Die Geschichte der kleinen Gala

Es war kurz vor halb elf in der Nacht von Samstag auf Sonntag, den 8. Februar im Jahr 2008. Meine Tochter Angela neben mir auf dem Beifahrersitz des Firmenwagens, bewegten wir uns in Frankreich auf den Grenzübergang Müllheim-Neuenburg nach Deutschland zu.

Mehr als elf Stunden Fahrt mit nur kurzen Pausen lagen hinter uns Dreien. Ja, da war noch jemand im Auto, lang ausgestreckt in der Lücke zwischen Angelas Nacken und der Rückenlehne des Beifahrersitzes, zwanzig Zentimeter spanisches Feuer in Form einer gescheckten, dreifarbigen Mini-Katze namens Gala.

Das kleine Heißblut mit dem Gesicht eines Äffchens war uns in den vergangenen elf Stunden noch mehr ans Herz gewachsen, allein dadurch, dass Gala die ganze Zeit, die wir uns als Horrorszenario vorgestellt hatten, nur noch schlief, nachdem sie das Auto durchsucht hatte. Mal am Genick meiner Tochter,

mal an meinem.

Die einzige Aufregung gab es an einer Raststätte irgendwo in Frankreich. Nach einer kurzen Kaffeepause stand, als wir zurückkamen, eine ganze Gruppe Menschen vor unserem Wagen und starrte, halb gebückt, auf die Fensterscheibe der linken, hinteren Fahrzeugtür.

Der Grund war ein kleines, scheinbar grinsendes Gesicht mit zwei großen, dunklen Augen: Gala.

Sie schien es zu genießen, so begafft zu werden, und, mein Gott, wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass sie eine kleine Katze ist, ich hätte geschworen, ein Äffchen schaut da durch die Scheibe.

Und weiter ging der Marathon auf den französischen Autobahnen, die mich bis dahin schon ein kleines Vermögen gekostet hatten .

Ein Blick nach rechts zeigte mir, dass meine Tochter, wie ich, müde aber wach war.

„Wir sind gleich an der Grenze. Ich nehme den nächsten Parkplatz.“ unterbrach ich die schläfrige Eintönigkeit des Motorengeräusches.

Wir hatten uns die beiden Tage mit je zwölf Stunden Fahrt am Steuer abgewechselt. Nun stand also die letzte, ich nenn es mal „Hürde“, unmittelbar vor uns. Die letzte Hürde zwischen einer Wahnsinnsaktion und der neuen Heimat von Gala.

Am nächsten Parkplatz hielt ich an und Angela schlüpfte in ihren langen, schwarzen Wintermantel. Wieder im Wagen, ließ sie Gala irgendwo in der Bauchgegend im Mantel verschwinden.

Nun, ich kann es nicht länger verbergen: Geplant war die illegale Einreise von Gala nach Deutschland. Spannend war also, was würden die Grenzbeamten von einer jungen Frau im Auto mit dickem Wintermantel denken, und noch viel mehr, welche verdächtigen Geräusche würde sich Gala beim Grenzübertritt einfallen lassen…

In der Dunkelheit schauten wir uns in die Augen und dachten beide das Gleiche:

Augen zu und durch!

Die Spannung legte sich schlagartig, als wir schließlich mutterseelenallein über eine völlig unbewachte Grenze fuhren.

Wieder trafen sich unsere Blicke, und dann begannen wir befreit zu lachen, während die kleine Mieze aus dem Mantel kroch.

Eine weitere Befreiung für mich war die Tatsache, dass ich ab sofort kostenfrei und ohne Dauergeschwindigkeitsbegrenzung diese Wahnsinnsfahrt auf dem schnellst möglichen Weg beenden konnte.

Bis nach Karlsruhe und dann weiter nach Süden ging mir Galas Geschichte durch den Kopf. Insbesondere der Teil, der völlig im Dunkeln lag.

Während das Fahrzeug durch die Nacht rauschte, zwei schlafende Mädchen auf dem Beifahrersitz, versuchte ich mir vorzustellen, was wohl geschehen war mit diesem flaumigen Winzling, in dessen Gesicht ein einziger Blick reichte, um hilflos dahinzuschmelzen…

 

 

 

 

In dem kleinen, verträumten Städtchen Púbol, nördlich von Barcelona, begann Galas Geschichte. Dort lebte eine junge Familie, Frau und Herr Alvarez           mit der sechsjährigen Tochter Maria. Und dann gehörte noch die Katze Lola           dazu, Marias liebste Spielkameradin.

Als   Katze Lola einen zunehmenden Bauch bekam und man schließlich feststellen musste, dass da wohl Nachwuchs im Anmarsch war, begann eine Tragödie.

Die Eltern versuchten der Tochter zu erklären, dass mehrere Katzen in der Familie nicht möglich waren, und mit ein paar verständlichen Gründen war Maria denn auch einsichtig.

Die Freude auf die Katzenkinder war danach allerdings empfindlich gedämpft.

Und so kam schließlich im Januar 2008, kurz nach Neujahr, was kommen musste: Vier winzige Katzenbabys, eines niedlicher als das andere, hingen mit geschlossenen Augen an Lolas Zitzen.

Es war ein großartiges Erlebnis für Maria. Sie konnte sich nicht satt sehen an diesen Winzlingen, und sie umsorgte die Welpen ganz rührend, als ob es ihre liebsten Püppchen wären.

Auch die Eltern waren überwältigt und so geschah etwas Verhängnisvolles: Der Schicksalstag der Kätzchen verzögerte sich so lange, dass Maria sehr bald ein Tierchen ganz besonders in ihr Herz geschlossen hatte, ein dreifarbig, bunt geschecktes Pelzbündelchen mit einem schwarzen und einem rot weiß geringelten Vorderbeinchen. Maria nannte es Inés und ließ keine Gelegenheit aus, die kleine Inés ganz vorsichtig mit einem Finger zu streicheln.

 

Das Drama war also vorprogrammiert.

Frau und Herr Alvarez machten es sich nicht einfach. Sie beschlossen, ehrlich zu ihrer Tochter zu sein: „Sieh mal, mein Schatz,“ begann die Mutter an einem Samstag, drei Wochen nach der Geburt der Welpen, zu erklären, „wir haben alles versucht und doch niemanden gefunden, der ein Kätzchen haben wollte. Nicht einmal auf die Anzeige in der Zeitung hat sich jemand gemeldet. Es gibt einfach zu viele Katzen in der Stadt und rings umher.“

Sie machte eine Pause und fuhr dann fort: „Wenn wir die Kleinen einfach aussetzen, was übrigens verboten ist, dann müssen sie vielleicht furchtbar leiden, bis sie schließlich doch umkommen. Deshalb ist es besser, man gibt ihnen eine Spritze. Das tut nicht weh und sie schlafen ganz ruhig ein und wachen einfach nicht mehr auf.“

Maria schaute auf den Boden des Wohnzimmers. Zwei dicke Tränen liefen über ihre Wangen.

„Aber…“ Ihre Mutter unterbrach sie: „Stell dir doch bloß vor, diese armen kleinen Tierchen würden verhungern, erfrieren oder von Hunden gejagt, von Tierfängern gefangen und dann grausam ermordet! Glaubst du denn, das wäre besser?!“

„Nein…“ schluchzte Maria. Sie war in einer verzweifelten Situation. Einerseits wollte sie ihren Eltern keine Probleme machen, andererseits aber konnte sie doch nicht zulassen, dass diese hilflosen, kleinen Kätzchen umgebracht werden.

„Nein… aber…“ sie begann laut und erbarmungswürdig zu weinen, „aber nicht meine kleine Inés!“

Auch Frau Alvarez konnte die Tränen nicht länger unterdrücken.

„Mein Gott,“ dachte sie, als sie in die Hocke ging und Maria in den Arm nahm, „mein Gott, was tun wir diesem armen kleinen Mädchen an?!“

In ihrer Verzweiflung hatte sie dann eine rettende Idee. Sie schob Maria etwas von sich, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht: „Weißt du, was wir machen?

Wir geben der kleinen Inés eine Chance. Wir tun sie in eine Kiste und stellen die irgendwo am Stadtrand ab, wo viele Leute spazieren gehen. Wenn sie dann jemand findet, besteht ja die Möglichkeit, dass er Inés mitnimmt und behält. Dann hat sie ein Zuhause.“

Maria erkannte die Chance für ihren kleinen Schützling und begann zu überlegen: „Und was, wenn ein Hund oder ein anderes Tier sie findet und auffrisst?“

„Ein Hund weiß doch nicht, wie man so eine Kiste aufmacht.“

„Und wenn sie erfriert in der Nacht?“

„Wir stellen die Kiste gleich heute Morgen ab; tagsüber ist es nicht so kalt. Und wir legen Inés ein warmes Tuch in die Kiste.“

„Ja bitte, ich möchte, dass wir es so machen.“ Maria fing wieder an zu schluchzen und ging sehr traurig in ihr Zimmer.

Als sie gegangen war, nahmen sich die Eltern schweigend in die Arme. Es tat so weh, das geliebte Töchterchen leiden zu sehen.

Da es noch früh am Morgen war, wollten die Eltern die Sache rasch hinter sich bringen. Schnell war die Kiste gefunden: Ein Schuhkarton. In Eile ein paar Luftlöcher in den Deckel gestochen, ein Gummiband drum und fertig war der Abenteuerbehälter für Inés.

Die Eltern gingen zum Kinderzimmer, der Vater mit dem Karton, die Mutter in einer Hand einen flauschigen Lappen aus der Küche, die andere umschloss das Kätzchen, das viel zu früh von seiner Mutter getrennt wurde.

Herr Alvarez klopfte leise an und beide traten ein.

Maria lag auf ihrem Kinderbett, das Gesicht im Kopfkissen verborgen, aber sie weinte nicht mehr. Ihre rechte Hand umklammerte etwas oder besser jemanden, den sie nach Mama, Papa, Lola und Inés am liebsten hatte: Ein kleiner Stoffgorilla, der bis zu diesem Tag jede Nacht an ihrer Seite verbracht hatte.

Maria hatte einen Entschluss gefasst: Inés sollte nicht alleine sein in der dunklen Kiste. So weh es ihr auch tat, aber der kleine Gorilla Juan sollte mit ihr gehen und ihr beistehen.

Als Vater und Tochter an der Stelle, etwas außerhalb der Stadt, ankamen, wo

Inés abgesetzt werden sollte, kam der Moment des Abschieds. Maria legte ihre kleine Hand auf den Deckel des Kartons und sagte: „Hab keine Angst, Inés,          es wird alles gut…“ Danach lief sie laut weinend zum Auto zurück.

Als die beiden zuhause ankamen, waren Inés Geschwister bereits verschwunden. Frau Alvarez war froh, dass Maria keine Fragen mehr stellte, sondern still und bedrückt in ihr Zimmer ging. Es war der traurigste Tag in ihrem Leben bisher und sie setzte sich auf ihr Bettchen. Sie hatte aufgehört zu weinen, und nach einer kleinen, nachdenklichen Pause faltete Maria ihre kleinen Hände und schaute zur Zimmerdecke auf.

Die Eltern waren ihr gefolgt, um ihr beizustehen und sie zu trösten. An der Tür hielten sie inne, um zu lauschen.

Maria hatte begonnen, zu beten: „Lieber Gott, ich hab dich schon oft um etwas gebeten und ich war auch nie böse, wenn du’s mir nicht erfüllt hast. Es gibt bestimmt viele Menschen, die dich um etwas bitten, das kannst du ja gar nicht alles schaffen. Aber lieber Gott, um was ich dich heute bitte, das ist ganz, ganz, ganz wichtig! Da musst du mir ganz dringend helfen. Bitte, bitte mach, dass meine kleine Inés ein gutes Zuhause bekommt. Bitte, bitte, lieber Gott!…..“

Dann war es ganz still. Die beiden Eltern vor der Tür schauten sich an. Auch der Vater hatte nun Tränen in den Augen, beide umarmten sich und entfernten sich dann auf Zehenspitzen.

Am Abend dieses Tages bat Maria ihren Vater, nochmals mit ihr zu der Stelle zu fahren. Ihr Wunsch wurde erfüllt. Der Karton aber war verschwunden.

 

 

 

 

 

 

An dieser Stelle kommt die Geschichte aus dem Dunkel der Spekulation heraus und beruht wiederum auf Tatsachen.

An jenem schicksalsträchtigen Samstag im Februar 2008 waren irgendwann mehrere junge Damen auf einem Spaziergang am Stadtrand von Púbol         unterwegs.

Eine davon heißt Teresa und ist Flamenco-Lehrerin in Barcelona. Bei Teresas Eltern in Púbol waren die Frauen zu Gast gewesen und auf jenem Spaziergang fanden sie einen Karton mit einem Gummiband darum und Luftlöchern im Deckel. Sie hätten ihn wohl nicht beachtet, wenn nicht aus dem Innern der Schachtel ein herzzerreißendes, piepsendes Miauen gedrungen wäre. So wurde neben dem schweigenden Stoff-Gorilla das jammernde Kätzchen denn entdeckt. Und wer einmal in diese beiden großen, dunklen Augen geschaut hat, den übermannt gnadenlos der Fürsorgetrieb.

Zurück in Barcelona vernarrte sich meine Tochter Angela in die kleine Katze. Angela war für eine Woche in Barcelona, um Freunde zu besuchen und traf sich an jenem Abend mit den jungen Frauen. Im Mittelpunkt dieses Treffens stand natürlich das Findelkindchen und die Frage, was draus werden sollte.

Damals bekam das Kätzchen auch seinen Namen:

Der große Meister Salvatore Dalí hatte einst eine Geliebte namens Gala. Die muss er wohl sehr lieb gehabt haben, denn er kaufte ihr ein Schloss in Púbol,

in dem sie dann auch wohnte.

Da Gala ein sehr hübscher Name ist, wurde das Kätzchen so genannt. Und Gala trägt diesen Namen bis heute mit Stolz.

Teresa hatte es seinerzeit übernommen, Gala mit dem Fläschchen aufzuziehen, konnte sie aber nicht behalten. Die Flamencolehrerin lebte allein und war viel unterwegs. Es wollte sich einfach kein Mensch finden, der sich Gala hätte annehmen können. Galas Zukunft war also mehr als ungewiss, um nicht zu sagen düster.

Angela spielte damals mit dem Gedanken, Gala heimlich im Flugzeug mitzu-nehmen, wovon man ihr allerdings dringend abriet.

Also saßen Angela und ich ein paar Tage später in Deutschland beisammen und berieten das Katzenproblem.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen, oder besser gesagt, gewacht hatte, stand mein Entschluss fest: Wir fahren nach Barcelona und holen Gala da raus!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

….Das letzte Stück unserer Wahnsinnstour verging mir diesen Gedanken wie im Flug. Gegen ein Uhr sind wir dann alle drei zuhause angekommen.

Gala hatte ihr Katzenklo im Fußraum des Rücksitzes die ganzen zwölf
Stunden nicht benutzt. Kaum im Wohnzimmer ihres neuen Domizils, kam die große Erleichterung und unsere Nasen erfuhren, was ihnen da im Fahrzeug erspart geblieben war.

Gala fremdelte keine Sekunde und tobte in der Wohnung herum, als ob sie nie irgendwo anders gelebt hätte. Fast hätte man meinen können, sie ahnte, welch glückliches Ende ihr großes Abenteuer genommen hatte.

Damit bin ich eigentlich am Happyend meiner Geschichte angekommen.

Zugegeben, den Teil, in dem die kleine Maria, ihren Eltern, Lola und Inés vorkommen, hat mir Juan erzählt. Soll heißen, das ist alles mehr Vermutung als Tatsache. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es so ähnlich gewesen sein muss.

Alles andere jedoch hat sich genau so zugetragen, wie ich’s geschildert habe.

Der schlagendste Beweis dafür ist eine wunderschöne, dreifarbige Katzendame, die auf meinem Schoß liegt, mit einem schwarzen und einem rot-weiß geringelten Strumpf und zwei weißen Schuhen an den Vorderbeinen.

Natürlich ist sie inzwischen zu einer stattlichen Katze herangewachsen. Sie hat sich damals auch in meinen Kater Wolfgang Behri verliebt. Der hat ihr zwar kein Schloss geschenkt, aber drei stattliche Jungen, so dass ich inzwischen meine Wohnung mit fünf Stubentigern teile.

Manchmal denke ich, wie schön es wäre, wenn ich die Chance hätte, der kleinen Maria oder wem auch immer berichten zu können, wie gut es der kleinen Inés heute geht.

Wenn ich Galas Namen ausspreche, dann blickt sie zu mir auf, mit ihrem hübschen Gesicht, das immer ein freches Grinsen aufhat. Und manchmal schaut aus den großen, dunklen Augen wieder das kleine Äffchen heraus.

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