen.

Ben fand ein Blatt Papier und einen Stift auf dem Ess-Schreibtischchen und hinterließ eine Nachricht, bevor er sich leise davon machte.

Er hatte einen langen Heimweg zu Fuß vor sich, drei Kilometer etwa, aber er genoss diesen Spaziergang in der kühlen Morgenluft. Für die Jahreszeit war es zu warm und der Schnee, den man für Anfang Januar erwarten würde, fehlte ganz und gar.

Das Jackett stellte sich für die drei, vier Grad Temperatur dann aber doch als eine etwas magere Bekleidung heraus und so war Ben froh, als er mit hochgeklapptem Jackett-Kragen endlich zuhause ankam. Nachdem er seine Eltern umarmt und ihnen ein gutes neues Jahr gewünscht hatte, verspürte er das Bedürfnis nach einer Dusche und danach schmeckte ihm Mutters Frühstück. Es war jetzt halb zehn und Ben hatte genügend Zeit, sich auf den Folgetag vorzubereiten.

Elisabeth indes war froh, an diesem Morgen allein sein zu können. Die heftigen Kopfschmerzen waren ihrer Laune nicht gerade zuträglich. Sie las Bens Nachricht, nahm eine Schmerztablette, brühte sich einen Kaffee und setzte sich damit auf das zerwühlte Bett. Was gestern geschehen war ging ihr durch den Kopf und sie begann zu lächeln. Ja, weiß Gott, sie war hochzufrieden mit der Entwicklung der Dinge.

Nach dem Duschen ging Eli zum Münzfernsprecher um die Ecke an der Klinik und telefonierte kurz mit Ben, wünschte ihm alles Gute für seine Tagung. Sie würde ihn eine Woche nicht mehr sehen.

Sie hatte frei an diesem Tag und gegen Mittag schmeckte ihr schon wieder der Rest Sekt vom Vorabend. Den Nachmittag verbrachte sie mit ihrer besten Freundin Claudia, die zwei Türen weiter wohnte.

 

Das insgesamt zu warme Jahr 1974 brachte auch im Januar und Februar keinen richtigen Winter und der wenige Schnee, der an einigen Tagen fiel, blieb nicht liegen. Ben war nun allmählich fast öfter bei Eli als zuhause und so wirkte der Farbfernseher, den er eines Tages seinen Eltern mitbrachte, beinahe schon wie ein tröstender Ersatz für ihn.

Gleich zu Anfang hatte Ben dafür gesorgt, dass Vorhänge beschafft und angebracht wurden und

Anfang Februar kauften sich die Beiden ein größeres Bett, das Ben sich ebenfalls gewünscht hatte und auch bezahlte. Durch sein recht hohes Einkommen konnten sie sich so Manches leisten. Kino, essen gehen, Ausflüge mit Übernachtungen in Hotels waren kein Problem und beide genossen diese Freiheit.

Ben hatte zwar begonnen, seinen Job zu hassen, aber eben diese Freiheit versöhnte ihn immer wieder, spornte ihn sogar an, fleißig und erfolgreich zu sein. Dies wiederum zahlte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus. Die Prämien, die Ben einheimste seit er im Außendienst arbeitete, beliefen sich inzwischen auf über achttausend Mark und die Beiden schmiedeten Urlaubspläne für den Sommer. Ben setzte sich rasch durch mit seinem Wunsch, nach Schottland zu fahren; schließlich war er es ja, der für alles bezahlte.

Langsam und immer mehr gewöhnte sich Ben an das Miteinander mit Elisabeth und begann, es im Stillen zu genießen. Meist war da jemand, wenn er heimkam von der Arbeit, der ihn in den Arm nahm und ihm das Gefühl gab, gebraucht zu werden. Er begriff, wie wichtig es doch sein konnte, immer wieder Zärtlichkeit empfangen, aber auch geben zu können. Es entwickelte sich langsam so etwas, wie ein Alltag, der sich als wichtige Stütze für eine Normalisierung in Bens Leben herausstellte. Also ließ er alles, was sich entwickelte auch zu und profitierte davon.

Stütze war diese sich bildende Normalität auch für seinen neuen Beruf, der ihm alles andere als leicht fiel. So unterschiedlich die Menschen waren, mit denen er zu tun hatte, so verschieden waren auch die Erfahrungen, die er dabei machte. Ben musste lernen, so Manches einstecken zu können, behandelt zu werden, wie ein Hausierer, als Fußabstreifer und Blitzableiter für Frustration und angestaute Aggressionen bei manchen Kunden zu dienen. Dies galt nicht nur für das Praxispersonal, sondern auch für die eigentlichen Kunden, die Ärzte. Dies alles wäre unerträglich gewesen, hätte es nicht auch angenehme Erfahrungen gegeben, sogar Freundschaften, die sich in diesem Umfeld entwickelten. Am meisten aber waren es der ständig Terminstress und die oft zu praktizierende Unehrlichkeit in seinen Aussagen, zu denen die Firma ihn zwang und die er nur dadurch erkannte, dass er sich ständig mehr Informationen beschaffte, als der Arbeitgeber weiter zu geben bereit war.

Auch der März brachte keinen Winter mehr. Am zwölften, dem ersten Todestag von Eva, hatte Ben wieder einen Tag Urlaub genommen. Schon früh am Morgen stand er mit elf roten Rosen an Evas Grab. Wieder schaute er sich um. Kein Mensch außer ihm, er war ganz allein auf dem Friedhof so früh am Morgen und wieder begann er zu Eva zu sprechen:

„Meine Liebste, jetzt ist es schon ein Jahr her, dass du mich verlassen hast und nun stehe ich hier und fühle mich schuldig, weil ich dich nun tatsächlich betrogen habe. Verzeih mir…“ Ben hatte diesen Moment unterschätzt und so überwältigten ihn nun seine hervorbrechenden Gefühle. Er konnte nicht weitersprechen und stand eine Weile schweigend vor dem inzwischen errichteten Grabstein. Auf ihm war in Goldlettern eingraviert: „Eva Mertens, geboren am 12. Juni 1951, von uns gegangen am 12. März 1973“. Darunter eine Zeile des Psalms 23:

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“

Ben spürte nur zu deutlich, wie nahe Eva ihm immer noch war. Hatte er mit all den Erlebnissen mit Elisabeth zu spüren geglaubt, die Vergangenheit würde langsam verblassen, so erkannte er nun zum ersten Mal ganz klar, dass er Eva nie würde ganz loslassen können.

Da war sie wieder offen, die Wunde, und der Schmerz wieder da.

Eigentlich hatte Ben sich vorgenommen, nicht mehr zur Burgruine zu fahren, doch nun, als er die Vase mit den Rosen in die Erde steckte, verspürte er eine magische Anziehungskraft dieses Ortes des Schreckens. Er nahm die elfte Rose mit sich und bestieg mit ihr den Turm, schaute hinab und ließ die Blüte fallen.

 

Nach einem kühlen und regnerischen Mai und Juni folgte ein ebenso wenig sommerlicher Juli und die Sommerferien begannen. Ben musste innerhalb dieser sechs Wochen seinen Jahresurlaub nehmen, da in diesem Zeitraum viele Arztpraxen geschlossen waren.

In der zweiten Augustwoche, die Temperaturen waren nun doch hochsommerlich geworden, fuhren Elisabeth und Ben mit dem Firmenwagen los nach Schottland. Sie nahmen die Fähre von Hoeck von Holland nach Harwich  und erreichten am Tag darauf North Berwick, wo Bens Schwester Johanna wohnte.

Ben zeigte Eli das idyllische, kleine und touristisch geprägte Städtchen mit dem malerischen Hafen und dem auf einen Felsen gebauten Schwimmbad daneben. Sie trafen einen barfüßigen, alten Mann, der an Krabbenfangkörben hantierte und sich über das Wiedersehen mit Ben freute.

Nachdem die Beiden weiter gegangen waren, erzählte Ben eine Anekdote, die seit Jahren am Ort über diesen Krabbenfischer namens Charly im Umlauf war und von dessen unvermuteter Schlagfertigkeit zeugte.

Charly war das ganze Jahr, also auch im Winter, barfuß unterwegs und einmal von einem Touristen angesprochen worden, indem dieser, auf Charlys Füße deutend und schmunzelnd gesagt hatte:

„Ihre Schuhe scheinen ja aus einem robusten Material zu sein.“ Sofort hatte er die Antwort bekommen:

„Na ja, ich weiß nicht. Meine Hose ist aus dem gleichen Material und die hat seit ich denken kann ein Loch im Hintern.“

„Also“, meinte Ben lachend und fügte hinzu, „ich glaube er hat in Wirklichkeit „Arsch“ gesagt. Beide blieben stehen und lachten herzlich.

„Das hättest du mir vorher erzählen sollen, dann hätte ich ihn gefragt, ob er heute seine guten Schuhe wieder an hat.

„Nein, Hosen“, ergänzte Ben und beide gingen immer noch lachend weiter.

Nach ein paar Tagen bei Johanna machten sich die Beiden mit ihrem Zelt auf den Weg über Edinburgh und die Forth Bridge zur Westküste nach Norden. Über Fort William und Ullapool ging es bis hinauf in den Norden, mit einem Tagesausflug auf die Orkneys und über die schmalen Straßen der Highlands  und Loch Ness zurück zu Johanna, um auch dort noch einmal einige Tage zu verbringen.

Nach einem langen Spaziergang am Strand ließen sich die beiden nahe North Berwick auf einer Düne in einer einsamen Sandbucht nieder. Sie hatten auf ihrer Fahrt nur wenige Regentage erlebt und auch heute war strahlender Sonnenschein, nur wenige Wolken und der Himmel spiegelte sich in tiefem Blau auf der glatten Wasseroberfläche des Meeres. Ein leichter Wind wehte das zarte Rauschen der Brandung zu ihnen her und weiter draußen auf dem Wasser tummelten sich einige Möwen.

Es war fast genau so, wie Ben es sich vorgestellt hatte an jenem Novemberabend auf seinem Bett, zusammen mit Eva.

Eli war in Gedanken schon auf der kommenden Heimfahrt:

„Wann müssen wir denn los morgen?“ und als keine Antwort kam:

„Schade, eigentlich wollte ich ja nochmal nach Edinburgh.“ Sie hatte aufs Meer hinaus geblickt und drehte nun den Kopf zu Ben hin und sah seine wässrigen Augen.

„He Ben, was ist los?“ und nach einer Pause: „du hast doch nicht schon Heimweh nach dem Meer?!“ Ben schwieg.

 

So schön dieser Urlaub gewesen war, die Schwester und das geliebte Meer wieder zu sehen, so sehr fiel Ben der Einstieg zurück in die inzwischen verhasste Arbeit. Aber, es half nichts.

Schon auf der Fahrt nach Schottland hatte Eli immer wieder von Familie und Kindern geredet. Ben war klar geworden, welches Ziel sie im Auge hatte. Es überrasche ihn also nicht, dass Elisabeth ihn eines Abends im Bett fragte:

„Hast du eigentlich jemals daran gedacht zu heiraten? Ich muss immerzu daran denken und ich würde es toll finden, Kinder zu haben.“ Gleich darauf ergänzte sie:

„Und eine größere Wohnung.“ Ben fiel es schwer, eine Antwort zu finden. Eigentlich war es ja seine Aufgabe, einen Heiratsantrag zu machen und er hatte ja auch schon ab und zu darüber nachgedacht.

Irgendetwas hielt ihn aber immer wieder davon ab, sich so festzulegen.

Er schenkte Elisabeth die Liebe und Zuwendung, die er zu geben im Stande war, doch war es etwas Anderes, als das, was er sich erträumte. Er spürte deutlich, dass er nie wieder in seinem Leben mit einer Frau so tief würde empfinden können wie seiner Zeit mit Eva. Aber er wusste auch, dass er sich entscheiden musste zwischen einem Leben allein und mit den Erinnerungen oder dem Weg zusammen mit Eli. Das alles fühlte sich an wie ein Kompromiss und nicht wie die Geschichte einer Liebe.

Immer öfter redete er sich ein, Eva würde die Verbindung mit Elisabeth doch sicher befürworten. Dafür sprach auch, dass Eli ihn wirklich zu lieben schien und er sich scheute, sie ein zweites Mal zu enttäuschen. Schließlich war es doch auch einen Versuch wert, diesem Leben noch einiges abzugewinnen.

Was das Glück der Beiden immer wieder etwas trübte, war Elis Alkoholkonsum, der Ben Anlass zur Sorge gab. Wenn er sie ansprach auf dieses Problem, wenn er sie bremste bei gemeinsamen Unternehmungen, dann kam es meist zu etwas unangenehmen Auseinandersetzungen, manchmal sogar zum Streit. Stets versicherte Elisabeth, dass sie das alles sehr gut im Griff hatte und einfach nur Spaß haben wollte.

Eines Abends schließlich kam Ben mit einem Strauß bunter Blumen von der Arbeit nachhause in Elis kleine Wohnung und mit einer Flasche Sekt in der anderen Hand.

„Was hast du vor?“ fragte Elisabeth überrascht. Nach einem Nachtdienst hatte sie diesen und den folgenden Tag frei, das hatte Ben gewusst. Nachdem er sein Jackett abgelegt hatte, ging er mit den Blumen auf Eli zu, lächelte und ging vor ihr mit einem Knie auf den Boden.

„Würdest du mich heiraten?“ fragte er leise. Eli strahlte auf, holte ihn nach oben und fiel ihm um den Hals.

„Ja, ja, ja!“ Die Überraschung war geglückt und es tat Ben gut, Elisabeth so glücklich zu sehen. Sie stießen an und feierten ihre Verlobung, erst auf dem Sofa, dann im Bett.

Ben machte klar, dass er sich mit der Hochzeit noch etwas Zeit lassen wollte. Zuerst einmal würden sie sich nach einer größeren Wohnung umsehen.

Gegen Ende September dann hatten sie Glück. Sie besichtigten eine Wohnung im Erdgeschoss in bester Wohnlage. Es gab eine große Terrasse und einen herrlichen Garten ums Haus herum. Die wohlhabende Besitzerin, eine Arztwitwe, lebte allein im Obergeschoß. Ihr Mann war vor einiger Zeit gestorben und sie wollte nicht allein bleiben in dem Haus.

Als alle Drei den Garten näher anschauten, meinte Ben mit hörbarer Begeisterung in der Stimme:

„Dürfte ich da ab und zu mit anpacken?“ Er löste damit geradezu Entzücken bei der Vermieterin aus.

„Gerade das wollte ich Sie eben fragen, ob Sie mir wohl ab und zu zur Hand gehen könnten mit dem Garten!“ Obwohl es einige weitere Bewerber für die Wohnung gab, sagte die Frau spontan zu und versprach den Beiden, einen Mietvertrag vorzubereiten, so dass sie schon Anfang November würden einziehen können.

Die folgenden Wochen waren geprägt vom Planen und Vorbereiten. Alles schien bestens zu laufen.

Am Freitag, den 11. Oktober, als Ben von der Arbeit gegen drei nachhause kam und die Haustür im Haus seiner Eltern öffnete, übertrat er nichts ahnend schon wieder ein Schwelle des Schicksals, an der eine Weiche sein Leben auf ein anderes Gleis brachte, einen Weg, den er sich nie hätte vorstellen können.

Ben hatte sich vorgenommen, bei seinen Eltern zu nächtigen und schon mal zu beginnen, seine Sachen zu ordnen.

Mutter und Vater waren natürlich traurig, dass der Sohn ausziehen würde, doch freuten sie sich natürlich auch über sein bevorstehendes Leben mit Elisabeth und wohl insgeheim auf die zu erwartenden Enkelchen.

Sein Zimmer sollte er behalten und die Eltern wollten auch nichts daran verändern. Wann immer ihm danach war, sollte er es nach wie vor benutzen können.

Nach dem gemeinsamen Abendessen und ein paar Gläsern Wein sank Ben müde in sein Bett und schlief gleich ein.

Was er nicht ahnte: Wieder ein Tag der Wahrheit stand bevor, ein Schicksalstag.

 

 

 

 

 

Kapitel 6

 

Noch vor dem Morgenkaffee ging Ben in seinem Zimmer umher und überlegte, was er in die neue Wohnung mitnehmen wollte und was hierbleiben sollte.

Als er nach dem Frühstück wieder nach oben kam, fiel ihm sein alter, grauer Pappkarton ein. Er holte ihn unter dem Schrank hervor, setzte sich aufs Bett und murmelte vor sich hin:

„Du bleibst auf jeden Fall hier.“ Aus der Schublade seines Nachttisches holte er einen kleinen Stoffbären, keine zehn Zentimeter groß und mit heftigen Spuren kindlichen Gebrauchs. Das Bärchen trug eine kleine Stoffhose, die Bens Mutter einst genäht hatte, ein Loch an der Seite, aus dem die Holzwolle hervor lugte, war mit Leukoplast verklebt,  ein Ärmchen nachträglich angenäht worden und dadurch unbeweglich.

Ben schaute das Spielzeug  entzückt an und ihm war, als hielte er die Überreste einer glücklichen Kindheit in der Hand.

„Und du bleibst auch hier, am sichersten im Karton.“

Es waren dies seine letzten, unbeschwerten Worte, sein letztes, entspanntes Lächeln für eine lange Zeit.

Als er den Bären versuchte, unter dem Krimskrams im Karton zu verstecken, bemerkte er plötzlich, dass ganz unten drin etwas war, das da nicht hingehörte. Er beeilte sich, dieses Etwas herauszuziehen. Es war ein Notizbuch im DinA5-Format mit rotem Einband. Ben hatte dieses Buch noch nie zuvor gesehen.

Als er es aufschlug, schoss das Adrenalin durch seinen Körper wie eine Feuersbrunst, zerwühlte ihm die Eingeweide und schnürte seine Brust zusammen, dass er kaum noch atmen konnte.

Es war ein Buch von Eva, ihr Tagebuch. Aus dem letzten Drittel der Seiten schaute ein Umschlag heraus.

Ben war für einen Moment wie gelähmt. Dann zog er vorsichtig den Umschlag zwischen den Buchseiten hervor, wobei ein kleines Tuch zu Boden fiel, das mit dem Umschlag zwischen den Blättern gewesen war.

Ein weiterer, schmerzhafter Stich ging durch Bens Brust, schien ihm den Atem nehmen zu wollen. Es war das vermisste Seidentuch von Eva.

Ben hob das Tuch auf und starrte es fassungslos an. Er wusste nicht, wie ihm geschah.

Nach einigen Momenten, in denen er nicht zu denken fähig war, las er auf dem Umschlag: „Für Ben.“ Der Verschluss war nur nach innen gestülpt und Ben öffnete den Brief und entfaltete den eng und mit kleiner Schrift beschriebenen Papierbogen. Es war Evas Schrift und was er nun lesen musste, sorgte mit Sicherheit für die schlimmsten Minuten in seinem Leben.

 

„Mein lieber Ben,

ich schreibe dir diese Zeilen in allertiefster Verzweiflung und im Bewusstsein, dass es meine letzten sein werden.

Elisabeth hat mir die Wahrheit gesagt, sie hat es nicht mehr ausgehalten, zu schweigen. Im Tagebuch stehen alle Details, die du ja ohnehin kennst.

Verzeih mir, dass ich nicht in der Lage war, mit dir darüber zu sprechen! Viel zu groß war meine Angst, du würdest mich dann verlassen, wenn erst alles herausgekommen ist.

Ich hätte die Wahrheit vielleicht irgendwie ertragen können, aber niemals, dass du mich verlässt. Mein Leben hätte keinen Sinn mehr, denn ich habe dir alles gegeben, was ich hatte.

Elisabeth hat mir versichert, dass dein Entschluss feststeht, dass du zu ihr zurückkehren würdest. Erst die Erfahrung mit mir hätte dir gezeigt, was du wirklich willst. Zu gern hätte ich ihr nicht geglaubt, doch sie bewies, was sie sagte mit dem Seidentuch, das sie ja nur von dir haben konnte. Sie fand es in deinem Bett. Dein zweimaliger Meineid tat ein Übriges. So groß muss das Dilemma für dich gewesen sein und so sehr hast du dich gescheut, mir weh zu tun, dass du dich so versündigt hast. Nun will ich deinem Glück nicht länger im Weg sein.

So habe ich keine Zukunft mehr. Ich blicke aber auf einen erfüllten und schier unglaublich glücklichen, letzten Lebensabschnitt zurück. Wenn er auch nur einige Wochen gedauert hat, so will ich mich doch zufrieden geben. Es mag kitschig klingen, aber ich habe meinen Traumprinzen gefunden und kann ohne ihn nicht weiter.

Mein Gott mag mir verzeihen, dass ich mein Leben beende. Ich vertraue ein letztes Mal, vertraue auf ihn, dass er ein Gott des Vergebens und der Güte ist und ein Gott der Liebe. Er wird wissen, dass ich nicht weiter gehen kann auf meinem Weg.

Ich habe eine letzte Bitte an dich. Steh zu dem, was geschehen ist und erlöse meine Eltern und meinen Bruder von der Ungewissheit, indem du ihnen alles sagst. Ich verlasse mich auf dich, denn ich habe nicht die Kraft, noch einen solchen Brief zu schreiben. Nimm die Ungewissheit jedweder Schuld von ihnen und sage ihnen, dass ich sie mein ganzes Leben aus tiefstem Herzen geliebt habe.

Bevor ich gehe, sollst du wissen, mein geliebter Ben, dass ich dir verziehen habe.

Deine Eva, in Treue bis in den Tod.“

 

Mehrmals hatte Ben absetzen müssen beim Lesen, so viel Elend konnte er nicht auf einmal in sich aufnehmen und jedes Mal graute ihm mehr vor dem Weiterlesen.

Er konnte zunächst gar nicht im vollen Umfang erfassen, was er da erfuhr und er war nach einer Weile verzweifelt fragender und wirrer Gedanken nicht mehr fähig zu denken, hilflos war er dem Unglaublichen ausgesetzt.

Nachdem er den Brief gelesen hatte, begann er im Tagebuch zu blättern. An beliebiger Stelle in der Mitte des Buches las er:

„Bin so froh, diese WG gefunden zu haben. Die sind alle so nett. Einer der beiden Jungs ist auch total süß! Oh Gott, was wird sich da entwickeln? Irgendwie aufregend…“

Ben überschlug einige Seiten und las dann weiter:

„… ich hätte es nicht zulassen dürfen, aber es war traumhaft!!!!

  1. 10.

Gott ist mein Zeuge, ich habe es versucht und bin kläglich gescheitert. Und Ben ist so lieb!! und verständnisvoll. Du lieber Himmel, ich bin total verliebt. Ich möchte das Fenster öffnen, davon fliegen und es in alle Welt hinausschreien, wie glücklich ich bin…“

Ben sackte in sich zusammen im Entsetzen, obwohl er noch immer nicht begreifen konnte, was sich ihm da offenbarte.

Zögernd las er schließlich weiter und alles in einem Stück zu Ende:

Am 10. März 1973 hatte Elisabeth bei Eva angerufen und sie zu einer wichtigen Unterredung gebeten. Die beiden trafen sich, natürlich am Waldparkplatz, und Eli unterbreitete ihre Lügengeschichte, dass Ben zu ihr zurück gekommen sei, dass er sie über alles liebe und durch Eva erkannt habe, dass es für ihn nur ein Leben mit Elisabeth gäbe. Schon etliche Male hätten sie Nachmittage in Bens Zimmer und Bett verbracht, mit angeblich schlechtem Gewissen.

Sie selbst bat scheinheilig um Verzeihung. Sie habe es nicht länger ausgehalten, Eva in Unkenntnis des Betruges zu lassen. Sie musste dabei sogar geweint, zumindest aber den Eindruck erweckt haben.

Schließlich war sie mit dem Seidentuch herausgerückt und da war es geschehen um Eva. Hatte sie zuerst nicht glauben wollen, was sie da hörte, nun schlug ihr der Beweis ins Gesicht.

Als er das Buch weglegte, saß Ben immer noch völlig fassungslos auf seinem Bett. Langsam aber begannen seine Gedanken  wieder zu erwachen und Stück um Stück erkannte er, was für ein Abgrund sich da vor ihm auftat.

Alles, was Elisabeth mühsam in ihm aufgebaut hatte an Liebe, Vertrauen und Zuneigung, alles war in einem Augenblick weggewischt und machte neuen und dunklen Gefühlen Platz.

Was musste Eva gelitten haben auf ihrem Marsch durch die Nacht und in den Tod?! Welche Schmerzen musste sie empfunden haben in ihrer Seele, als sie dann ganz allein auf der Mauer des Turmes stand, vor dem nächtlichen Abgrund?! War sie doch schon davor längst in den Abgrund der Intrigen gestürzt und hatte dabei mit einem Male alles verloren, auf das sie ihre Zukunft aufgebaut hatte. In ein Desaster der Enttäuschung, des Verrates und des Verlassenseins musste sie gefallen sein mit allen ihren Träumen.

Wie ungeheuer tief und hingebungsvoll muss ihre Liebe gewesen sein, dass sie nicht weiterleben konnte und doch zu verzeihen in der Lage war?!

Erst jetzt begann Ben zu weinen und seine Tränen wurden Nahrung für jene dunklen Gefühle, aus denen langsam Wut und Hass erstanden und Elisabeths Gesicht in Bens Augen zu einer hässlichen Fratze zu entstellen begannen. In dieser unbändigen Wut, die er bald nicht mehr im Griff hatte, starrte er an die Wand seines Zimmers, sprang dann plötzlich auf, zog sich eine Jacke über und rannte nach unten.

„Ich bin gleich wieder da“, rief er den Eltern von der Küche aus zu, wo er sich an der Besteckschublade zu schaffen machte und er verschwand mit seiner alten Reisetasche, in die er Tagebuch und Brief gelegt hatte und das Fleischmesser seiner Eltern.

Ben wusste nicht mehr, was er tat, als er in den Firmenwagen stieg und mit quietschenden Reifen losfuhr.

Der Motor des Opel Rekord heulte vor jedem Schalten in den nächsten Gang auf mit einer  Drehzahl an der Schmerzgrenze, als Ben in Richtung Stadtklinik raste. Inzwischen waren es Tränen des Zorns und er Wut, die ihm die Sicht wässerten und die er wütend mehrmals wegwischte.

Angekommen, stürmte er in Elis Wohnung, zu der er natürlich längst einen Schlüssel besaß. Sie war noch nicht vom Nachtdienst zurück. Eilig sammelte er alles, was ihm gehörte ein und warf es in seiner Reisetasche.

Er legte das Tagebuch schließlich auf den kleinen Ess-Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl davor, mit dem Gesicht zum Wohnungseingang. Das Fleischmesser platzierte er so auf dem Tischchen, dass man es vom Eingang her nicht sehen konnte.

Der Zorn in ihm brodelte und steigerte sich im untätigen Warten ins schier Unerträgliche.

Endlich, nach einer für Ben endlosen viertel Stunde hörte er den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. In diesem Moment fürchtet er sich selbst vor dem, was er tun würde, doch inzwischen war ihm alles egal. Sein Leben hatte nun keinen Sinn mehr und er spürte, dass er es war, der Eva rächen musste. Weiß Gott, er würde Elisabeth das Messer in den Leib rammen mit allem Schmerz, Hass und aller Verachtung für das, was sie getan hatte.

Was danach sein würde, das war ihm völlig gleichgültig in diesem Moment, in dem er nicht mehr fähig war, zu denken.

Sein Herz raste und er spürte seinen Puls am Hals; seine Hände zitterten.

Elisabeth erschrak, als sie Ben völlig unerwartet da sitzen sah. Ein Moment des eisigen Schweigens ließen Eli Zeit, nachzudenken. Fiberhaft arbeitete ihr Hirn.

„Ben“, rief sie endlich erstaunt, „du hier?!“

„Herrgott Ben, wie siehst du denn aus? Was ist denn passiert?“

Sie ging einen Schritt auf Ben zu und da traf sie der hasserfüllte Blick aus seinen Augen, so dass sie augenblicklich und intuitiv wieder zurückwich.

Was Ben nicht ahnte: Ihr momentan von Alkohol freier und messerscharfer Verstand hatte ihr längst verraten, was kommen würde. Zwar hatte sie schon länger in der trügerischen Gewissheit gelebt, dass die Wahrheit nie mehr aufkommen würde, hatte aber von Anfang an eigentlich damit gerechnet gehabt, dass Ben ihre Machenschaften von Eva erfahren würde. Eine Ahnung aber hatte sie immer begleitet: Irgendwann würde es vielleicht doch an den Tag kommen. Sie wusste zwar nicht, wie das nun entstanden war, aber Ben hatte schon nicht mehr das Überraschungsmoment auf seiner Seite, als er, zunächst trügerisch ruhig anfing zu reden:

„Ich habe hier ein Tagebuch“, er deutete auf das Buch neben ihm auf dem Tisch, „es gehörte Eva.“ Er schwieg und wunderte sich, dass das, was er bei Eli erwartet hatte, nun ihm selbst geschah: Er war völlig überrascht darüber, dass Eli ganz ruhig wirkte und eiskalt das Wort ergriff:

„Dann weißt du es ja jetzt.“

Nun gab es kein Halten mehr. Nun erst recht provoziert, brüllte er Eli an:

„Ja, verdammt, nun weiß ich, dass du Eva umgebracht hast!“ Bens Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen, als er fortfuhr:

„Umgebracht mir deinen infamen, feigen Lügen!“ Elisabeth legte ihre Handtasche auf den Couchtisch und begann ihre Strickjacke auszuziehen, tat so, als ginge es um einen alltäglichen Streit.

„Mein Gott, Ben, tust du nur so, oder hast du wirklich alles einfach verdrängt?“ ein paar Sekunden später fügte sie hinzu:

„Niemand außer uns beiden weiß besser, dass das, was in dem Buch steht die Wahrheit ist. Steh endlich zu dieser Wahrheit!“

„Das sagst ausgerechnet du mir!“ schrie Ben zurück.

„Herrgott nochmal, ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, fast jeden Tag immer wieder dieses arme Mädel zu hintergehen mit dir. Ich konnte doch nicht wissen, dass sie sich gleich umbringen würde!“ Ben war sprachlos ob dieser Unverfrorenheit und wie gelähmt. Was redete sie denn da?! War sie so tief in ihre Lügen verstrickt, dass sie überzeugt war, es wäre die Wahrheit? Das alles erschien so unwirklich, dass Ben einen Augenblick lang tatsächlich verunsichert war.

Fassungslos starrte er Eli an und plötzlich verstand er, mit welch unglaublicher Überzeugungkraft sie lügen konnte und auch Eva überzeugt haben musste. Eli fuhr fort und setzte noch einen drauf. Hätte sie das lange Fleischmesser hinter Ben sehen können, dann hätte sie sicher geschwiegen. So war sie nun im Begriff, sich noch mehr in Lebensgefahr zu bringen:

„Warum hast du es ihr nicht selber gesagt damals? Du konntest es nicht, warst zu schwach und hast mich die Schuld tragen lassen bis heute. Mein Gott, mir tut das ja auch alles furchtbar leid, aber letztlich warst du es, der sie umgebracht hat. Du hast sie verlassen und hintergangen. Was sollte ich denn tun? Du warst es doch, der zu mir zurückgekommen ist.“ Ben war immer noch sprachlos und so konnte Eli fortfahren, mit plötzlich ganz ruhiger Stimme und versöhnlicher Gelassenheit:

„Hör zu Ben, ich hätte wahrscheinlich auch so gehandelt wie du und ich würde die Wahrheit wohl auch verdrängen wollen. Aber dann lass uns das auch tun, verdammt nochmal. Ich hab immer zu dir gestanden und ich werde es auch weiter tun.“ Ihre Stimme wurde weinerlich:

„Versteh doch endlich, Ben, ich liebe dich und ich werde dich immer lieben, ganz egal was kommt!“

Langsam begann Ben zu verstehen, konnte das Gesagte einordnen. Der Zorn in seinem Gesichtsausdruck fing an, einer grenzenlosen Verachtung Platz zu machen. Er konnte dadurch wieder klar denken und erkannte in diesem Moment den Wahnsinn in seinem Vorhaben, zu dem er wohl auch nie fähig gewesen wäre.

Fast ruhig sagte er nach einer Weile:

„Und du glaubst tatsächlich, du könntest damit durchkommen?! Du bist ein Abgrund an Verlogenheit und Gemeinheit und ich verachte dich wie ich nie zuvor jemanden verachtet habe…“

Mit diesen Worten stand er auf und drehte sich nach hinten. Dort lag immer noch das Messer. Einen Moment lang schaute Ben das Messer an, dann griff er danach und nun konnte Elisabeth es auch sehen. Sie erstarrte vor Schreck und eine Gänsehaut des Entsetzens erfasste ihren ganzen Körper, als sie langsam einige Schritte zurückwich. Sie wollte schreien, doch der Schrei blieb ihr im Halse stecken.

Ben schaute sie an und die Verachtung war in seinen Augen zu lesen. Er legte das Messer in seine Tasche, legte dann auch das Tagebuch hinein und ging ohne ein weiteres Wort und ohne Elisabeth nochmal anzuschauen hinaus.

Wieder im Fahrzeug, war er zunächst nicht in der Lage, loszufahren. Er legte beide Arme auf das Lenkrad des Opels und dann seinen Kopf auf die Arme.

„Ich konnte es nicht – ich konnte es einfach nicht tun“, schien er sich selber zu erklären, „ich war zu feige“. Er spürte aber nun eine große Erleichterung in sich aufsteigen und war froh, es nicht getan zu haben. Dann dachte er an Eva und wusste, war sich sicher, dass gerade sie es nicht gewollt, ja, sogar verabscheut hätte. Für Elisabeth wäre das auch viel zu einfach gewesen. Nein, sie sollte leiden, so wie Eva und vielleicht würde sie es ja dann selber tun…

Zuhause angekommen legte er schweigend seinen Eltern den Abschiedsbrief vor und verschwand in seinem Zimmer.

Kurz darauf kam seine Mutter weinend an die Tür und klopfte an. Ben ging hin und umarmte sie. So standen sie eine Weile, bis Ben sagte:

„Mama, gräm dich nicht zu sehr. Lass mich ein paar Minuten allein, ich muss nachdenken. – Es ist wichtig, dass ich nachdenke…“

Dieses Nachdenken sollte böse Folgen für Ben haben. Erst am Abend war er in der Lage, zu Evas Eltern zu fahren.

Erneut wurde er äußerst unangenehm überrascht. Evas Familie erwartete ihn schon. Er wurde ins Wohnzimmer geleitet und bekam düstere und erwartungsvolle Blicke zu spüren. Irgendwie taten sie weh.

„Ich muss euch etwas sagen“, begann Ben verunsichert. Evas Bruder unterbrach ihn:

„Elisabeth ist schon hier gewesen, du kannst dir…“

„Sei still und lass ihn reden!“ wurde er von seinem Vater schroff unterbrochen:

Ben begriff sofort und versuchte zu retten, was noch zu retten war:

„Ihr werdet dieser Lügnerin doch keinen Glauben schenken“, rief er aus.

„Wir wollen das Tagebuch lesen“, sagte Evas Mutter leise und Ben legte es auf den Tisch.

„Und dieser Umschlag in deiner Hand, ist das ein Abschiedsbrief?“ fragte Evas Vater fordernd. Ben hatte sich wieder einigermaßen gefasst und antwortet niedergeschlagen:

„Ja, es ist ein Abschiedsbrief, aber er ist an mich gerichtet. Ich gebe ihn euch zu lesen, aber ihr müsst mich anhören, mir eine Chance geben und ich will ihn zurück.“ Er legte nun auch den Brief auf den Tisch und fuhr fort:

„Ich schwöre euch bei allem was mir heilig ist, was diese Frau behauptet ist nichts als eine infame Lüge. Nach der Trennung von ihr und vor Evas Verschwinden war ich kein einziges Mal mehr mit ihr zusammen. Niemals hätte ich Eva betrügen können…“ In seiner Verzweiflung fing Ben an zu weinen.

Es entstand eine Pause ohne Worte und alle drei Angehörigen lasen den Abschiedsbrief.

„Da steht was von Meineid“, rief Evas Bruder aus, als er las, „darin scheinst du ja gut zu sein.“

Das Ergebnis seines Besuches war schließlich nur noch niederschmetternd. Die Mutter saß weinend am Tisch und der Bruder schien Ben mit seinen hasserfüllten Blicken töten zu wollen.

„Ich hab’s immer geahnt“, sagte er verbittert, als er das Zimmer verließ.

Der Vater schaute noch einen Moment gedankenverloren durchs Fenster und dann verließ auch er ohne ein Wort das Zimmer. Zuvor hatte er Ben den Brief hingeworfen, das Tagebuch aber behielt er in der Hand als er ging.

Ben hatte keine Ahnung, wie er die Leute, die er so lieb gewonnen hatte, überzeugen sollte. Elisabeth war ihm zuvorgekommen und nun sprach plötzlich alles gegen ihn.

Völlig niedergeschlagen kehrte Ben nachhause zurück. Mit großer Erleichterung spürte er dort das Vertrauen und den Glauben seiner Eltern, die fest zu ihm hielten, auch nicht einen Augenblick an ihm gezweifelt hatten.

Als er im Bett lag und nicht einschlafen konnte, dachte er auch an Eli. Wie konnte  ein Mensch nur so gnadenlos überzeugend lügen? Wie hatte er sich so in ihr täuschen können? Diese Bösartigkeit nie gespürt zu haben, konnte er im Nachhinein kaum glauben.

Sicher, man konnte ihr nicht anlasten, dass sie Eva wirklich umbringen wollte, vielmehr war ihr Ziel, Eva und ihn auseinander zu bringen. Wie aber konnte sie so kaltblütig sofort noch mehr Lügen auftürmen, als er sie mit der Wahrheit konfrontierte?

Natürlich, sie war vorbereitet, ging es Ben auf. Sie musste ja von Anfang an damit rechnen, dass Eva ihn auf die Sache ansprechen würde. Also hatte Eli von Anfang an geplant, ihre Lügen fest weiter zu behaupten und lediglich das Glück gehabt, dass Eva schwieg. Vom Tagebuch konnte sie ja nichts wissen. Der Abgrund, der sich auftat, wurde immer tiefer.

Ben begann dann sich zu fragen, wie das Buch in seinen Karton gelangt sein konnte und fand auch dafür die Erklärung nach einigem Nachdenken: Es war dieser zweite Tag, der Tag von Evas Tod. Nie hatte er sich erklären können, warum sie überhaupt zu ihm gekommen war in ihrem Zustand. Sollte sie sich wirklich nur gesundheitlich schlecht gefühlt haben?

Nein, natürlich nicht! Ihr zweiter Besuch diente einzig dazu, das Tagebuch und den Brief bei ihm zu verstecken. Sie wusste, wo der Karton war und als er die Kopfschmerztablette holte, hatte sie genügend Zeit, alles dort zu verstecken. So würde sie ungestört ihren fürchterlichen Plan in die Tat umsetzen können. Dass es mehr als eineinhalb Jahre dauern würde, bis Ben das Tagebuch findet, das konnte sie nicht ahnen.

Ben tastete nach seinem Nachttisch und seine Hand fand dort das Seidentuch. Er nahm es und roch daran. Obwohl der Duft längst vergangen war, konnte er ihn dennoch deutlich wahrnehmen und er erzeugte ihm nun einen erdrückenden Schmerz.

 

Am Folgetag versuchte Ben, Urlaub einzureichen, der aber nicht gewährt wurde. Also ging er zu seinem Hausarzt und ließ sich krankschreiben. Bei dem Eindruck, den er rein äußerlich schon machte, war das kein großes Problem. Schon eher, wie die Firma das einschätzen würde, aber das war Ben egal. Er hatte größere Probleme, war auf der Suche nach seinem Leben, das Eli ihm gestohlen hatte und er sann auf Rache für das, was sie Eva und ihm angetan hatte.

Doch das war nicht einfach. Wie sollte er sie angreifen? Es war als ob sie alle Trümpfe in der Hand hätte, er dagegen ein verdammt schlechtes Blatt.

Bens Überlegungen konzentrierten sich auf die kurze Zeit zwischen der Trennung von Elisabeth und Evas Tod. Hatte sie nicht erzählt, dass sie völlig niedergeschlagen war und oft die Schule schwänzte in dieser Zeit? Ganz nebenbei schob Eli ihm damit ja auch noch ihr Versagen in der Schule mit in die Schuhe.

Er ging ins Gymnasium, wo er sich zuvor mit der ehemaligen Klassenlehrerin von Eli verabredet hatte. Dabei half ihm, dass diese ihn von der Schulzeit her noch recht gut kannte. Ben erzählte der Frau die ganze Geschichte und diese lauschte gleichermaßen erstaunt wie entsetzt. Und tatsächlich, es ergab sich eine Spur: Die Lehrerin meinte sich zu erinnern, dass zuweilen, wenn Elisabeth fehlte, auch einer der Klassenkameraden nicht erschienen war.

Ben konnte sie überreden, im Archiv in den alten Klassenbüchern nachzusehen. Das Ergebnis erstaunte auch die Lehrerin. So klar hatte sie das nicht mehr in Erinnerung gehabt: Fast bei jedem Fehlen von Eli gab es auch einen Eintrag über den Jungen.

Bald darauf konfrontierte Ben Elisabeth mit diesen Erkenntnissen. Doch wieder wusste sie zu reagieren, war wohl auch vorbereitet auf diese Konfrontation, weil ihr klar war, dass der Betreffende, ein gewisser Lothar,  gegen sie aussagen konnte. Hatte sie ihm doch nach kurzer Zeit den Laufpass gegeben. Sie gab das Techtelmechtel, wie sie es nannte, mit dem Jungen zu, behauptete aber gleichzeitig, sich oft danach auch noch mit Ben getroffen zu haben und zwar nachmittags darauf in dessen Bett.

„Allmählich kann ich es nicht mehr ertragen, wie du ständig versuchst, diese Ereignisse einfach zu verdrängen“, wetterte Elisabeth, „sieh doch endlich den Tatsachen ins Auge und sei ehrlich zu dir selber! – Ach Ben, lass doch das alles einfach hinter dir, wenn dir das leichter fällt, und fang mit mir noch einmal ganz neu an! Ist das denn so schwer?“

Es schien, als wollte sie Ben soweit bringen, dass er an sich selber zweifelte und langsam wurde die Lüge fast schon offensichtlich. Allerdings, es fehlte immer noch der alles entscheidende Beweis, dessen Erbringung unmöglich zu sein schien.

Bald aber kam ausgerechnet Elisabeth Ben unfreiwillig zu Hilfe. Sie wollte nicht aufgeben und versuchte ständig, Ben telefonisch zu erreichen. Da hatte Ben eine Idee.

 

Ben war nun schon die zweite Woche krankgeschrieben und sein Job geriet langsam in Gefahr. Bei der Pharmaindustrie wurde nicht lange gefackelt. Unliebsame Mitarbeiter wurden einfach rausgeschmissen. Am Arbeitsgericht schließlich bekam zwar den Arbeitnehmer Recht, man stellte aber in der Regel die Zerrüttung des Arbeitsverhältnisses fest und verfolgte deshalb die Regelung über eine Abfindung, die von der steinreichen Firma quasi aus der Portokasse bezahlt wurde. Für dieses Vorgehen gab es zahlreiche Beispiele. Ben indes war sein Job völlig egal, war er ihm doch eh längst verhasst.

Am 21. Oktober, einem Montag, jährte sich nun schon das zweite Mal der Tag, an dem Eva und Ben sich im „Boat“ kennengelernt hatten. Am Dienstag darauf stand Ben wieder mit elf Rosen an Evas Grab. Auf den Turm ist er aber dieses Mal und auch fortan nicht mehr gestiegen. Diesen Ort des Schreckens mied er nun für immer.

Beim nächsten Anrufversuch von Eli ging Ben ans Telefon. Es war inzwischen November geworden. Das Wetter passte zu allem Elend, das Ben widerfahren war: Es regnete ständig und der Herbst geriet nass und endlos trüb.

„Ben, danke, dass du drangegangen bist“, sagte Eli ernst und nach einer kleinen Pause:

„Ich habe den Mietvertrag unterschrieben“, sie wartete auf eine Reaktion und als diese nicht kam, fuhr sie fort:

„Ben, bitte, willst du nicht endlich vergessen, was war?! Wir könnten doch einfach ganz neu und von vorne anfangen und alles, was war vergessen. – Ben, sag doch was!“

Es schien also tatsächlich, als ob sie ihn immer noch wollte. Er gab sich betont depressiv:

„Anfangen, wozu? Was sollte ich noch anfangen? Du hast mein Leben an die Wand gefahren. Glaubst du denn im Ernst, wir könnten noch einmal zusammen kommen?“

„Ja, Ben, das glaube ich! Ganz fest. Du musst doch nur wollen.“ Nun klang sie tatsächlich etwas verzweifelt und Ben meinte, herauszuhören, dass sie nicht nüchtern war.

„Gib wenigstens mir gegenüber deine Lügen zu. Sag mir ins Gesicht, dass alles nicht stimmt. Nur so könnte ich überhaupt über einen Neubeginn nachdenken.“ Er hoffte, dass sie nicht merken würde, dass das natürlich eine gewaltige Lüge war.

Als Eli zunächst schwieg und nachdachte, legte Ben einfach auf und ging auch nicht mehr ans Telefon an diesem Abend.

Vor dem Einschlafen wunderte er sich, wie einfach es doch war, am Telefon Anderen so gemein ins Gesicht zu lügen. Er hatte sich das viel schwerer vorgestellt, doch sein Hass schien ungeahnte Kräfte freizusetzen. Schließlich handelte es sich ja bei seiner Aussage nicht um eine unbedeutende Notlüge oder Schwindelei, sondern um eine bewusste Falschaussage, die Eli in ihrer Einschätzung und ihrem Denken manipulieren sollte.

Sie hatte also wohl tatsächlich den Mietvertrag unterschrieben. Die Miete indes überstieg bei weitem ihre finanziellen Möglichkeiten. Sie schien sich also wirklich an eine mögliche Versöhnung zu klammern. Sollte er denn an sich selbst zweifeln und sich am Ende eine Schuld einreden, die es gar nicht gab? Allein die Tatsache, dass sie anscheinend nach allem was war immer noch glaubte, sie könnte gewinnen, zeigte Ben, dass Eli einerseits die Tragweite ihrer Taten gar nicht erkannte und andererseits begonnen hatte, unrealistisch zu handeln.

Den Vertrag doch zu unterschreiben wertete Ben als Verzweiflungstat. In seinen Gedanken begann ein Plan zu reifen.

 

Am darauffolgenden Montag, es war der vierte November, nahm Ben wieder seine Arbeit auf. Schnell stellte sich heraus, dass dies ein Segen für ihn war. Nicht wegen des Erhalts seines Arbeitsplatzes und auch nicht des Verdienstes wegen. Es war die Ablenkung in der Konzentration auf die Arbeit, die segensreich war. Andere Gedanken haben zu können, andere Menschen zu sehen und einmal abschalten, reden und auch wieder lachen zu können, das tat Ben gut.

Wenn es für ihn auch nicht wirklich so war, so hatte er doch zeitweise das Gefühl, das Leben ginge weiter und ziehe ihn einfach mit.

So erlangte er langsam aber sicher einen wichtigen Abstand zu den Ereignissen und konnte viel klarer denken.

Ein seltsames Gefühl begann seine Tage zu begleiten. Anfänglich nur unbewusst fühlte sich alles alt und verbraucht, fast unreal an, was er tat und sah. Der Opel, der Musterkoffer, die Stadt und selbst der geliebte Schwarzwald, alles um ihn herum schien eigenartig zu verblassen in seinen Augen. Er war im Begriff, das Gefühl des Zuhauses zu verlieren. Im Unterbewusstsein begann Ben den Ort, an dem alles geschehen war, zu verstoßen und in seinem Innersten erwuchs langsam der Wunsch, von hier wegzugehen.

In den stillen Stunden des Nachdenkens gingen seine leeren Augen scheinbar ins Nichts, doch er war dann an einem Ort, mit dem er immer mehr Sehnsucht verband. Es waren das Meer und der Strand, die Brandung des Ozeans an Sandstränden und Felsenküsten mit ihren Ebbetümpeln und Einsiedlerkrebsen. Immer mehr tat es Ben jenen gleich und zog sich ins Schneckenhaus seiner stillen Gedanken zurück, in denen er sich sicher fühlte und so etwas wie Heimat zu empfinden begann.

Immer wieder versuchte Elisabeth, ihn telefonisch zu erreichen und das eine auf das andere Mal meldete er sich und wiederholte seine Forderungen. Anfänglich waren es nur Andeutungen, dass er von einer Lebensmüdigkeit zu sprechen begann. Ganz bewusst gestaltete Ben aber diese Hinweise immer deutlicher. Es ekelte ihn vor diesen Lügen, doch sie gehörten zu seiner Strategie.

An einem Dezemberwochenende war Ben in der Stadt unterwegs, um für seine Mutter einige Besorgungen zu machen, als der Zufall ihm eine Begegnung mit Claudia, der besten Freundin von Elisabeth, bescherte.

Sie reagierte zunächst sehr zurückhaltend, als Ben sie ansprach, ließ sich aber dann ins Café am Markt einladen.

Besorgt berichtete Claudia vom Zustand ihrer Freundin, die sich immer mehr dem Alkohol hinzugeben schien. Schon gab es Probleme mit der Klinikverwaltung wegen mehrmaligen Schwänzens des Unterrichts und auch zum Dienst war Eli einige Male nicht erschienen, lag völlig verkatert in ihrem Bett, wenn ab und zu Claudia nach ihr schaute.

„Wir sind immer seltener zusammen und manchmal redet sie wirres Zeug, meist von einer tollen Wohnung, in die sie bald einziehen will. Wie soll sie sich die denn leisten können, hat sie doch erst von ihren Eltern Geld geliehen, angeblich für Kleider und Möbel. Es war kein geringer Betrag und ich glaube, sie hat alles versoffen. Jedenfalls verlottert ihre Wohnung immer mehr und neue Möbel habe ich da nicht gesehen.“ Es entstand eine Pause und Ben lauschte aufmerksam weiter:

„Und sie selber, du solltest sie mal sehen. Fettige Haare und sie bügelt ihre Sachen kaum noch, riecht ständig nach Alkohol. Ich sag dir, das geht nicht mehr lange, das schauen die sich in der Klinik nicht mehr lange an. Auch Ärzte waren schon am Meckern.“ Natürlich war Claudia von Eli informiert worden und kannte den Stand der Dinge zwischen Eli und Ben. Sie war davon überzeugt, dass Eli die Wahrheit sagte.  Sie glaubte aber, durch ihre Schilderungen Ben aufrütteln zu können, um vielleicht zu erreichen, dass er doch einlenken und zu ihr zurückkommen würde.

„Das klingt ja schlimm“, sagte Ben nachdenklich.

„Ja, sie ist ein ganz anderer Mensch geworden. Gut, sie hat schon immer, seit ich sie kenne, gern einen getrunken, aber ich glaube nicht, dass sie das inzwischen noch im Griff hat.“

Mit einer derart dramatischen Entwicklung hatte Ben nicht gerechnet. So schlimm sich das anfühlte, aber nun scheinen die Dinge sich endlich in seinem Sinn zu entwickeln und rasant schneller als er gedacht hatte.

Noch am selben Tag fuhr Ben auf dem Heimweg zu der Wohnung, die Eli und er hatten mieten wollen. Die Besitzerin war ziemlich auf gelöst als sie ihn sah und beklagte sich, dass noch keine Zahlung erfolgt und kein Mensch mehr erschienen war, nachdem Eli den Vertrag unterschrieben hatte.

„Ich hatte gleich ein komisches Gefühl, als die junge Frau ohne Sie kam. Sie meinte, Sie wären im Ausland auf Tagung.“

Ben beruhigte die alte Dame, entschuldigte sich, lieferte Erklärungen und einigte sich mit ihr. Nachdem sie erfahren hatte, dass die Beiden nun getrennt waren, gab sie sich mit der einmaligen Zahlung der Miete zufrieden und war bereit, den Vertrag aufzulösen. Bis zum Jahresende würde sie neue Mieter finden und Ben versprach, dafür Sorge zu tragen, dass die Kopie des Vertrages verschwand.

Am Tag danach, dem Sonntag, klingelte er an Elisabeths Wohnungstür. Ben hatte Glück, sie hatte keinen Dienst und nach einer Weile öffnete sie und steckte den Kopf durch den Türspalt.

„Ben, du!“ sie war sichtlich überrascht und verlegen.

„Kann ich kurz reinkommen?“

„Äh, ja – ja klar. Ich habe aber noch nicht aufgeräumt, du musst entschuldigen.“

Ohne etwas zu sagen trat Ben ein. Es war in der Tat kein schöner Anblick: An einigen Stellen sah Ben leere Flaschen, gebrauchte Gläser standen herum und die Spüle in der Kochnische war voll mit ungewaschenem Geschirr. Eli räumte eilig einige herumliegende Kleidungsstücke weg und sah ihn an. Sie trug nur ein dünnes, fast durchsichtiges Hemdchen, in dem sie oft zu schlafen pflegte. Ihre Augen waren gerötet und die dunklen Ringe darunter verrieten, dass sie bis gerade noch geschlafen hatte und auch, was wohl davor war.

„Ich mach uns einen Kaffee, ja?“

„Nein danke“, Bens Gesicht blieb wie versteinert, „ich möchte mir nur den Mietvertrag anschauen und dir deinen Schlüssel zurückgeben.“ Dabei legte er den Schlüssel auf den Couchtisch.

„Den Mietvertrag, ach ja, Moment.“ Ihre Gesichtszüge hellten sich sichtlich auf und sie begann in einem Papierhaufen auf dem Ess-Schreibtisch herumzukramen und fand schließlich das Dokument. Ohne Zögern reichte sie es Ben.

Der schaute nur kurz darauf, dann zerriss er das Schriftstück in viele, kleine Fetzen und warf diese zum Wohnungsschlüssel auf den Couchtisch.

„Was tust du da?!“ rief Eli entsetzt.

„Was zu tun war! Bist du noch bei Trost? Du kannst dir die Wohnung doch gar nicht leisten. Ich habe den Vertrag aufgelöst – das hat mich eine ganze Monatsmiete gekostet!“

Zu anderen Zeiten hätte sich Elis Miene nun verfinstert und wäre anschließend zu einem überheblichen Grinsen geworden. Augenblicklich hätte sie zum Gegenschlag ausgeholt. Aber was Ben nun sah, war nur noch jämmerlich und traurig. Sie begann laut zu weinen und fiel in Sitzstellung auf den Boden. Die einst stolzen und hübschen Gesichtszüge schienen zu einer fahlgrauen, verheulten Grimasse verkommen zu sein.

„Ben!“ heulte sie, „komm zurück zu mir! – Ich brauche dich so sehr. Bitte!“

„Es gibt kein Zurück für uns beide.“ Bens Stimme war sanfter und traurig geworden, als er fortfuhr.

„Für dich gibt es vielleicht noch ein Voraus, eine Zukunft, für mich nicht mehr.“

„Was meinst du damit?“

„Alles in mir ist zerstört, ich bin nur noch eine leere Hülle, ohne Sinn.“

„Warum kannst du nicht einfach vergessen was war und neu anfangen?“

„Weil ich kein Ziel mehr habe, kein Morgen mehr sehe. Alle verachten mich einer Lüge wegen, doch ich bin ohne jede Schuld. Du weißt das genauso gut wie ich und  hast vielleicht bald zwei Menschen auf dem Gewissen!“

Ben wandte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.

Wieder zuhause fühlte sich Ben elend. Er konnte kaum glauben, was er da getan und gesagt hatte und begann, sich vor sich selbst zu fürchten.

Elisabeth tat ihm nur noch leid. Es schmerzte ihn geradezu, dieses hübsche Mädchen als Häufchen Elend zu sehen und er begann zu bereuen.

Schnell jedoch kam Eva zurück in seine Gedanken und er erkannte, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war, viel früher, als Ben es sich erträumt hätte.

Er ging nicht mehr ans Telefon, wenn Eli anrief, die Mutter musste ihn stets als unpässlich entschuldigen.

Ben machte sich nun daran, seinen Arbeitsvertrag zu beenden. Die Kündigungsfrist betrug nun schon drei Monate, er war über ein Jahr in der Fima. Das bedeutete, dass sein Vertrag Ende März auslaufen würde.

Nachdem die Kündigung in der Firma war, wurde er nicht mehr zur Tagung Anfang des Jahres bestellt und Ende Januar gänzlich freigestellt von seiner Arbeit. Seinen Lohn erhielt er vertragsgemäß bis einschließlich März und die letzte Prämie war zum Zeitpunkt der Kündigung schon auf seinem Konto.

Weihnachten und Silvester 1974 verbrachte Ben mit seinen Eltern, die völlig ahnungslos blieben, bis zu dem Tag im Januar, als der Firmenwagen abgeholt wurde und alles Material im Zusammenhang mit Bens Arbeit danach verschwunden war.

Ben sagte den Eltern, dass er selber gekündigt hatte und sich eine neue Arbeit suchen wollte. Natürlich waren die beiden besorgt ob der Entwicklung, doch vertrauten sie ihrem Sohn.

Auch Elisabeth hatte Weihnachten mit ihren Eltern verbracht, die sich nun vermehrt um ihre Tochter kümmerten. Dass sie ein Alkoholproblem hatte, wollte Elisabeth jedoch nicht einsehen, so dass die Eltern sich, ohne sie zu informieren, mit einem Arzt in Verbindung setzten und sich Rat holten. Ihre Hoffnung war, dass Elisabeth doch wenigstens noch die Prüfung im März 1975 schaffen würde und damit ihre Ausbildung abgeschlossen hätte. Dann wollte man sich ganz dem Alkoholproblem widmen. Eine Arbeit würde sie mit ihrem Abschlussdokument später immer finden.

Indes wurden die Versuche Elisabeths nicht weniger, Ben am Telefon zu erreichen. Immer und immer wieder versuchte sie es, fest daran glaubend, dass die Zeit die Lösung bringen würde. Ab und zu ging Ben ans Telefon und sprach kurz mit ihr. Er wartete auf ein Signal und wiederholte auch immer wieder seine Forderung, sie möge endlich seine Unschuld zugeben.

 

 

Kapitel 7

 

Der zwölfte März des neuen Jahres 1975 kam und zum zweiten Mal stand Ben am Todestag von Eva an deren Grab. Wiederum war es früh am Morgen dieses Mittwochs und Ben war ganz allein auf dem Friedhof.

„Eva, meine Liebste, nun sind es schon zwei Jahre, die ich ohne dich verbringen musste. Zwei sinnlose Jahre. Jetzt aber komme ich zurück zu dir und dann wird uns nichts mehr trennen können. Eva, mein Engel, ich liebe dich so sehr…“ seine Stimme erstickte in Tränen. Eine ganze Zeit stand Ben so an Evas Grab, während ihm alles, was er geplant und vorhatte, noch einmal durch den Kopf ging. Und dann geschah etwas, was er nicht erwartet, aber vielleicht ganz tief im Innersten gewünscht hatte. Sein den Verstand knebelnder Hass ebbte plötzlich ab und er begann, sich über sich selbst zu wundern. Das alles war doch gar nicht mehr er selbst! In seinen Gedanken redete Ben und es war ihm auf einmal, als ob diese Worte von Eva kämen:

„Ben, was tust du denn da nur?! Du versuchst, Elisabeth in den Tod zu treiben und begibst dich dabei selbst auf ihr menschliches Niveau der grenzenlosen Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit herab. Du versuchst, ein Lügengebäude zu errichten und es ist dir egal, dass du deine eigenen Eltern ohne Grund in das Elend tiefster Trauer damit versetzt, wenn auch vermeintlich nur für ein paar Tage…“

Ben schien es wie Schuppen von den Augen zu fallen in diesem Moment, als er erkannte, in was er sich da zu verstricken im Begriff war.

Eine Weile stand er noch da und dann sagte er leise:

„Eva, ich liebe dich und ich danke dir!“ Dann ging Ben mit raschen Schritten vom Friedhof und zu Fuß in die Innenstadt. Anstatt nach Stuttgart, fuhr er von dort mit dem Bus nachhause.

Als Bens Eltern am späten Nachmittag beide von der Arbeit heimgekommen waren, bat Ben sie um eine Unterredung, da er ihnen etwas zu sagen hätte.

Schon beim Abendbrot begann Ben zu erzählen:

„Ich muss euch etwas gestehen. Ich war heute an Evas Grab. Heut ist ja ihr zweiter Todestag und da habe ich erkannt, dass ich beinahe einen großen Fehler gemacht hätte. Ich hatte nämlich vor, nach meinem Besuch am Friedhof ohne Ankündigung zu verschwinden. Dazu hatte ich mir ein Flugticket nach London gekauft und wollte eigentlich heute Nachmittag fliegen.“ Die Eltern hörten sprachlos auf zu essen und lauschten gebannt, als Ben weiterredete:

„Ich wollte mit der Bahn nach Edinburgh und mit dem Bus weiter nach North Berwick fahren.“

„Zu Johanna?“ fragte die Mutter verwundert.

„Nein, erst mal nicht. Vielmehr wollte ich im Golf Hotel ein Zimmer nehmen und mit Charly reden, einem Freund, von dem ich euch auch schon erzählt hatte. Charly ist Krabbenfischer in North Berwick und hat dort im Hafen seinen Kutter liegen.“

„Und Johanna?“ fragte die Mutter wieder.

„Die sollte nichts erfahren von meinem Plan.“

„Was für ein Plan denn?“

„ Nun, ich hatte vor, Charly Geld zu geben, damit er an einem zu vereinbarenden Tag mit beginnender Ebbe hinausfährt, wie immer, und ich wollte etwas später mit einem gemieteten Ruderboot ebenfalls aufs Meer hinausfahren und mich weit draußen mit Charly treffen. Keiner sollte es sehen, wenn ich dann in seinen Kutter wechselte und er mich nahe an den Strand brachte.“ Ben machte eine Pause.

„Und weiter?“ nun war auch der Vater ungeduldig geworden.

„Ich wäre dann an Land geschwommen, trockene Kleider wollte ich mir mitnehmen. Sonst wollte ich nur den Pass und mein Geld einpacken und Reisetasche und restliche Sachen im Hotel zurücklassen mit einer Notiz.“

„Notiz?“

„Ja, ein Abschiedsbrief“, Ben zögerte, „na, es sollte aussehen, als hätte ich mich umgebracht, hätte mich mit der Strömung aufs offene Meer hinaustreiben lassen. Charly sollte dann bei auflaufender Flut mit dem leeren Ruderboot im Schlepp in den Hafen zurückkehren…“ Eine Pause mit betretenem Schweigen entstand, bis Bens Mutter fragte:

„Aber Ben, wozu das alles?! Und wie sollte das denn weitergehen?“ Ben blickte verlegen auf den Tisch, als er weiterredete:

„Na ja, ich wollte dann hierher zurückfahren und in einem Nachbarort ein Zimmer nehmen und abwarten, bis die Nachricht von meinem Tod hier ankommt. Es sollte der Versuch einer Rache sein; ich wollte Elisabeth in ihrer Verzweiflung in den Selbstmord treiben, vielleicht noch nachhelfen und nachts als Geist an ihrem Fenster auftauchen – ein Wahnsinnsplan.“

„Und hast du dabei mal an uns gedacht? Auch wir hätten von deinem Tod erfahren…“ der Vater unterbrach die Frau:

„Das ist kein Wahnsinn, das ist Schwachsinn! Was, wenn sie sich tatsächlich  umgebracht hätte? Es wäre deine Schuld gewesen. Und was, wenn sie es nicht getan hätte…?“ Ben unterbrach ihn:

„Ja, ja, lass gut sein, ich habe es ja nicht getan.“ Die Mutter schüttelte betreten den Kopf und starrte auf das Essen auf ihrem Teller; der Appetit war ihr vergangen.

„Es tut mir leid, bitte seid mir nicht böse. Ich glaube auch nicht, dass ich es je fertig gebracht hätte, euch in dieser Ungewissheit und Trauer zurückzulassen. Vermutlich hätte ich euch angerufen…“ Ben stockte, um dann zu gestehen:

„Ich geb aber zu, ich hatte es anders geplant und das war ein übler Plan. Ich war einfach blind vor Hass und Rachsucht. Doch heut Morgen, an Evas Grab, da habe ich mit einem Mal erkannt, wie falsch das alles wäre. Es war, als ob Eva mich wachgerüttelt hätte. Sie hätte diesen Plan niemals gut gefunden.“

Die Mutter dachte eine Weile nach, der Vater schwieg. Dann nahm er seine Hand und legte sie auf Bens Hand. Das war sehr ungewöhnlich und Ben hätte ihn seiner Worte wegen um den Hals fallen können:

„Du hast nichts falsch gemacht und ich bin stolz auf dich, weil du selbst im Zorn den richtigen Weg gegangen bist. Ich weiß nicht, was ich getan hätte angesichts dessen, was geschehen war und der Tatsache, dass nun alle dich für einen Lügner und verantwortlich für Evas Tod halten. Das ist schlicht unerträglich!“

Ben war sehr erleichtert, als nun auch die Mutter lächelte. Nach einer Weile und ein paar Bissen in Nachdenklichkeit begann Ben wieder zu reden:

„Da ist noch etwas, das ich euch sagen muss.“ Es fiel ihm sichtlich schwer, fortzufahren:

„Ich hatte auch nie vor, mir hier einen neuen Job zu suchen. Ich werde nicht hier bleiben. Außer euch und dem Haus ist mir hier alles fremd und irgendwie feindlich geworden. Alles erinnert mich ständig an das Geschehene und ein Neuanfang ist mir hier nicht möglich, das spüre ich nur zu deutlich.“ Bens Mutter fragte besorgt:

„Aber wo willst du denn hin, Junge?“

„Natürlich ist dies hier meine Heimat, aber es gibt einen Ort, der mir zur zweiten Heimat geworden ist…“

„Du willst nach Schottland“, unterbrach ihn die Frau.

„Ja, Mama. Wann immer ich dort bin und aufs Meer hinausschaue, dann habe ich das Gefühl, zuhause zu sein, auf wundersame Weise. Es fühlt sich an, als ob ich dort hin gehörte.“ Die Eltern schwiegen und Ben fuhr fort:

„Hätte es das Leben gut mit mir gemeint, dann wäre ich ohnehin irgendwann mit Eve fortgegangen und Schottland ist nicht am anderen Ende der Welt. Ich werde euch regelmäßig besuchen, zusammen mit Johanna und eines verspreche ich euch ganz fest: Wann immer der Zeitpunkt kommt und ihr Hilfe braucht, dann wird einer von uns, Johanna oder ich, für euch da sein. Das ist sicher. Also macht euch bitte keine Gedanken.“

Die beiden Alten wussten um die Zuverlässigkeit ihres Sohnes und es tat ihnen gut, was er da sagte. Sie wussten, er würde sein Wort halten und schließlich musste jeder seine eigenen Träume leben. Nach ein paar Minuten des Nachdenkens meinte der Vater:

„Glaubst du denn, dass du dort eine gescheite Arbeit finden wirst?“…

Eine ganze Weile saßen die Drei noch beisammen und sprachen über Bens Zukunft, bis sie sich schließlich auf den Weg zur Nachtruhe machten.

Ben war noch zu aufgewühlt, wenn auch erleichtert, dass nun alles auf dem Tisch und beredet war. Alles fühlte sich wieder angenehm normal an und er konnte befreit in die Zukunft denken. Er nahm sich fest vor, nun künftig nicht mehr mit Eli zu telefonieren und sie endgültig aus seinem Leben zu streichen.

Am folgenden Donnerstag machte sich Ben zunächst auf den Weg ins Reisebüro und konnte dort erreichen, dass ein Teil des Geldes, das er für den nicht angetretenen Flug bezahlt hatte, zurück erstattet wurde. Das viele Geld, das er von der Bank geholt hatte, brachte er wieder zurück.

Im Lauf des Tages hatte Elisabeth erneut versucht, mit ihm am Telefon zu sprechen, doch er ahnte, wer anklingelte und ging nicht dran. Entspannt lag er am Nachmittag auf seinem Bett, um nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Er verspürte Lust endlich einmal wieder gute Musik zu hören, stand auf und ging zum Regal, auf dem das Tonbandgerät stand. Er nahm den Deckel ab; ein Band war noch eingelegt und während er auf den Wiedergabeknopf drückte, fiel sein Blick ohne besonderen Grund auf das daneben liegende Mikrofon. In dem Moment, als „I’m a believer“ von den Monkees mitten im Song anlief, zündete ein entscheidender Funke in seinem Gehirn und er hatte eine Idee, die ihm eine große Entlastung bringen sollte.

Er legte sich wieder aufs Bett und begann fasziniert, diese Idee zu durchdenken. Wenn es ihm gelingen würde, Elisabeth wenigstens ihm gegenüber die Wahrheit zuzugeben, dann sollte es doch möglich sein, ein solches Geständnis heimlich auf Band aufzunehmen. Gewiss, es wäre heimtückisch, aber verglichen mit dem, was Eli getan hatte, geradezu lächerlich harmlos und es würde ihm das erbringen, was er nicht mehr zu erreichen geglaubt hatte: Den schlüssigen Beweis für seine Unschuld.

Ben nahm die Musik vom Band nicht mehr war. Fieberhaft überlegte er, wie er es anstellen könne, Eli zu einem solchen Geständnis zu bewegen. Wenn sie ihre Lügen nur ihm gegenüber zuzugeben hatte, müsste es doch möglich sein, sie so weit zu bringen.

Sie war verzweifelt und noch lange nicht bereit, aufzugeben, also würde sie auch wieder versuchen, anzurufen und dann konnte er seine Forderung wiederholen…

Zwei lange Wochen vergingen, doch dann kam tatsächlich der erhoffte Anruf eines Abends. Ben nahm den Hörer aus der Hand seiner Mutter und meldete sich:

„Ja bitte“.

„Oh, Ben, endlich erreiche ich dich. Können wir nochmal reden? Bitte!“

„Was gibt es noch zu bereden? Ich habe dir doch gesagt, dass ich für nichts mehr zu haben bin, solange du nicht endlich die Wahrheit sagst.“

„Ben, ich bin verzweifelt und ich habe in zwei Wochen Abschlussprüfung. Ich schaff das nicht, nicht in meiner Verfassung…“ Sie begann zu weinen. Ben witterte seine Chance und antwortete kühl:

„Dann komm endlich ins Reine mit deinem Gewissen. Nur das kann dir helfen. Ich bestimmt nicht.“

„Ben, du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen!“

„Im Stich lassen? Denk mal darüber nach, was du mit mir gemacht hast! – Solange du auf deinem Standpunkt beharrst und nicht einmal mir gegenüber die Wahrheit sagst, solange kann ich dir auch nicht mehr vertrauen – wie sollte ich auch?!“

„Ja, Ben, ich möchte ja mit dir reden. Könntest du mich nächste Woche besuchen? Bitte!“

„Zu dir hin komme ich bestimmt nicht. Wenn du mir etwas sagen möchtest, dann komm du her zu mir.“ Eine Pause entstand, dann befürchtete Elisabeth, er könne auf legen, wie schon mehrmals, und beeilte sich zu sagen:

„Warte Ben! Okay, ich könnte ja mit dem Bus rausfahren zu dir. Samstag und Sonntag habe ich Dienst, aber am Montag frei. Ginge das am Montag?“

„Na gut, aber bitte enttäusch mich nicht! Sonst brauchst du gar nicht erst hier zu erscheinen.“

„Ja Ben, ich komme und ich enttäusch dich auch nicht. – Wenn ich so gegen Mittag komme, ist das okay?“

„Ja, das ist in Ordnung. Ich werde da sein.“

Ben hatte sehr wohl registriert, dass sie nicht ohne Alkoholeinfluss war und hoffte, dass sie ihr Wort halten würde. Es hatte so geklungen, als sei sie ihm gegenüber nun vielleicht doch bereit, ihre Lügen zu gestehen. Vielleicht würde es ihm ja gelingen, ihr den Eindruck zu vermitteln, dass alles zwischen den Beiden bliebe. Das würde ihr sicher Mut machen.

Ganz wohl fühlte sich Ben dabei nicht, aber es war seine einzige Chance, sich doch noch rehabilitieren zu können.

Am nächsten Tag besprach Ben sein Vorhaben mit den Eltern und war froh, dass sie ihn dabei unterstützen wollten.

Er begann zu überlegen, wie das Ganze vor sich gehen konnte. Eigentlich sollte es sehr einfach sein. Das Tonbandgerät musste versteckt werden. Das wiederum war ein echtes Problem, zumal der Kasten recht groß war und auch Geräusche von sich gab, die alles verraten konnten. Bei Elisabeth musste er da sehr, sehr vorsichtig sein und er hatte nur einen einzigen Versuch, das war klar.

„Wo kann man den Kasten nicht sehen und hören“? überlegte er, „am sichersten eigentlich, wenn er im Nebenraum stünde.“

Natürlich, das war die Lösung. Ein Loch in der Wand würde von Nöten sein, um das Mikrofonkabel durchstecken zu können.

Bens Vater war nicht nur einverstanden, sondern hatte auch die nötigen Werkzeuge, um ein solches Loch zu bohren. Schließlich ging es hier ja um eine Menge für seinen Sohn und so ein Loch in der Wand war ja auch schnell wieder verschlossen.

Da der größte Bohrer, der verfügbar war, nur ein zehn Millimeter-Loch durchbrechen konnte, stellten die Beiden schließlich fest, dass der Stecker des Mikrofonkabels nicht hindurch passte. Also öffnete Ben den Stecker, lötete die Drähtchen ab und baute alles wieder zusammen, nachdem das Kabel durch die Bohrung geschoben worden war.

Das Mikrofon konnte problemlos so versteckt werden, dass es aus allen erdenklichen Positionen nicht zu sehen war und ein Probelauf war erfolgreich.

Drei lange Tage musste Ben nun warten, bis endlich der Montag anbrach und Ben aufgeregt in seinem Zimmer auf und ab ging.

Wie sollte er sich verhalten, um Elisabeth nicht in ihrem Vorhaben zu entmutigen, was sollte er sagen? Ben merkte bald, dass alles hin und her überlegen zu nichts führen würde und beschloss, das alles einfach auf sich zukommen zu lassen.

Am Montag dann klingelte es schon gegen elf Uhr an der Haustür. Eilig rannte Ben ins Nebenzimmer und schaltete das Tonbandgerät auf Aufnahme. Er hatte schon in seinem Zimmer oben gewartet. Dann ging er hinunter, um die Haustür zu öffnen.

Elisabeth stand davor, mindestens genauso aufgeregt wie Ben. Sie hatte alles ihr Mögliche aufgeboten, um sich schick zu machen, Lippen und Augen geschminkt, erstrahlte geradezu und wie einst, in besseren Tagen. Ben sah, welche Mühe sie sich gegeben hatte, so hübsch wie nur möglich zu sein und schon wieder hätte er beinahe angefangen, Mitleid zu empfinden. Doch er nahm sich zusammen:

„Bitte, komm rein“, sagte er kühl und seine Züge beantworteten Elis Lächeln nicht.

„Hallo Ben, guten Morgen. Danke, dass du Zeit hast für mich“, sagte sie etwas beschämt und kleinlaut, als sie eintrat.

„Gehen wir in mein Zimmer. – Kann ich dir etwas anbieten?“

„Danke, später vielleicht. – Ja, in deinem Zimmer bin ich lang nicht gewesen.“

Beide stiegen die Treppe hinauf und betraten den Raum. Ben bot Eli den großen, alten Polsterstuhl vor seinem Schreibtisch an und nahm dann selber Platz auf dem Bett. Da er schwieg, entstand zunächst eine peinliche Pause.

„Ben“, begann Elisabeth schließlich schüchtern, “hast du noch einmal über uns nachgedacht, ich meine, dass wir einfach noch einmal neu beginnen?“

„Nein“, sagte Ben, „du weißt, dass ich mir das nicht mehr vorstellen kann, nach allem, was du mir angetan hast. Du weißt auch so gut wie ich, was die Wahrheit ist und du nimmst es einfach in Kauf, dass ich mein Gesicht verliere, verachtet werde und das alles nur, damit du dein Gesicht wahren kannst, verbergen kannst, was du angerichtet hast.“

„Aber Ben, ich konnte doch nicht wissen, dass sie sich gleich umbringen würde.“

„Und warum hast du ihr diese Lügen über uns überhaupt erzählt? Sag mir das doch bitte einmal, indem du mir in die Augen schaust und gib endlich zu, dass es nichts als Lügen waren!“

„Ach Ben, das wissen wir doch beide. Ich habe Eva das doch nur erzählt, damit sie dich freigibt. Das wäre doch eh nicht gut gegangen. Wir beide, Ben, wir gehören doch zusammen, das war doch immer so.“

„Du gibst also zu, dass alles gelogen war, was du Eva erzählt hast“?

„Ja doch, Ben, nun Quäl mich doch nicht länger damit. Wir beide wussten es doch ohnehin.“ Bens Gesichtszüge wurden sichtbar entspannt. Innerlich jubelte er, denn er hatte gewonnen. Und alles war einfacher und schneller gegangen, als es sich hätte erträumen können. Nach ein paar Sekunden schaute Eli ihm in die Augen und sagte fast fordernd:

„Ich habe gemacht, was du von mir verlangt hast. Jetzt steh zu deinem Wort und lass uns neu anfangen.“ Sie breitete ihre Arme aus, als wollte sie ihn auffordern, sie in den Arm zu nehmen.

„Würdest du das auch vor Evas Eltern wiederholen, was du eben gesagt hast?“

„Ach Ben, vergiss doch endlich diese Leute! Warum bedeuten sie dir denn so viel? Wir brauchen sie doch gar nicht, wenn wir neu anfangen; wir werden doch nie mehr etwas mit ihnen zu tun haben. Du musst diese Leute vergessen!“

„Genau wie Eva?“

„Sie ist tot und das Leben geht weiter für uns. Begreif das doch endlich! Wie kannst du je wieder glücklich sein, wenn du ihr ewig nachtrauerst. Was geschehen ist, war schlimm, aber wir haben eine Zukunft vor uns und die ist schön. Aber du musst endlich loslassen und neu beginnen! – Wir können ja auch von hier weggehen und irgendwo anders neu anfangen…“

„Ich soll einfach vergessen und neu anfangen?! Willst du nicht erst mal dein Leben

in Ordnung bringen?!“ Ben schwieg einen Moment und fügte dann gnadenlos hinzu:

„Du hast mir noch keine Antwort gegeben. Würdest du es vor Evas Eltern wiederholen?“ Ben spürte, dass Elisabeth kurz davor war, in Tränen auszubrechen und ihre Stimme zitterte als sie sagte:

„Das kannst du mir doch nicht antun!“

„Aha, ich musste er ertragen, dass diese Menschen, die geliebt habe, mich nun verachteten und dir soll ich nun diese bloße Peinlichkeit ersparen?!“

„Aber Ben, wenn sie mich anzeigen!“ Nun begann sie zu weinen und schluchzte in ihr Taschentuch. Ihre Tränen zogen eine schwarze Spur über die Wangen.

„Ach Gott, davor hast du also Angst. Was sollte dir da schon passieren? Eine Tötungsabsicht kann dir keiner nachweisen und genauso schwierig wird es sein, dir eine fahrlässige Tötung anzuhängen. Und selbst wenn, dann kämen höchstens ein paar Sozialstunden dabei heraus, noch nicht einmal eine Haftstrafe auf Bewährung.“ Eli stand auf und ging auf Ben zu. Er wich zurück, als sie laut wurde:

„Hör doch endlich auf Ben! Ich will es nicht hören!“ Sie ließ sich zurück in den Polsterstuhl fallen und starrte auf den Boden, als sie erschöpft und kleinlaut sagte:

„Ben, wenn du mich jetzt im Stich lässt, nachdem ich getan habe was du wolltest, dann – tu ich mir etwas an. Willst du denn für den Rest deines Lebens einer Toten nachtrauern, anstatt mit mir neu anzufangen? Die Zeit heilt die Wunden, sagt man doch. Nach einiger Zeit sind wir wieder glücklich, glaub mir!“

„Begreifst du denn nicht, dass es mir nicht nur um mich geht, sondern auch darum, Evas Eltern und ihrem Bruder diesen schrecklichen Glauben zu nehmen, so unmenschlich von mir enttäuscht worden zu sein?“ Elisabeth begann wütend zu werden:

„Jetzt hör doch endlich mit diesen verdammten Mertens auf“! schrie sie geradezu heraus. Sie hatte aufgehört zu weinen und Ben spürte, dass es nun genug war. Er selbst konnte auch kaum mehr vertragen. Er schaute Elisabeth an und meinte ruhig:

„Ich glaube, es ist genug geredet. Lass uns das beenden. Es ist besser du gehst nun und denkst über alles noch einmal nach. Dann können wir nochmal reden.“

„Anstatt mir dankbar zu sein, kommst du mir mit neuen Forderungen. Ich reiche dir die Hand zu einer Chance und du willst mich vor aller Welt bloßstellen. Nein, das kannst du mir nicht antun“, murmelte sie wütend, als sie aufstand und zur Tür ging. Im Hinausgehen drehte sie sich noch einmal um und sagte aufgebracht:

„Nein, mein Lieber, das tue ich mir nicht an! Denk du drüber nach und dann reden wir. Aber ich gehe da nicht hin und sage gar nichts. Lieber bleibe ich für immer bei meiner Wahrheit.“

„Oh doch, du wirst ihnen die Wahrheit sagen“, antwortete Ben hinterher.

Ihre Schuhe knallten auf der Holztreppe und erst als sie die Haustür zornig zugeschlagen hatte, erhob sich Ben vom Bett, um ins Nebenzimmer zu eilen.

Er drückte aufgeregt die Stopp-Taste, schaltete auf schnellen Rücklauf, wartete aber nicht bis der Bandanfang erreicht war, sondern startete die Wiedergabe einfach mitten in der Aufnahme.

…„Ich habe gemacht, was du von mir verlangt hast. Jetzt steh zu deinem Wort und lass uns neu anfangen.“ – „Würdest du das auch vor Evas Eltern wiederholen, was du eben gesagt hast?“ – „Ach Ben, vergiss doch endlich diese Leute! Warum bedeuten sie dir denn…“

Er hatte genug gehört und ließ das Band vollends zurückspulen. Innerlich triumphierte er. Alles war klar und deutlich zu hören. Er hatte ihn endlich, seinen Beweis.

Ben wartete noch bis seine Eltern zurück waren und die Aufnahme mit einer Mischung aus Erleichterung und Entsetzen gehört hatten. Dann aber konnte er es nicht mehr hinausschieben, bei Evas Eltern anzurufen. Er hatte es dabei so eilig, dass er bei jeder Ziffer den Finger im Loch der Wählscheibe beließ, um deren Rücklauf zu beschleunigen.

Evas Vater ging ans Telefon und ihn hatte sich Ben auch insgeheim gewünscht.

„Mertens“.

„Hier ist Ben. Bitte leg nicht auf und hör mich kurz an!“ es kam keine Antwort und Ben fuhr fort:

„Ich möchte euch etwas zeigen, etwas, das beweisen kann, dass ich immer die Wahrheit gesagt habe. Kann ich bitte vorbeikommen?“ Nach einer Pause:

„Was sollte das denn sein? Noch mehr Lügen?“

„Nein, ich sage dir, was es ist: Elisabeth hat mir gegenüber gestanden, dass alles, was sie Eva erzählt hatte, nichts als Lügen waren und ich habe es heimlich auf Tonband aufgenommen. Das möchte ich euch vorspielen.“ Der Mann schwieg und schien nachzudenken. Ben fügte hinzu:

„Wenn du es hörst, wirst du wissen, was wirklich geschehen ist. Was auf dem Band ist hätte man niemals so fälschen können, bitte glaub mir und hör es dir an!“

Der Mann überlegte immer noch, dann aber doch neugierig meinte er schließlich:

„Gut. Und wie soll das gehen?“

„Sag mir wann, und ich komm mit dem Gerät und dem Band vorbei.“

„Na gut, du kannst jetzt kommen, wenn du Zeit hast.“

„In einer halben Stunde bin ich da.“

Ben drückte die Gabel des Telefons kurz nach unten und wählte dann die Nummer eines Taxiunternehmens, das er zuletzt schon mehrmals in Anspruch genommen hatte. Der Wagen war zehn Minuten später vor dem Haus und Ben schnappte sich den schwarzen Holzkasten und die Kassette mit der Tonbandspule und eilte hinaus.

Kurz darauf stand das Gerät auf der Kommode im Wohnzimmer der Familie Mertens. Neben dem Möbel gab es über der Fußbodenleiste eine Steckdose.

Evas Eltern saßen beide auf Stühlen am großen Esstisch aus Eiche in der Essecke des Zimmers, während Ben neben dem Tonbandgerät stehen blieb, das er nun startete. Er beobachtete das Ehepaar und bemerkte, dass die Beiden sichtlich beeindruckt waren, als sie klar und deutlich Elis und seine Stimme vernahmen. Vor allem Elis Stimme war angenehm zu hören und in ihrem Klang unverkennbar. Kein Zweifel also, das war sie und allmächtiger Himmel, was gab sie da von sich!

Die Drei hörten sich die Aufnahme von Anfang bis zum Schluss an. Dann drückte Ben die Stopp-Taste und schaute erwartungsvoll auf die beiden Eltern. Diese saßen zunächst wie versteinert und konnten noch nicht fassen, was sie da gerade gehört hatten. Fieberhaft arbeitete es in den Köpfen der Beiden, um das schier Unglaubliche einordnen und dessen Tragweite erfassen zu können.

Dann aber stand Evas Vater auf, ging langsam auf Ben zu, reichte ihm seine Hand und sagte leise:

„Es tut mir leid, Ben –  es tut mir unendlich leid. Wie konnte ich nur glauben…!“ er konnte nicht weiterreden, seine Stimme versagte.

Beide umarmten sich lange und dann stand auch weinend Evas Mutter neben den Beiden. Auch sie umarmte Ben und meinte schließlich traurig:

„Das werden wir nie wieder gut machen können, Ben.“

„Da gibt es nichts gut zu machen. Glaubt mir, an eurer Stelle hätte ich exakt dasselbe geglaubt. Macht euch bitte keine Vorwürfe, es ist nicht eure Schuld. Freuen wir uns lieber, dass wir uns wieder gefunden haben!“ Nun liefen auch Ben die Tränen der Freude und Erleichterung über das Gesicht.

Eine ganze Weile saßen sie noch bei einem Tee beisammen und redeten über die Vorkommnisse. Es war schon Abend, als Ben aufbrechen wollte und Evas Vater noch meinte:

„Irgendwann sollten wir Ludwig das auch hören lassen.“

„Unbedingt“, antwortete Ben, „ich lasse das Gerät bei euch.“

„Nein, das sollst du nicht!“

„Doch, doch, ich möchte auch, dass ihr alles noch einmal hören könnt, wann immer ihr wollt. Es ist ganz einfach, ich zeig es euch.“

Evas Vater war jedoch mit Tonbandgeräten vertraut, so dass Ben nicht viel erklären musste.

Ein Taxi wurde gerufen und Ben mache sich auf den Heimweg. Ihm war, als hätte gerade sein Leben neu begonnen.

Am Tage darauf meldete sich Elisabeth wieder und Ben nahm das Telefonat an.

„Hast du nachgedacht, Ben? Bist du zur Besinnung gekommen?“ Ben schwieg und überlegte. Sollte er es jetzt sagen? Ja, warum nicht? Ein weiteres Zusammenkommen erübrigte sich und am Telefon würde sie ihm keine große Szene machen können.

„Hör zu, ich habe dir etwas zu gestehen“.

„Oh Ben, bist du endlich vernünftig geworden?“

„ Das bin ich eigentlich immer gewesen, besonders aber bei unserem letzten Treffen. Das Gespräch und dein Geständnis, das alles habe ich damals aufgezeichnet auf Tonband, ohne dass du es gemerkt hast. Und ich habe es Evas Eltern vorgespielt.“

„Was hast du?! – Ach komm, auf diesen Trick falle ich nicht herein.“ Sie schwieg und schien nachzudenken und irgendwie musste sie dann doch gespürt haben, dass dies kein Trick von Ben war, sondern dass er es wirklich getan hatte.

„Ben, hör auf! Ist das wirklich wahr?“

„Worauf du dich verlassen kannst. Du wirst es schon noch merken“.

„Nein, Ben, nein, nein!“

„Oh doch und an dieser Stelle endet der Kontakt zwischen uns für immer. Ich gebe zu, es war nicht ganz fair, was ich gemacht habe, aber geradezu lächerlich gemessen an dem, was du getan hast. Betrachte es als Evas Rache.“ Nach einer kurzen, wortlosen Pause fuhr Ben fort:

„Bring dein Leben in Ordnung und hör auf mit dem Trinken. Und dann fang du neu an, allein oder mit wem auch immer und ich wünsche dir sogar viel Glück dafür. Lebe wohl.“

Ben legte auf. Eine Weile stand er noch vor dem Telefon. Er war nicht stolz auf seine Tat aber er war sich sicher, das Richtige getan zu haben. Nun konnte er Frieden machen und alles hinter sich lassen, versuchen zu vergessen.

Ben war sich sicher, dass Elisabeth nicht in Gefahr war, nun ein Leben lang mit ihrer Schuld leben zu müssen. Nein, sie war nicht der Typ Mensch, sie hatte ihr Gewissen im Griff und Ben wusste, sie würde sich unschuldig und ungerecht behandelt fühlen.

Was sie nun allerdings tun würde, bleib eine spannende Frage, denn Aufgeben passte so gar nicht zu Eli. Doch da gab es nichts mehr, was sie hätte ändern können.

 

Und wieder ging ein Frühling ins Land und diesmal hatte Ben das Gefühl, seiner Eva viel näher zu sein, als im Jahr zuvor.

Die Zeit verging, in Deutschland war man nun schon mit achtzehn Jahren volljährig und der Vietnam-Krieg endete mit einer peinlichen Niederlage der USA.

Ben lebte immer noch von seinem Ersparten und hätte das noch viel länger gekonnt, doch er wollte weg und war dabei, seine Ausreise vorzubereiten.

Und Elisabeth? Sie schien gewusst zu haben, dass sie die Prüfung nicht würde schaffen können. Man fand sie eines Morgens in ihrem Bett. Mit Alkohol und Diazepam, dem Präparat Valium, das sie in der Station entwendet hatte, beging sie einen Suizidversuch, der allerdings relativ harmlos dosiert war, so dass sie keinen Schaden nahm. Allerdings war es dann vorbei mit dem Abschluss als Krankenschwester und Elisabeth verschwand für ein dreiviertel Jahr im psychiatrischen Landeskrankenhaus, um vom Alkohol entwöhnt zu werden.

Hatte sie nur versucht, um die Prüfung herum zu kommen, oder war es ein letzter, verzweifelter Versuch, Ben umzustimmen? Ben würde es nie erfahren, auch nicht wie es mit ihr weiter ging und was aus ihr wurde. Ben hatte dieses Kapitel ein für alle Male abgeschlossen.

Am Montag, den 30. Juni war es soweit. Zuvor hatte Ben am siebzehnten, Evas Geburtstag, wieder einen Strauß mit roten Rosen aufs Grab gestellt.

Nun war der Tag des Abschieds gekommen, mit großen Erwartungen für Ben auf sein neues Leben und traurig für seine Eltern. Doch sie hatten sein Versprechen.

Für Ben begann ein ganz neuer Abschnitt seines Lebens an einem Ort, an dem er sich schon von Anfang an wie zuhause gefühlt hatte.

 

Einige Monate lebte Ben bei seiner Schwester in North Berwick, fand dann einen Job als Barmann in einem Hotel des Nachbarortes. Eben dort gelang es ihm auch, bei einer gutsituierten, alten Dame in deren Haus nahe am Meer eine kleine Einzimmerwohnung zu finden. Es war mehr oder weniger eine Untermiete-Situation, doch es entwickelte sich daraus eine gut funktionierende Symbiose. Die Beiden verstanden sich gut und Ben half in Haus und Garen, wo er konnte. Das machte ihm Spaß und hielt auch seine Miete in absolut erschwinglichen Grenzen. Gewiss, viel verdiente er nicht in der Bar, aber er wollte ja auch gar nicht mehr. Es war nicht mehr das große Leben, das er suchte, nein, es war die Nähe zum Ozean, an dessen Strand er seiner Eva in den schönen Erinnerungen nahe sein konnte. Es war ihm oft dabei, als spürte er ganz deutlich die zauberhafte Energie seiner Geliebten um sich, wie eine zärtliche Umarmung und empfand dies jedes Mal als äußerst wohltuende Nähe zu ihr.

Noch lange Zeit redete er auch mit ihr, wenn er ganz allein auf einer Düne am Strand saß und der frische und salzige Seewind mit seinen Haaren spielte, und oft bereicherte er dabei die schier endlosen Wassermassen des Meeres mit der einen oder anderen salzigen Träne.

Ben hatte seine Ebbepfütze gefunden und sein Schneckenhaus. Gewiss, es war nicht der große Ozean, aber doch genug, um das zu haben, was Ben immer mehr als stilles Glück empfand: Zufrieden sein zu können und einfach zu warten, was die neue Flutwelle des Schicksals mit ihm machen würde, ihn hinaus spülen ins offene Meer oder mit seinem Schneckenhäuschen in der Pfütze belassen.

Dieses Befreitsein von Zielen, nicht ständig etwas vor sich zu haben, das erreicht werden musste, fühlte sich an wie eine große und entspannende Freiheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  4 comments for “Der Einsiedlerkrebs

  1. Walter Kober
    4. Dezember 2017 at 23:42

    Spannend von Anfang bis Ende. Konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Schade das Happy End fehlt.

    • Galapapa
      6. Dezember 2017 at 15:41

      Hallo Walter,
      danke für Deinen lobenden Kommentar!
      In gewisser Weise kann das Happy-end darin gesehen werden, dass Ben einen Neuanfang gefunden hat an einem Ort, von dem er immer geträumt hatte. Er ist noch sehr jung und hat sein Leben noch vor sich; da kann also noch viel passieren, das ein Happy-end komplett machen würde.
      Herzlichen Gruß!
      Karl-Heinz

  2. 27. November 2018 at 6:31

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