Walther

Im Dorf war er bekannt als dummer Walther,

man sprach nicht mit ihm, lachte ihn nur aus.

Er war zurückgeblieben für sein Alter,

sein Reden kam als Lallen nur heraus.

 

Er hatte keinen Vater, keine Mutter,

zwei Brüder nur, von denen jeder trank

statt Liebe gaben sie ihm nur sein Futter.

Man mied ihn, weil er dreckig war und stank.

 

Die Kinder pflegten Walther anzumachen,

ihn ärgern und verspotten war ihr Ziel.

Doch sein Gesicht erstrahlte stets mit Lachen,

er kannte nur dies eine Kinderspiel.

 

Der Walther kam mich damals oft besuchen,

ich hab mich manches Mal vor ihm versteckt.

Noch heute möcht ich mich dafür verfluchen.

Er hatte einen Freud in mir entdeckt.

 

Vor Kurzem habe ich es dann erfahren,

der Walther starb im Heim vor einem Jahr.

Erst Trauer wollte es mir offenbaren,

wie einsam dieser Mensch im Leben war.

  1 comment for “Walther

  1. Rosy
    4. August 2020 at 12:18

    Wie viele Walthers gibt es auf der Welt, an denen wir vorüber gehen ohne nachzudenken.
    Danke für dieses ergreifende Gedicht!

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