An einem einzigen Tag

 

 

Betagte Liebe

 

Im Lieblingsstuhl, beim Lesen eingeschlafen,

so liegst Du vor mir; ganz in deinem Bann

denk ich an jenen Tag, als wir uns trafen,

den Tag, an dem mein Leben erst begann.

 

Wir haben aneinander festgehalten,

den ganzen Weg hindurch, von Jahr zu Jahr.

Heut kenn und  lieb ich jede deiner Falten,

die alten Hände, jedes graue Haar.

 

Das Feuer ist uns niemals ausgegangen

und war es auch schon bald nur eine Glut,

noch immer ist das Fühlen unbefangen,

das Miteinander kennt nicht Hass noch Wut.

 

Du bist erwacht mit einem zarten Gähnen,

schaust so verwundbar, zwanglos und verliebt.

Dein Bild verwischt in meinen Freudentränen

aus tief gelebtem Dank, dass es dich gibt.

 

 

 

 

 

An einem einzigen Tag

 

Wieder einmal gelüstet es mich, meinen Erinnerungen Gestalt zu geben, in Worte zu fassen, was sich vor langer Zeit tief in mein Gehirn eingegraben und mich im Sinnieren darüber immer und immer wieder zu Tränen gerührt hat.

Eines der vielen Dinge, die Schuld daran sind, dass ich Eva so seelentief lieben gelernt hatte, ist die Tatsache, dass sie auch immer wieder das Gespür hatte, mir für das Schreiben den nötigen Freiraum zu geben. Oft genug habe ich sie sträflich vernachlässigt und allein gelassen und trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie es mir nie übel genommen hat.

Sie konnte schweigen und einfach nur lächeln, wo andere Frauen gezickt, geweint und geschmollt hätten und jedes Mal verstand sie es so, mich mit ihrer Duldsamkeit und Bescheidenheit zu strafen, bis mein schlechtes Gewissen mich kurz darauf nötigte, sie um Verzeihung zu bitten und ihr alle meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich drehe mich zu ihr auf meinem Schreibtischstuhl und sehe sie in ihrem Lieblingssessel liegen, die Beine auf dem gepolsterten Hocker, ihr Buch offen auf dem Schoß, den Kopf leicht nach rechts geneigt  und ihre wunderhübschen Augen unter den Lidern verborgen.

Ich habe das Gefühl, ich könnte sie stundenlang so anlächeln, doch wende ich mich zum Schreibgerät zurück, um endlich unsere Geschichte aufzuschreiben.

 

 

 

 

Es war Anfang der siebziger Jahre, als Eva und ich uns kennenlernten. Eva war 21 Jahre alt, ich ein Jahr älter und damals noch sehr eng befreundet mit einem anderem Mädchen, das Manuela hieß. Manu, wie ich sie nannte, war meine erste sexuelle Erfahrung mit allen damit verbundenen Höhen und Tiefen einer prüden Zeit, in der so vieles, das mit Sexualität zu tun hatte, mit einem Tabunebel aus Ahnungslosigkeit, Peinlichkeit und Mystifizierung verhangen war. Heute, graubärtig, kann ich das unumwunden zugeben, wenn auch die „ersten Male“ inzwischen schon im zarten Teenager-Alter stattzufinden pflegen.

An Manu war mir immer wieder befremdlich aufgefallen, dass nach einer längeren Zeit der Abwesenheit voneinander, ich vor Sehnsucht und Wiedersehensfreude schier vergangen bin, während Manuela stets eine gewisse Zeit brauchte, und das konnten Tage sein, bis sie sich wieder „an mich gewöhnt“ hatte.

Ich wusste damals nicht, was das wohl bedeuten konnte und wartete eben jedes Mal geduldig, bis es vorbei war. Heute meine ich, dass meine Begegnung mit Eva gerade deshalb letztendlich ein großer Segen für mich war.

Nun ist es nicht so, dass ich Eva vor dem schicksalhaften Abend nicht gekannt hätte, ich hatte sie nur nach meiner Reifeprüfung ungefähr zwei Jahre nicht mehr gesehen. War sie doch im Gymnasium eine oder zwei Klassen unter mir gewesen und die Tochter eines meiner Lehrer. Jener hatte sie wohl sehr streng christlich erzogen und auch vor allen denkbaren Gefahren bewahrt, wie es sich seiner Zeit für einen Theologen, Lateinlehrer und Germanisten gehörte. So war ich Evas erste konkrete Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht.

Es gab damals in unserem Heimatstädtchen noch keine sogenannte Disco, dafür aber eine Einrichtung, die mindestens genauso viel Spaß garantierte. Der „Keller“, wie dieser Ort einfach genannt wurde, war tatsächlich so etwas wie ein ehemaliger Weinkeller, tief unten in Buntsandsteingewölben, die dem Ort ein ganz besonderes Flair vermittelten.

Gleich nach dem oberen Ende des Marktplatzes, mit seinen prächtigen Fachwerkfassaden, gab es an einem der Häuser eine schwere, alte Eichentür mit Rundbogen und diese führte direkt in die Tiefe auf einer fast beängstigend langen und steilen Sandsteintreppe.

Im „Keller“ wurde die Musik gespielt, die wir damals liebten; Beatles, Rolling Stones, und Ähnliches, vermischt mit langsamen Songs, die zum „Zusammenrücken“ einluden, und den ganzen Protestsongs der sechziger Jahre. Man konnte sich dort treffen, Musik hören, trinken und es wurde auch damals schon so mancher Joint geraucht.

Was besonders wichtig war: Niemand störte sich daran, wenn Pärchen, stundenlang knutschend aneinander geklammert, ihre Zuneigung auslebten, was in der Öffentlichkeit der Straßen des Hinterlandes damals kaum möglich war.

Manuela hatte an jenem Abend einen dringenden, familiären Termin und mein bester Freund war wehrdienstbedingt abwesend, also musste ich ungewohnter Weise ganz allein in die Stadt fahren. Dabei benutzte ich den Bus und ließ meinen alten Käfer zuhause stehen; auf ein paar Gläser Bier wollte ich nicht verzichten und so landete ich schließlich in jenem „Keller“.

Schon als ich die lange Sandsteintreppe hinab stieg, gab mir die Musik dieses gute Gefühl, am richtigen Ort zu sein, beinahe eine Art Geborgenheit. „My Generation“ dröhnte von unten zu mir herauf; diese Musik von „The Who“ brachte mich in Stimmung für diesen Abend.

Die Luft war rauchgeschwängert, so dass man das Gefühl bekam, in einen lauten, gelben Nebel hinabzusteigen.

Unten angekommen schaute ich mich um und entdeckte sofort den Tisch, an dem Eva ganz alleine saß. Obwohl irgendwie verloren, machte sie jedoch nicht den Eindruck, isoliert zu sein. Ihre beinahe freche Art, sich umzuschauen und alles um sie herum wie mit offenen Armen wahrzunehmen, vermittelte ihr eine besondere Ausstrahlung. Und dann war da noch dazu dieses unbeschreibliche Lächeln, einnehmend und entwaffnend.

Eva war mir zwar nie besonders aufgefallen, so wie manche Frauen, die etwas Besonderes hatten und sich damit zu umgeben verstanden, doch hatte sie schon immer eine gewisse Wirkung auf mich gehabt. Was das genau war, das kann ich nicht näher beschreiben. Vielleicht steckte  ja nur der Respekt dahinter, der sich vom Vater auf die Tochter übertrug.

Es war eigentlich ungewöhnlich für mich, dass ich ohne Zögern und bar jeder Alkoholunterstützung, schüchtern wie ich war, direkt auf jenen Tisch zusteuerte:

„Darf ich mich zu dir setzen, oder stör ich?“ „Nee, nee, ich bin allein hier; setz dich ruhig.“

Sie strahlte über das ganze Gesicht und ich merkte ihr eine gewisse Erleichterung an, endlich nicht mehr allein dasitzen zu müssen. Zum ersten Mal konnte ich aus unmittelbarer Nähe sehen, wie hübsch sie doch war.

Ganz im Gegensatz zu mir war Eva eher frech, hatte eine begeisternde, offene Art und war alles andere als schüchtern. Dennoch konnte man ihr deutlich die hemmende Wirkung ihrer Unerfahrenheit anmerken.

Eine Weile schwiegen wir uns an und es dauerte einen Moment, bis ich ihr richtig in die wunderschönen, braunen Augen schauen konnte.

Meine Knie begannen leicht zu zittern, mein Hals war im Bruchteil einer Sekunde trocken und in der Brust und Magengegend breitete sich ein Gefühl aus, das dem eines freien Falles ähnelte. Zu allem Überfluss spürte ich nun auch noch, dass ich anfing, wie ein pubertärer Teenager zu errötete, ohne Chance, etwas dagegen tun zu können.

Sitzend k.o. und keines Wortes mehr fähig, dieser Zustand meines Körpers, verursacht durch das von meinem Gegenüber ausgelöste, fast schlagartige Seelenchaos, hatte mich völlig überrascht. Ein starkes Fluchtverlangen befiel mich mit einem Male. Erlösend fiel mir ein, etwas zum trinken zu holen. Das erste Wort, das ich zu sagen gedachte, krepierte sprichwörtlich in einem Röcheln aus meinem vollständig ausgetrockneten Hals.

Nach einem heftigen Räuspern ging’s dann einigermaßen: „Ich hol uns was zu trinken; was möchtest du?“

Sie begann zu lachen und ihre Augen hatten im müden Licht des Kellergewölbes ein unglaubliches Strahlen: „Noch ne Cola.“

Eilends entfernte ich mich in Richtung Tresen, während in meinem Kopf die idiotische Angst umging, über einen Stuhl zu stolpern und er Länge nach hinzufallen.

Hatte sie mich da eben ausgelacht?! Nein, nein, sie freut sich einfach, sonst… oh verdammt!

Die Aufforderung, eine Bestellung zu tätigen, brachte mich wieder ins Lot. „Zwei Cola, bitte.“

Als ich zum Tisch zurückkam, hatte ich mich einigermaßen gefasst. Wir tranken einen Schluck, sahen uns an und ich spürte den Druck, irgendetwas sagen zu müssen.

„Was machst du denn so,… das Abi hast du doch inzwischen auch, oder?“ fragte ich, um mit Smalltalk meine Unsicherheit zu verbergen.

Mein rotes Gesicht störte mich nun nicht mehr sonderlich, war das ihre doch zumindest genauso tief gerötet.

„Ich studier seit letztem Jahr.“ „ Und was?“ „Geschichte und Englisch.“ „ Und wo?“ „In Tübingen. Und du?“

„Ich hab eineinhalb Jahre beim Bund verloren und jetzt hab ich keinen Platz.“ „Und was möchtest du machen?“ „Auf jeden Fall Bio und vielleicht Geographie, fürs Lehramt, so wie du ja wohl auch,… gewissermaßen in den Fußstapfen vom Herrn Papa.“

Ich grinste und meine Anspannung hatte sich etwas gelöst. Ich trank einen Schluck und spürte dabei, dass sie mich ansah. Obwohl ich wusste, was passieren würde, schaute ich auf und in ihre lachenden Augen. Und da war es wieder. Es fing in der Nase an, wie ein Brennen und einen Moment dachte ich, meine Augen würden anfangen zu tränen. Dann dieses unbeschreibliche Schaudern, das wie Wasser durch eine Sandschicht in die Brust bis in den Magen und Bauch sickerte und schon die bloße Vorstellung, es könnte noch tiefer sickern, verursachte mir Panik.

Ich wollte Lächeln und konnte es irgendwie nicht, meine Mimik schien wie blockiert zu sein. Mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein und ohne es wirklich zu wollen, fragte ich Eva: „Möchtest du tanzen?“

Ihre Reaktion erschreckte mich ein wenig. Mit einem lauten  „ja, klar!“ sprang sie auf und stand ganz dicht vor mir, so dass ich für einen Moment ihren total aufregenden Duft in die Nase bekam.

Ich muss wie in Trance gewesen sein, als wir zur Tanzfläche gingen. Die rhythmischen Bewegungen lockerten mich wieder etwas, aber schon das zweite Stück war sehr langsam: „Warm and tender love“ von Percy Sledge.

Es gab kein Entkommen; das war ein sogenannter „Stehblues“. Diesen Tanz konnte und brauchte man in keiner Tanzschule lernen; ich hatte schon immer den Verdacht, dass er eine Erfindung unserer damaligen jungen Generation war.

Ohne Zögern kam Eva ganz dicht an mich heran und unsere Körper berührten sich, als ich meine Arme um sie schlang und sie die ihren auf meine Schultern legte. Mit sehr kleinen, wiegenden Schritten bewegten wir uns kaum vom Fleck. Mein Herz konnte ich im Hals pochen spüren.

Ich war etwas größer als Eva und schaute auf ihr braunes, naturfarbenes und ganz ohne Chemie seidig glänzendes Haar; ich konnte es sogar riechen. Ein wundervoll erregender, fremder Duft, der sich mit der milden Süße ihres Parfums mischte.

Mit meinen Händen spürte ich ihren zarten, weichen Rücken, an meinem Rippenbogen konnte ich ihre Brüste erahnen und bei jedem Miniaturschritt berührten sich unsere Oberschenkel.

Ich begann, in einer ungekannten Verzückung zu versinken und ich wünschte mir in diesem Augenblick, dieser Tanz möge nie enden.

Das Glück war auf meiner Seite, vielleicht hatte auch der Plattenaufleger irgendwelche Beobachtungen gemacht: Auch der nächste Song war stehbluesfähig: „A whiter shade of pale“, Procol Harum.

Einen Moment standen wir noch und Eva hob ihren hübschen Kopf und sah mir ganz tief in die Augen. Sie hörte dabei plötzlich auf zu lächeln, umschlang mit beiden Armen meinen Hals und legte ihre Wange fest an die meine.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl; nun brachte mich nichts mehr aus der Fassung; irgendwie hatte ich innerlich losgelassen und entspannt genoss ich in vollen Zügen.

Alles, was mit und um uns passierte, war einfach nur noch betörend schön.

Beinahe die ganze Zeit waren wir auf der Tanzfläche und die Stunden vergingen gefühlt wie Minuten.

 

Um halb elf wurde Eva abgeholt. Sie bat mich, nicht mit nach oben zu gehen; ihr Bruder sollte nichts merken von dem, was passiert war.

Wir standen noch eine Minute und hielten uns an beiden Händen fest, dann umarmten wir uns noch einmal heftig und gleich darauf verschwand Eva über die Sandsteinstufen, sich noch mehrmals umwendend, um mir ihr hübsches Gesicht nochmals zu zeigen; als ob ich es jemals wieder hätte vergessen können…

Eine Weile blieb ich noch an unserem Tisch alleine sitzen und trank zwei oder drei Biere. Immer wieder ging mir der Gedanke durch den Kopf: Hätte sie ich küssen sollen, hat sie vielleicht sogar darauf gewartet?

Ein Freund, der inzwischen gekommen war, versuchte, mich an seinen Tisch zu holen doch ich schüttelte den Kopf, wollte allein sein mit meinen Gedanken.

Dann machte ich mich auf den Heimweg, immer noch völlig in meinem Erlebnis gefangen.

Bewusst wählte ich eine Strecke durch den Wald; den Bus oder per Anhalter hätte ich an jenem Abend nicht ertragen können.

Der Weg durch den Nadelwald passte mit seiner wilden Romantik genau zu meiner Stimmung. Ich hätte am liebsten laut losgeschrien und erst jetzt wurde mir richtig klar, dass ich mich total in dieses Mädchen „verknallt“ hatte. So nennt man das ja wohl auch heute noch und, weiß Gott, ich spürte es ganz tief in der Seele, dass es mich diesmal richtig erwischt hatte.

Es war anders als mit Manuela, ging irgendwie viel tiefer und es kam von Eva so unheimlich viel zurück. Wenn ich heute daran denke, meine ich, dass es diese bedingungslose Offenheit, eine Aura aus Ehrlichkeit war, die mich vollständig einnahm und fesselte.

Der fast volle Mond streute ein blau-graues, geheimnisvolles Licht in die Tannen und auf den steilen Weg; ich war allein mit meiner bezaubernden Erinnerung.

 

 

 

 

Schon bald darauf, wie sollte es anders sein, holte mich das Problem „Manuela“ ein und warf einen unübersehbaren Schatten auf mein neues Glück.

Wie sollte ich ihr das beibringen, wie ihr sagen, dass unsere Geschichte zu Ende war.

Und das war sie! Seit jenem Abend mit Eva verblasste alles, was ich mit Manuela erlebt hatte.

Mit jedem Telefonat, das ich mit Eva führen, was sag ich, zelebrieren durfte, nach jedem erneuten Zusammentreffen mit ihr, jeder Umarmung,… Es wurde immer klarer: Da gab es kein Zurück mehr.

Langsam kam ich aber auch in Zeitnot; ich musste mich bei Manuela melden und ich durfte sie nicht länger im Ungewissen belassen.

Bald schon hatte ich einen Plan für mein Vorgehen: Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen. Ein paar Tage mehr und sie würde sich wieder an mich gewöhnen müssen. Eben diese Phase wollte ich nutzen um ihr die Hiobsbotschaft beizubringen.

Also vertröstete ich Manu noch ein paar Tage, um sie dann für einen Spaziergang zu treffen. Eine Bank an unserem Weg kam mir für mein Vorhaben sehr gelegen.

Selten hatte ich mich so unwohl gefühlt, wie in jenen bitteren Minuten mit Manuela auf der Bank im Wald.

Aber ich tat, was getan werden musste und versuchte mit allem mir zur Verfügung stehenden Einfühlungsvermögen zu erklären, zu beschwichtigen und letztlich zu trösten.

Manuelas Tränen taten mir schrecklich weh und einen Moment lang hatte ich sogar gewünscht, ich hätte sie nicht verlassen.

Andererseits fiel mir auf, dass ich Manuela immer noch sehr gern hatte, aber eben auch nicht mehr als das, und so grausam das auch klingen mag, ich fragte mich später immer wieder, ob da überhaupt viel mehr gewesen war und ob nicht, für mich unerkennbar, die sexuelle Neugier eine entscheidende Rolle gespielt hatte.

Am selben Tag kam es noch zu einem unangenehmen Zwischenfall: Manuelas Mutter rief mich an und war verzweifelt, weil ihre Tochter sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatte und niemandem öffnen wollte.

Ich setzte mich noch einmal in meinen Käfer und fuhr hin. Es gelang mir, das arme Mädchen zu beruhigen. Auch hat mir dieser letzte Kontakt mit den Eltern gut getan, weil ich merkte, wie froh sie waren, dass diese Liebesgeschichte ein Ende gefunden hatte. Manu war erst siebzehn Jahre alt und nachdem sie die Pille verlangt und bekommen hatte, müssen die Besorgnisse der Alten schier unerträglich geworden sein.

Als ich ging, war ich erledigt, als hätte ich zwei Nächte nicht geschlafen, gleichzeitig traurig und doch froh, ja, sogar ein wenig stolz, das alles geschafft zu haben.

Bevor ich in den VW einstieg, drehte ich mich unauffällig, fast verstohlen noch einmal um und schaute zum übernächsten Haus hinüber. Dort nämlich wohnte Eva.

Ja, die beiden waren Nachbarinnen und kannten sich von klein an, was der ganzen Geschichte eine besondere Brisanz verlieh.

Natürlich hatte mich Manuela gefragt, wer denn die Andere sei, ich vertröstete sie aber und versprach ihr, nach ein paar Tagen auch diese Frage zu beantworten. Dazu ist es allerdings nie gekommen.

Eva und ich hatten nun in gewisser Weise freie Bahn; wie gesagt, in gewisser Weise. Da gab es vor allem anfänglich eine Menge Hürden zu überwinden: Eva verbarg unsere Beziehung eine Zeit lang vor ihren Eltern. Ich konnte sie anfänglich nicht zuhause abholen und Bruder und Schwester durften auch nichts merken, was natürlich nicht lange gut gehen konnte.

Aber die Geschwister hielten dicht. Später erzählten sie mir einmal, wie sehr sie sich gewundert hatten, dass die Eltern nichts bemerkt hatten oder zumindest so taten. Eva war wohl ziemlich verändert damals; sie war ständig guter Laune, tanzte singend durchs Haus und scheinbar nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Selbst Aufgaben, die sie bisher gehasst hatte, übernahm sie plötzlich ohne Murren oder gar freiwillig.

Sehr auffällig an Eva für ihre Familie war damals auch, dass sie recht oft „alleine“ spazieren gehen wollte.

Wir pflegten uns auf einem kleinen Parkplatz am Rande ihres Wohnortes zu treffen und dann, solange wir Zeit hatten, im Wald herum zu flanieren.

Das war so unvergleichlich zauberhaft. Wir redeten oft stundenlang oder genossen einfach nur schweigend unser Miteinander, den bunten Herbstmischwald, das Rascheln der welken Blätter unter unseren Schritten und den Geruch nach Harz und Tannenholz.

Ein ganz besonderer Tag ist mir dabei sehr lebhaft in Erinnerung geblieben. Wir waren Arm in Arm von einer Waldwegkreuzung aus einige Schritte bis zu einem Holzstapel gegangen und blieben dort stehen. Evas Lächeln, das ich so liebgewonnen hatte, verschwand mit einem Male.  Sie schaute mir tief in die Augen, genauso wie damals beim Stehblues.

Ohne dass sie ein Wort sagte, ahnte, nein, spürte ich, was sie wollte. Ich nahm ihren hübschen Kopf zwischen meine Hände, drehte ihn etwas zur Seite und ganz langsam kamen unsere Lippen sich immer näher.

Eva umarmte mich und presste ihren Körper ganz fest an meinen und wir küssten uns zum ersten Mal.

Zuerst war es nur eine Berührung der Lippen, danach aber gab es kein Halten mehr. Körper und Seele waren gleichermaßen in kaum zu bändigender Aufruhr und ich spürte ein Verlangen in nie gekannter Heftigkeit nach diesem Mädchen, ganz besonders in dem Moment, als ich ihre feuchten Lippen und ihre zarte Zunge fühlte.  Für die paar Minuten der leidenschaftlichen Innigkeit existierte die Welt um uns nicht mehr. Wir sahen und hörten nichts, wir lebten nur noch unser ganz eigenes, kleines Stück Paradies.

Noch eine Weile standen wir eng umschlungen da und sahen uns glücklich in die Augen. Es war absolut still, kein Laut, als hätte die Welt den Atem angehalten.

Kurz darauf sagte ich Eva zum ersten Mal, dass ich sie liebe und wenn ich es auch später noch, ich weiß nicht wie viele Male gesagt habe, in diesem Augenblick war es etwas ganz Besonderes.

Die Tränen in ihren Augen steckten mich an; wir schwelgten geradezu im Miteinander und es war einfach traumhaft schön.

Dann hatte ich eine Idee: Wir gingen zur Kreuzung zurück und zählten von dort unsere Schritte bis zu dem Ort, an dem wir eben noch diese seligen Momente genossen hatten. Es waren dreiunddreißig.

Der Holzstapel war längst verschwunden, als wir später noch oft zu der Stelle zurückkehrten, um uns zu erinnern und wieder zu küssen.

 

 

 

 

Bald schon kam, was kommen musste: Das Leben holte uns ein. Das Wintersemester begann und Eva ging zur Universität zurück. Sie wohnte dort im Studentenheim und hatte ein Zimmer zusammen mit einer Kommilitonin.

Was mich betraf, so hatten sich meine Pläne grundlegend geändert. Niemals wäre ich bereit gewesen, mein Leben den Umständen anzupassen, wenn mich das von Eva getrennt hätte. Nein, die Umstände mussten dem Leben angepasst werden!

Hätte ich ein Studium begonnen, in weiß Gott welcher fernen Stadt, wir hätten uns kaum noch sehen können außer in den Semesterferien, und in denen ich zu arbeiten gehabt hätte, um mein Studium zu finanzieren.

Eva war das Wichtigste in meinem Leben geworden und niemals hätte ich sie allein gelassen.

Wie eine Pflanze ohne Wasser wäre ich ohne sie eingegangen.

Meinen Eltern, bei denen ich bis dahin gewohnt hatte nach der Soldatenzeit, beruhigte ich mit der Lüge, ich müsse noch bis zu einem Jahr warten, um einen Studienplatz zu bekommen und wolle die Zeit mit irgendeinem Job überbrücken.

Zunächst besuchte ich Eva noch vom Haus meiner Eltern aus, doch die Entfernung und die Benzinkosten nervten. Dann aber hatte ich wieder mal Glück.

Nachdem ich davon gehört hatte, bemühte ich mich um eine Stelle im Außendienst bei der Pharmaindustrie. Schon bald hatte ich einen Arbeitsvertrag in der Tasche, musste aber vier lange Wochen zu einer Schulung nach Norddeutschland.

Die Härte dieser Prüfung wurde dadurch gemildert, dass ich auf Firmenkosten jedes Wochenende nachhause fahren durfte und die ganze Zeit über schon jeden Monat sage und schreibe zweitausend Mark verdiente.

Nie hatte ich zuvor so viel Geld auf einem Haufen gesehen, nun war es auf meinem nagelneuen Konto, von wo es sich aber teilweise recht rasch von ganz allein verflüchtigte.

Steuern und Sozialabgaben waren die ersten Ohrfeigen der nun realen Unabhängigkeit. Hinzu kamen Kosten für Telefon, Rundfunk, Krankenversicherung…

Schließlich blieb auch noch ein dicker Batzen für Miete auf der Strecke, denn ich hatte in einem Ort nahe der Universitätsstadt eine kleine Ein-Zimmer-Einliegerwohnung in einem Neubau gefunden.

Nun, es blieb genügend übrig zum gut leben, schließlich war ich darin geübt, aus wenig Geld viel zu machen.

Nachdem der Schulungsmonat überstanden war, verfügte ich zudem über einen Firmenwagen, den ich für wenig Geld auch privat nutzen konnte.

Meine Aufgabe war es, Ärzte in ihren Praxen zu besuchen und in Gesprächen Werbung für die Medikamente meiner Firma zu machen. Nicht gerade ein Traumjob, doch für mich war Eva das Wichtigste im Leben und nicht die Arbeit.

Meine Welt war also in Ordnung; meine Eltern würden schon irgendwann akzeptieren, dass man auch ohne Staatsexamen oder Diplom genügend Geld verdienen konnte.

Auch Evas Eltern konnte ich nun endlich unter die Augen treten und mit der Geheimniskrämerei hatte es damit ein Ende. Die Akzeptanz, die ich dabei erlebte, erstaunte mich. Längst hatten Mutter und Vater gemerkt, dass  etwas im Busche war aber schließlich war Eva ja auch seit einiger Zeit schon volljährig.

Ich war völlig zufrieden mit dem, was ich erst mal erreicht hatte. Das Entscheidende für mich war allemal, in Evas Nähe sein zu können.

In meiner kleinen Wohnung konnten wir ganze Wochenenden verbringen; mein Einkommen ermöglichte uns die eine oder andere Anschaffung und regelmäßig auch ein Essen im Restaurant oder einen Theater- oder Kinobesuch.

Eine „gewaltige Kleinigkeit“ fehlte allerdings noch zu unserem vollständigen Glück: Wir waren unsterblich ineinander verliebt, wie am ersten Tag, wir hatten schon etliche Nächte im selben Bett gemeinsam verbracht, aber wir hatten bisher immer noch nicht miteinander geschlafen.

Sobald ich zarte und behutsame Andeutungen machte oder auch einmal versuchte, ihre Brüste zu streicheln, wehrte Eva lächelnd aber bestimmt ab.

Ich wollte sie diesbezüglich nicht unter Druck setzen und akzeptierte einfach, dass sie wohl noch nicht so weit war.

Allerdings fiel mir das immer schwerer. Das war jedoch nichts, das man nicht hätte in den Griff bekommen können. Immer drängender allerdings wurde mein Verlangen, endlich, auch diesen letzten, erfüllenden Schritt hin zu meiner Geliebten Eva zu machen.

Dadurch, dass wir uns immer besser kennenlernten, etablierte sich in meinen Gedanken immer mehr das Gefühl, dass irgendetwas zwischen uns war und ich fragte mich oft, ob es wohl ein Geheimnis war, das sie sorgsam hütete und ob das vielleicht auch der Grund für ihre Zurückhaltung war.

Die Tage und Wochen vergingen und wir waren glücklich, allein schon weil wir so oft und so ungestört zusammen sein konnten und wir genossen unsere Zärtlichkeiten wie andere den Vollzug ihrer sexuellen Begehren.

Ich hatte vor Eva schon lang keine Geheimnisse mehr und öfter als einmal sprach ich sei an, um etwas herauszufinden über das ihre, das ich vermutete, oder wenigstens eine Andeutung zu bekommen. Doch das war stets vergebliche Mühe. Es waren immer wieder dieses Lächeln und der unnachahmliche Blick, die mich schnell zum Schweigen brachten und mir oft sogar noch eine Entschuldigung abnötigten.

So begann ich, mich an den Status quo zu gewöhnen und war zufrieden, solange ich ihrer Liebe gewiss sein konnte. Eben diese Gewissheit hat sie mir immer und immer wieder vermittelt und ich war mir sicher, dass sie das ganz bewusst tat und ihr dafür keine Anstrengung zu groß war.

Bei all dem nötigt mir jetzt gerade die Vorstellung ein Grinsen ab: Was wäre heute, wenn das immer so weiter gegangen wäre? Wären wir noch beisammen, Eva als alte Jungfrau und ich mit erstorbenem Sexualtrieb?

Ganz gewiss ja, meine ich! Da würde ich meinen Kopf wetten.

Nun, das Schicksal wollte es anders und brachte jenes Geheimnis letztlich doch ans Licht.

Wie es dazu kam, will ich im Folgenden beschreiben.

 

 

 

 

Es war ein ganz normaler Wochentag, den ich bestimmt nie vergessen werde. Und zwar

Mittwoch der 28. März 1973.

Da mittwochs viele Arztpraxen geschlossen waren, hatte ich eingeplant, an diesem Tag am Firmenwagen die Winter- gegen die Sommerreifen tauschen zu lassen. Für vierzehn Uhr hatte ich beim Reifenhändler dafür einen Termin vereinbart.

Ich erinnere mich noch genau, dass ich um Viertel nach eins noch in meiner Wohnung saß, Wasser gekocht und mir einen Kaffee gefiltert hatte, als das Telefon klingelte.

Einen Moment zögerte ich. Wollte mich da einer kontrollieren? Da ich mir nichts vorzuwerfen hatte, nahm ich den Hörer ab und meldete mich, allerdings nur mit einem deutlichen „Ja“.

Meine Überraschung war groß, als ich hörte, dass Eva am anderen Ende war.

„Hallo mein Schatz, ist das schön, deine Stimme zu hören! Jetzt mag ich den Tag richtig“, schmeichelte ich ihr, „woher weißt du denn, dass ich zuhause bin?“

Ihre Stimme hörte sich sehr ernst, ja, fast bedrückt an: „Hör zu, könntest du bitte einfach nur machen, was ich dir sage; ich erklär dir alles später, ja? Bitte!“

Es entstand eine Pause ohne Worte und ich weiß noch, wie verunsichert ich plötzlich war: „Okay, aber ist denn was passiert?“

„Bitte Schatz!“ Evas Stimme wurde sehr eindringlich.

„Okay, okay. Also, was soll ich tun?“

Spürbar erleichtert sagte sie dann: „Ich bin hier im Ort an der Bushaltstelle beim Rathaus. Wenn du gleich losfährst zur Reifenwerkstatt, dann fahr bitte hier vorbei und hol mich ab.“

Wo bist du?!“ Einen Moment lang rang ich um Worte: „Äh… – Ja, klar, ich hol dich ab. In zwei Minuten bin ich da. –  Bis gleich.“

Einen Moment stand ich vor dem aufgelegten Telefon und war nicht in der Lage, rational zu denken. Woher in aller Welt weiß sie, dass ich zum Reifenwechseln gehe heute?

Na ja, sie wird’s mir gleich sagen. Ich stürmte los und gleich darauf saß Eva neben mir im Wagen.

Sie war anders als sonst, sie lächelte nicht; auch nicht beim Begrüßungskuss.

„Pass auf, “ kam sie meiner Frage zuvor, „ich erklär dir alles später. Fahr einfach los.“

„Wieso? Wir haben doch gut eine Viertelstunde Zeit zum Reden während der Fahrt.“

„Bitte, Schatz! Später!“

Schweigend fuhren wir zur Reifenwerkstatt, während sich in meinem Kopf unzählige Fragen drängelten.

Nachdem wir angekommen waren, übergab ich das Fahrzeug an den Werkstattmeister mit dem Hinweis, dass die Sommerräder eingelagert seien und dies bitte auch mit den Winterrädern geschehen solle.

Eva und ich machten uns auf zu einem Spaziergang; wir hatten fast eine Stunde Zeit.

Die Gegend, ein Industriegebiet, war nicht gerade anregend, eher öde und unser Schweigen war mir inzwischen genauso unheimlich wie unerträglich geworden.

Ich wandte meinen Blick zu Eva. Sie schaute ernst und starr geradeaus, ganz in Gedanken versunken. So kannte ich sie nicht und das machte mir Angst.

Warum nur wollte sie mir nicht sagen, was los ist?

Nach einigen weiteren Schritten blieb ich stehen und sagte mit bestimmter, fast ärgerlicher Stimme: „ Willst du mir nicht endlich sagen, was passiert ist? Ich mach mir Sorgen, verdammt nochmal!“

Auch Eva blieb stehen als sie mit beschwörender Stimme antwortete: „Nun hör doch bitte! Ich kann dir das unmöglich hier und unter diesen Umständen erklären. Du würdest mir kein Wort glauben“. Nach kurzer Pause fuhr sie fort:

„Ich brauch Zeit und Ruhe dazu und Ruhe habe ich erst, wenn das alles vorbei ist.“

Sie schaute mich an und für einen Augenblick kam ihr Lächeln zurück, als sie mir mit der Hand über meine Wange streichelte.

Das tat seine Wirkung. Von nun an verlegte ich mich ganz aufs Grübeln.

„Wenn das alles vorbei ist…“, was meinte sie bloß damit? Da ich spürte, wie ernst es Eva war und wie besorgt sie erschien, fügte ich mich, tat, worum sie mich bat und schwieg einfach.

Die knappe Stunde wurde mir so zur gefühlten Ewigkeit. Wieder zurück, kam dann bald schon der Werkstattmeister und rief meinen Namen.

„Ihr Fahrzeug ist fertig.“Ich bedankte mich und ging zur Kasse, hatte schon mein Portemonnaie in der Hand, als Eva meinen Arm fasste und mich zur Seite zog.

„Bitte, bitte Schatz, du musst mir jetzt einen ganz großen Gefallen tun und einfach machen, was ich dir sage, ja?“ Ihre Stimme klang zitternd und eindringlich, ja, verzweifelt und sie hatte mich noch nie so flehend angeschaut.

Voll Ratlosigkeit schüttelte ich den Kopf und antwortete fast flüsternd:

„Okay, Schatz, was soll ich tun?“

„Geh zu dem Mann und bitte ihn, alle Räder nochmal auf Festigkeit zu überprüfen. Du weißt schon, ob die Schrauben alle festgezogen sind. Bitte!!“

Ich sah sie einen Moment tatenlos an, stellte aber keine Sekunde in Frage, ihrer Bitte nachzukommen. Einen Augenblick dachte ich noch, das alles müsse ein schlechter Traum sein, aber ich ging zum Meister hin und sagte:

„Nicht dass ich Ihnen nicht traue, aber könnten Sie so freundlich sein und die Radmuttern nochmals auf Festigkeit überprüfen?“ Ich bekam zur Antwort:

„Fahren Sie doch bitte erst mal ungefähr  fünfzig Kilometer und kommen Sie dann nochmal vorbei, dann prüfen wir nochmal nach; das ist eigentlich auch so vorgesehen.“

„Äh,  – nein, nein“, entgegnete ich, „ich meinte jetzt gleich bitte.“

Peinlich war mir das schon und ich dachte noch bei mir: „Na, hier kennt mich doch eh keiner und so ganz aus der Welt ist diese Bitte ja schließlich auch nicht.“

Der Meister stutzte einen Moment und ging dann erkennbar etwas ungehalten in die Werkstatt zurück. Durch eine Glastür konnte ich erkennen, was passierte.

Er ging zu meinem Fahrzeug und sprach mit dem Monteur; was, konnte ich nicht hören. Auch der Mechaniker, der in meinem Alter gewesen sein muss, schien ungehalten zu reagieren, was mich nicht wunderte, aber er ging, holte den großen Drehmomentschlüssel und begann, an der mir zugewandten Seite des Autos die Radmuttern zu prüfen. Die beiden Räder auf der Beifahrerseite schienen in Ordnung zu sein.

Mit einem vorwurfsvollen Blick zum Chef hin begab er sich auf die andere Seite des Fahrzeugs und fuhr fort zu prüfen.

Was dann genau passierte, konnte ich nicht mehr vollständig sehen, weil mein Auto zwischen mir und dem Geschehen war. Ich bekam jedoch eine plötzliche und gewaltige Aufregung mit und anschließend sah ich den Werkstattmeister, wie er heftig gestikulierend auf den Mechaniker einschrie.

Kurz darauf wurde der Wagen wieder mit der Hebebühne hochgehoben und ich konnte danach das rätschende Klappern des Druckluftschraubers hören.

Der Meister blieb vor Ort bis alle Räder fest und geprüft waren. Als er dann zurückkam, konnte ich erkennen, dass er einen sichtlich blassen und sorgenvollen Gesichtsausdruck hatte.

Ich ahnte, was passiert war und wunderte mich nicht, als er zu mir sagte:

„Es tut mir unendlich leid, aber da ist ein Fehler passiert. Eins der Räder war nicht fest. Gott sei Dank haben Sie mich gebeten, nochmal nachzusehen.“ Er musste wohl mitbekommen haben, dass ich alles beobachtet hatte.

Erst jetzt bemerkte ich, dass Eva nicht mehr an meiner Seite war und ich drehte mich suchend um. Sie stand neben dem Kassenschalter, das Gesicht zur Wand gedreht und als ich bei ihr war, sah ich, dass sie weinte. Dass es ein Weinen der Erleichterung war, konnte ich natürlich nicht ahnen.

Bestürzt nahm ich sie in meine Arme und strich ihr zärtlich durchs Haar.

In diesem Augenblick war mir noch gar nicht bewusst, was eigentlich wirklich geschehen war. Alles erschien mir auf einmal so unwirklich, als ob mich meine Wahrnehmung aus dem Geschehen der Gegenwart entfernt hätte, um mir eine sichere Distanz zu den unglaublichen Vorgängen zu ermöglichen. Meine Gedanken irrten in meinem Kopf herum wie in einem dichten Nebel.

Ich hörte den Reifenmann noch sagen, als er uns zum Ausgang folgte: „Sie brauchen das heute nicht zu bezahlen. Ich hoffe, wir verlieren Sie nicht als Kunden… Es tut mir wirklich leid…“

Ich legte meinen Arm um Eva als wir hinausgingen. Das Tor zu Werkstatt war schon offen und wir konnten den Mechaniker zusammengekauert auf einem Reifenstapel sitzen sehen. Er blickte zu Boden und ich konnte erahnen, wie er sich fühlen musste.

Zu meiner Überraschung ging Eva zu ihm hin, legte ihre Hand auf seine Schulter und versuchte Trost zu spenden: „Wir machen alle Fehler. Grämen Sie sich nicht zu sehr, es ist ja nichts passiert.“

Als sie einstieg, hatte sie ihr Lächeln wieder gefunden.

Ich fuhr nur ein paar Meter, weg von der Werkstatt, bis ich eine geeignete Parkmöglichkeit am Straßenrand entdeckte. Dort hielt ich an und wandte mich Eva zu. Meine Augen füllten sich, als ich sagte: „Ich hab noch keine Ahnung, was da heute passiert ist. Ich sag jetzt nur eins: Danke!!“

Eva lächelte, war wieder ganz entspannt und so, wie ich sie kannte und lieben gelernt hatte.

Ganz langsam begannen meine Gedanken sich zu ordnen. Obwohl ich anfing, zu verstehen hatte ich immer noch den Eindruck, dass unzählige Fragen offen blieben und alles noch keinen Sinn ergab.

Wieder zuhause in meiner Wohnung saß ich immer noch völlig ratlos auf meinem Küchenstuhl, während Eva uns einen Kaffee machte. Sie kam mir plötzlich auf eine seltsame Art fremd vor. Da war es wieder, dieses Gefühl, dass irgendetwas zwischen uns ist, ein Geheimnis, das mir immer obskurer erschien.

Mein Kopf war nun jedoch irgendwie leer und ich hatte aufgehört, Fragen zu stellen, stierte vor mich auf den Fliesenboden und wartete geduldig darauf, dass Eva diesen Nebel in meinen Gedanken auflösen würde.

Während der Kaffee durch den Filter lief, setzte sich Eva auf meine Oberschenkel, nahm mein Gesicht zwischen ihre zarten Hände und drehte meinen Kopf nach oben, um mich zu küssen.

Nur sie konnte ahnen, wie gut mir dieser Trost in jenem Moment getan hat.

 

 

 

 

Endlich saßen wir nebeneinander auf dem bequemen, kleinen Zweiersofa, das wir uns kurz zuvor angeschafft hatten. Es sollte einmal unser Fernsehsofa werden. Bislang fehlte es aber noch an einem Couchtisch und natürlich auch am Fernseher. Unsere Kaffeetassen hatten wir auf einen der Stühle gestellt, der zu unserer kleinen Essecke gehörte. Diese bestand aus zwei alten Küchenstühlen und einem „Tisch für alles“, am dem wir nicht nur zu essen pflegten, sondern der uns als Universalmöbel diente, meist als Schreibtisch.

Eva hatte sich zu mir gedreht und einen Schneidersitz eingenommen.

Eine Weile schwieg sie und schaute in den kleinen Raum mit einem starren Blick, dem ich anmerkte, dass sie eigentlich gar nichts sah, sondern in sich hineinschaute. Sie war offensichtlich auf der Suche nach einem Anfang für das, was sie erklären wollte.

„Also“, begann sie schließlich, „über das, was ich dir nun sagen werde, habe ich nie zuvor mit einem Menschen gesprochen und du musst mir versprechen, es auch nie jemandem weiter zu erzählen.“

Einen Moment sah sie mich an, ich nickte und sie fuhr dann fort: „Ich weiß, dass auf dich absolut Verlass ist, sonst müsste ich dir einen Eid abverlangen.“

Ich registrierte sehr wohl, dass dies sehr ernst gemeint war und aus dem Folgenden wird auch hervorgehen, dass sie hierzu ihre Meinung aufgrund der späteren Entwicklung geändert hat. Wie könnte ich sonst fortfahren, ohne mein Versprechen zu brechen!

Eva starrte auf ihre überkreuzten Beine und sprach nachdenklich weiter:

„Alles fing an, als ich sieben oder acht war. Ich hatte damals eine Lieblingstasse…“ Ich fiel ihr ins Wort: „Lass mich raten. Die grüne mit den weißen Punkten.“ Sie benutzt sie heute noch.

„Ja, und sie war für mich mehr als eben nur eine Tasse. Mein Opa hatte sie mir einmal geschenkt und mir dabei eine Geschichte von einer Zaubertasse erzählt; sie war deshalb schon immer was Besonderes für mich. Nun, damals hatte ich sie auf dem Küchentisch stehen, ziemlich am Rand. Ich drehte mich um und riss das Stück mit dem Ellbogen zu Boden, wo es auf den Fliesen in tausend Teile zerbrach.

Einen Moment war ich im Schock und wie gelähmt, dann kniff ich beide Augen fest zu und schrie so laut ich konnte „Nein!!!“ Als ich die Augen wieder öffnete, staunte ich nicht schlecht: Meine Tasse stand wieder völlig heil auf dem Tisch, genau an der Stelle, an der sie sich zuvor befunden hatte. Es war mir ein Rätsel, wie das hatte geschehen können und ich war ziemlich erschrocken. Ich hatte sogar Angst, fasste meine Tasse fest mit beiden Händen und stellte sie behutsam an einen sicheren Ort.

Es vergingen einige Jahre, bevor der nächste Vorfall geschah. Ich hatte auf eine Mathe-Arbeit gelernt und ziemlich Angst davor. Ich weiß nicht mehr, was genau geprüft wurde, aber es war eines dieser Dinge, die ich nie so richtig in meinen Kopf bekam und auch nie sicher anwenden konnte. Kennst du das?“

„Und ob! Man denkt, man hat’s einigermaßen verstanden und kann doch nicht wirklich sicher damit umgehen. Ich hatte diese Probleme zum Beispiel immer mit der Vektorrechnung.“ Eva nickte und fuhr fort:

„Wie auch immer, ich weiß noch, dass ich lang nicht einschlafen konnte und am besagten Morgen durch den Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde. Langsam kam ich zu mir und erinnerte mich, was mir heute blühen würde. Und dann passierte es wieder: Ich kniff beide Augen fest zusammen, brachte ein verzweifeltes „Nein“ hervor und wünschte mir nichts sehnlicher in dem Moment, als dass es noch mitten in der Nacht wäre und ich weiterschlafen könnte.

Als ich die Augen öffnete, sah ich so gut wie nichts; es war stockdunkel. Ich erschrak fürchterlich, bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper, schaltete rasch die Nachtischlampe ein und schaute auf meinen Wecker: Zwei Uhr fünfzehn! „Mein Gott!“ dachte ich, wie kann das sein?! Hab ich vielleicht eben geträumt,  dass der Wecker losgegangen wäre? Aber nein, ich hatte nicht geträumt. Langsam wurde mir klar, dass ich die Zeit zurückgedreht haben musste und mir wurde schwindelig vor Verwirrung und Angst.

Nun, die Klassenarbeit habe ich gut hinter mich gebracht; ich glaub, es war eine Drei. Aber der Vorfall am Morgen ging mir lange nicht aus dem Kopf. Ich versuchte, dieses Rätsel zunächst zu verdrängen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich in der Lage war, dieses Löschen der Zeit beliebig zu wiederholen und ich hätte mich nie getraut, noch einen Versuch zu machen“. Ich unterbrach kopfschüttelnd: „Löschen der Zeit?!“

„Ja doch! Hör zu, wieder ein paar Jahre später, ich muss dann dreizehn oder vierzehn gewesen sein, wurde meine Katze überfahren. Jemand klingelte und brachte das arme Tier auf einer Schaufel liegend an die Haustür.

Ich nahm das Kätzchen in meine Arme; es fühlte sich kalt und steif an und ich weinte bitterlich. Das Tier war damals mein Ein- und- Alles gewesen. Und plötzlich erinnerte ich mich an die Vorfälle mit der Tasse und der Klassenarbeit und ohne zu überlegen versuchte ich es noch einmal. Ich kniff die Augen zusammen und wünschte mir einfach den ganzen Tag weg.“

„Und, was ist passiert?“ fragte ich ungeduldig dazwischen.

„ Eine halbe Stunde bevor der Wecker klingelte, wachte ich am selben Tag auf. Ich erinnerte mich, sprang aus dem Bett und suchte meine Katze. Ich konnte sie nicht finden und ging schließlich zur Schule. Dort merkte ich sofort, dass sich der Tag von gestern wiederholte. Alles lief genauso ab, wie ich es zuvor schon erlebt hatte und dann sollte meine schlimmste Befürchtung auch noch wahr werden: Total wirr im Kopf wieder zuhause, konnte ich das Tier immer noch nicht finden und irgendwann klingelte es… Naja, den Rest kannst du dir denken. Ich war damals völlig ratlos. Weder wusste ich wann, noch wo das Kätzchen zu Tode kam und sah keine Möglichkeit, das Unglück zu verhindern.“ Eva unterbrach und schien nachzudenken:

„Weil sie so ein weiches Fell hatte, nannte ich sie damals „Wolli“. Eva seufzte und fuhr fort:

„Wolli einfach einzusperren war keine Möglichkeit; ich hätte meine Mutter und die Geschwister einzuweihen müssen. Also fügte ich mich schließlich einfach in mein Schicksal. Noch einmal hätte ich dieses Klingeln an der Haustür nicht ertragen können.

Inzwischen war ich aber alt genug geworden, um mir die Möglichkeiten, die ich mit meiner Fähigkeit hatte, auszumalen. Die ganze Welt hätte ich durcheinander bringen können, das ganze Universum! Ganz zu schweigen von den Gefahren, die mir durch meine Mitmenschen drohen würden, wenn jemand herausbekäme, wozu ich in der Lage war.“ Sie machte eine Pause und überlegte.

„Denk doch bloß mal an Lotto!“

Eva berichtete weiter nachdem sie den letzten Schluck Kaffee aus ihrer Tasse genommen hatte: „ Je länger ich darüber nachdachte, umso schrecklichere Szenarien fielen mir ein und so beschloss ich, mir zu schwören, niemals irgendjemandem etwas von dieser Ungeheuerlichkeit zu erzählen und diese Fähigkeit auch nie wieder in meinem Leben zu benützen, komme was da wolle. Und dabei blieb es auch –  bis zum heutigen Mittwoch.“

Ich nahm ihre Hand und wir sahen uns an. Eva war sehr ernst und es gab keine Anzeichen mehr von ihrem bezaubernden Lächeln in ihrer Mimik. Auf der Stirn meiner Liebsten lagen drei tiefe Falten, die mir so ausgeprägt nie vorher aufgefallen waren.

Wir hatten einige Augenblicke schweigend dagesessen, als Eva mich fragte:

„Sag mal, glaubst du mir das alles denn? Das muss doch für dich völlig unglaubhaft klingen. Eigentlich müsstest du annehmen, dass ich übergeschnappt bin…!“ Sie ereiferte sich geradezu.

Die Tatsache, dass ich mir das alles angehört hatte und scheinbar so hinnahm, entsprach in keiner Weise ihren Erwartungen und schien sie sogar zu ärgern. Womöglich hatte ich sie innerlich längst für verrückt erklärt.

In Wirklichkeit war ich völlig sprachlos und wie gelähmt. Einerseits kannte ich Eva viel zu gut, um, was sie erzählte, nicht ernst zu nehmen und andererseits hatte sie mir ja längst bewiesen, dass es die Wahrheit war. Natürlich war ich von Zweifeln wie zerfressen aber was geschehen war stand wie eine unfassbare Tatsache im Raum.

Zufälle? Solche Zufälle gab es nicht, konnte es nicht geben.

Eva holte mich aus meinen Gedanken: „Ich kann es dir nicht beweisen, dass das, was ich dir erzählt habe tatsächlich die Wahrheit ist. Ich sehe keine Möglichkeit und ich werde nie wieder Zeit löschen, nie wieder, hörst du!“

Ich hielt immer noch ihre Hand fest und begann sie nun leicht zu drücken als ich antwortete: „Du hast es mir doch längst bewiesen, mein Schatz! Säße ich sonst hier?!“

Eva nickte und drückte ihre Erleichterung durch einen Anflug von Lächeln aus. Wieder starrte sie in sich hinein und ihr Gesichtsausdruck bekam etwas Verzweifeltes, Hilfesuchendes:

„Warum ich? Warum gerade ich?“ brach es dann aus ihr heraus.

Endlich war ich in der Lage, meine Gedanken so zu ordnen, dass ich etwas zu sagen im Stande war:

„Weißt du, Liebes, ich kann dir da im Moment auch nicht wirklich weiterhelfen. Ich weiß momentan nicht mal, ob das alles wirklich ist oder ob ich träume. Du hast mir gerade allen Ernstes gesagt, dass es den Klapperstorch, den Osterhasen und das Christkind wirklich gibt und ich bin nicht mal fähig, dir das nicht zu glauben. Nein, ich muss es dir glauben, weil du es mir bewiesen hast und ich es mit eigenen Augen gesehen, selber erlebt habe.

Warum du? – Vielleicht weil es keine besseren Hände gibt auf der Welt, in die man diese Gabe hätte legen können.“

Ich ließ ihre Hand los, stand auf und begann, im Zimmer herum zu wandern, ohne Ziel, als wollte ich meinen Gedanken davon laufen.

„Das gibt es doch alles gar nicht; das darf doch gar nicht wahr sein…!“ murmelte ich dabei immer wieder vor mich hin. Schließlich setzte ich mich wieder aufs Sofa, den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Ellbogen auf den Oberschenkeln und die Hände gefaltet. So starrte ich eine Weile vor mich ratlos auf den Boden. Danach wandte ich mich wieder zu Eva hin:

„Aber was ist denn nun eigentlich … ach Gott, wie drück ich das denn nun aus?… was ist denn „ursprünglich“ passiert heute? Offensichtlich hast du ja doch noch einmal deine Gabe benutzt.“

„Ja“, erzählte Eva weiter, „ursprünglich hat sich dieser Mittwoch zum schrecklichsten Tag meines Lebens entwickelt.“ Eva drehte sich von mir weg, streckte ihre Beine aus und schaute ins Zimmer hinein, als sie weitersprach:

„Zunächst lief alles wie immer und es war ein Tag wie jeder andere. Bis gegen halb vier ein Kommilitone kam und mich ans Telefon holte.“

Es gab im Studentenheim einen Apparat in einer kleinen Halle im Erdgeschoss. Wer gerade verfügbar war und auch Lust hatte ging eben dran, wenn es klingelte. Derjenige musste dann auch den Verlangten benachrichtigen oder holen, wenn er nicht selbst gemeint war. Eva fuhr fort:

„Zuerst hab ich mich noch gefreut, als deine Mutter sich meldete. Ich mag sie sehr, weißt du.

Aber ihre Stimme klang weinerlich und wie verschnupft und ich erkannte sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Sie sagte, du wärest mit dem Auto verunglückt und schwer verletzt im Krankenhaus.“

Evas Augen waren feucht geworden und ihre Stimme zittrig, als sie weitersprach:

„Ich habe sofort alles Geld, das ich finden konnte, zusammengesucht und lieh mir von einer Freundin noch zwanzig Mark, bis es für ein Taxi reichte. Dann bin ich in die Klinik gefahren, in die man dich gebracht hatte.

An der Pforte sagte man mir den Weg und ich gelangte in eine Art Wartezimmer im OP-Bereich. Zu meinem Entsetzen…“ sie musste schlucken und einen Moment aussetzen, „… zu meinem Entsetzen sah ich dort deine Mutter auf dem Boden zusammengekauert, umgeben von zwei Schwestern und einem Arzt. Dein Vater stand am Fenster und schaute hinaus und ich konnte sehen, dass er weinte…“ Eva konnte nicht weiterreden. Sie begann zu schluchzen.

Ich rückte ganz dicht zu ihr hinüber und legte meine Arme um ihren Körper. Sie drehte sich zu mir und verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter.

So saßen wir ein, zwei Minuten, bis sich Eva etwas beruhigt hatte.  Dann sagte ich leise:

„Ich war gestorben, nicht wahr?“

Sie hob ihren Kopf und schaute mich mit ihrem nassgeweinten Gesicht an. Dann brach ein verzweifeltes, klagendes, fast vorwurfsvolles „Ja“ aus ihr heraus. Sie lehnte sich wieder an mich und ich legte meinen Arm um sie.

Es folgte ein längeres Schweigen. Eva brauchte diese Pause und ich fand Gelegenheit, meinen Verstand wieder zu benutzen, um etwas Ordnung in meine Gedanken zu bringen, wenngleich dies auch unglaublich schwer fiel. Es herrschte ein zu großes Chaos in meinem Hirn und in meinen Gefühlen.

Inzwischen war es Abend geworden und wir saßen im Dunkeln, als Eva irgendwann begann, weiter zu reden:

„Ich hab’s noch einmal getan. Trotz allem. Aber ich konnte doch nicht zulassen, dass du mich verlassen hattest. Ich brauch dich doch. Ich wollte ohne dich nicht weiterleben.“

Zwischen jedem Satz hatte sie eine Pause gemacht und nun fing sie wieder an zu weinen. Ihr Taschentuch war ganz nass und ich gab ihr meines.

Ein fremdartiges Entsetzen begann mich zu lähmen und ich bekam kein Wort heraus. Im Kopf gingen mir viele Fragen herum. Ich hatte so einen Zustand bisher nie erfahren und versuchte verzweifelt, damit umzugehen.

Für einen Augenblick flüchtete ich mich in irrelevante Nebensächlichkeiten und fragte Eva, ob sie etwas zu trinken haben wolle. Sie bejahte und ich ging mit dem leeren Kaffeegeschirr in die Kochnische und kam mit zwei Gläsern, einer Flasche Mineralwasser und einem Bier zurück. Eva hatte noch nie Alkohol getrunken, deshalb schenkte ich ihr Wasser und mir selber Bier ein.

Um etwas mehr Klarheit zu bekommen und Evas Ausführungen wieder in Gang zu bringen, stellte ich zunächst eine Frage an sie:

„Den Rest der Geschichte kenn ich ja; ich frage mich aber immer noch, war es wirklich ein verlorenes Rad, das mich umgebracht hat, und woher hast du das gewusst?“

„Ich habe noch nicht alles erzählt“, fuhr Eva daraufhin fort, „zuerst bin ich auch zusammengebrochen im Krankenhaus und fand mich danach auf einer Liege wieder. Man hatte mir ein Beruhigungsmittel gespritzt und das hat mir wohl geholfen, wieder klare Gedanken zu fassen.

Ich begann zu überlegen und mein Entschluss stand sofort fest: Ich würde es noch einmal tun, ein letztes Mal. Um dich nicht zu verlieren hätte ich alles getan und mir war in diesem Augenblick alles egal.

Ich erinnerte mich an das Chaos damals mit meiner Katze Wolli und nahm mir vor, diesmal alles besser und richtig zu machen.

Deine Mutter haben sie in der Klinik behalten für die Nacht und dein Vater ist bei ihr geblieben. Er gab mir Geld, so dass ich mit dem Taxi hierher fahren konnte. Und hier, wo wir jetzt sitzen, habe ich fast die ganze kommende Nacht nachgedacht und einen Plan gemacht. Was ich schon wusste, war, dass du mit dem Fahrzeug mit hohem Tempo gegen einen Brückenpfeiler geprallt warst. Das Auto war völlig zerstört und es muss wohl wie ein Wunder  gewesen sein, dass man dich da überhaupt noch lebend herausholen konnte. Du musst dann aber schon kurz danach in der Klinik gestorben sein. Ich hätte dich nicht einmal mehr lebend sehen können…“ Evas Stimme erstickte wieder in den Tränen, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff:

„Zuerst musste ich herausfinden, was genau passiert war. Nur so konnte ich einen Weg finden, das Unglück beim zweiten Durchgang heute zu verhindern.

Deshalb bin ich nicht in die Uni zurück, sondern hier in der Wohnung geblieben. Versäumen würde ich ja eh nichts. Das gab mir genügend Zeit, in Ruhe zu recherchieren. Die Telefonrechnung, die ich dir damit beschert habe, ist ja inzwischen gelöscht.“ Zu einem kurzen Grinsen war Eva nun schon wieder fähig, mir dagegen gelang das noch nicht.

„Wen hast du angerufen?“

„Na, erst mal deine Eltern, um zu sehen, wie es ihnen ging. Sie waren zuhause und von deinem Vater erfuhr ich, dass die Polizei einen Reifenschaden vermutete.

Der Firmenwagen war beschlagnahmt worden und wurde genau untersucht. Und dich haben sie obduziert, was zum Glück die Beerdigung um mindestens zwei Tage hinauszögerte, denn die wollte ich nun wirklich nicht erleben.

Es war nicht einfach, alles heraus zu bekommen und es hat Tage gedauert. Ich glaube, die bei der Polizei waren ziemlich genervt von mir. Das war mir natürlich egal. Ich war lästig wie eine Klofliege um Informationen zu bekommen.“

Eva nahm einen Schluck Wasser bevor sie fortfuhr:

„Also, schon morgen wusste ich, dass der Unfall durch ein verlorenes Vorderrad verursacht wurde.“ Ich unterbrach sie: „Liebes, sag doch bitte nicht „schon morgen wusste ich…“, das macht mich ganz verrückt“, nun grinste sie wirklich, „und wie konnte man feststellen, dass ich ein Vorderrad verloren hatte; das Fahrzeug war doch total demoliert?“

„Ganz einfach: Man hat das Rad gefunden und es war völlig unversehrt. Wäre es am Fahrzeug gewesen, dann wäre es auch ziemlich zerdeppert worden, oder?“

„Ja, klar, das leuchtet ein.“

„Ich wurde befragt, ob du dieses Jahr Winterreifen gefahren hättest, was ich bejahte. Der Polizist fragte mich auch, ob ich wisse, wann die Sommerreifen montiert wurden.

Ich antwortete ihm, meinem Wissen nach noch gar nicht. Ich hörte dann nur ein „Aha“ und ab da waren die Polizei und ich auf der gleichen Spur. Ich hatte aber, glaube ich, schneller nachgedacht. Ich rief nämlich in deiner Firma an und konnte dort mit einer Frau Machett sprechen.“

„Ja“, unterbrach ich, „ die ist für die Fahrzeuge zuständig.“

„Von Frau Machett erfuhr ich dann den Namen der Werkstatt, in der du zuletzt den Reifenwechsel durchführen lassen hast.

Also rief ich bei der Werkstatt an und fragte, ob du heute da warst um Reifen zu wechseln.

Und schon hatte ich alles, was ich brauchte.“

Ich schaute ihr in die Augen und lächelte: „Weißt du was, ich bin stolz auf dich. Ein Kriminalist hätte das nicht besser gekonnt. Ich wundere mich nur, dass du bei der Polizei so viel herausfinden konntest.“

„Ach ja, ich hab mich als deine Verlobte ausgegeben und dann ging alles viel leichter.“

Ich begann laut nachzudenken:

„Ja, nun ist die Sache klar: Es konnte nur so gewesen sein, dass man in der Werkstatt die Radmuttern nicht festgezogen hatte. Ich fuhr los, hab dann erst das Rad und dann die Kontrolle über das Auto verloren und …krach. Wahnsinn!“

„Ja, mehr als Wahnsinn! Aber nun konnte ich agieren und die Zeit war bereits elend knapp. Schon am Montag sollte die Beerdigung sein.“

Mir fiel beim Nachvollziehen in Gedanken plötzlich noch etwas ein, was ich nicht verstand:

„Warte mal, eines musst du mir noch erklären: Du bist also mit dem Bus hierher gefahren und hast mich vom Rathaus aus der Telefonzelle angerufen. Woher  wusstest Du, dass ich zuhause war? Es hätte doch auch sein können, dass ich direkt von der Arbeit zur Werkstatt fahre.“

„Stimmt, wo du heute sein würdest, bevor du zum Reifenwechsel fährst, das konnte ich nicht herausfinden. Ich überlegte deshalb, schon am Abend vorher herzukommen und die Nacht hier zu verbringen. Aber ich glaube, ich wäre verrückt geworden vor Aufregung in dieser Nacht, der ja auch noch ein langer Vormittag folgte. Ich konnte dich ja auch nicht vorher einweihen; du hättest mir nie geglaubt.

Also ließ ich es einfach drauf ankommen. Schließlich wusste ich ja, dass du mittwochs am Nachmittag zuhause bist und Bürokram machst. Das war doch fast immer so. Und Termin um zwei: Mit ein wenig Glück würdest du dir vorher noch einen Kaffee zuhause gönnen. Das hast du ja auch oft genug gemacht, wenn du gerade in der Nähe warst. Ich vertraute einfach auf deine Kaffee-Sucht.“ Diesmal grinsten wir beide.

„Hätte das nicht geklappt“, erklärte Eva weiter, „dann hätte ich dich ja immer noch in der Werkstatt telefonisch erreichen können.

Eigentlich wollte ich dich ja auch zuhause überraschen, aber der Bus hat sich verspätet und so musste ich gleich vom Rathaus aus anrufen, um dich überhaupt noch zu erwischen.

Wenn alle Stricke gerissen wären, hätte ich ja auch noch einen zweiten Versuch gehabt. Ich hätte einfach nochmal alles gelöscht.“

Für eine Weile schwiegen wir und gaben uns ganz unseren Gedanken hin.

Ich war endlich in der Lage, alles zu verstehen und zu ordnen und erst so auch fähig, damit umzugehen.

Wir saßen immer noch im Dunkeln und es störte uns in keiner Weise, im Gegenteil, gerade so konnten wir uns auf unsre Gedanken konzentrieren, weitgehend abgeschirmt von störenden Reizen aus der Umwelt.

Ich weiß nicht, was in Evas Kopf vor sich ging; mein Denken und Fühlen war dominiert von der Aufgabe, das, was in den letzten Stunden geschehen war, nicht nur zu verstehen, sondern vor allem auch zu akzeptieren, es in irgendeiner Art und Weise als Realität anzunehmen.

Ich glaube, ich habe mich in diesen Stunden, in denen ich das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen verloren zu haben und hilflos in der Luft zu hängen, einfach nur an Eva geklammert. Mir selbst zu sagen: „Nur Eva, und bei ihr sein zu können ist wichtig und alles Andere ist mir im Moment ziemlich gleichgültig“, das hat mir sehr geholfen, um mit diesem Gefühlschaos fertig zu werden.

Kurze Zeit darauf stand ich auf, um mir noch eine Flasche Bier zu holen. Als ich aus der Kochnische zurück kam, faszinierte mich ein Gedanke:

„Sag mal Eva“, durchbrach ich die Stille, „kann es sein, dass Du aus Angst, Dein Geheimnis zu verraten, nie einen Schluck Alkohol getrunken hast?“

Ich spürte ihren Blick, als sie antwortete:

„Ja, du hast Recht. Das ist tatsächlich der Grund.“

„Na, deine Eltern werden dir diese Abstinenz nicht schwer gemacht haben.“ Wir lachten beide und ich fügte nachdenklich hinzu:

„Du armes Mädchen hast noch nie den Geschmack eines feinen Weines zu einem leckeren Essen auf der Zunge gehabt oder die Erfrischung gespürt, mit der ein kühles Bier den Durst löscht.“

„Ich hatte nie den Eindruck, dass mir etwas Wichtiges fehlt.“ Ich wusste, dass sie nun wieder ihr unvergleichliches Lächeln auf hatte, aber ich konnte es kaum erkennen, es war zu dunkel im Raum. Es gelang mir auf einmal, auch wieder scherzen:

„Weißt du, dass du mir sehr fehlst gerade?“ Sie lachte und antwortete: „Ich bin doch da!“ „Ja, schon, aber ich seh dich nicht lächeln.“

Ich ging zur Kommode und holte den roten Teller mit den Kerzenstummeln von Mutters letztem Adventskranz. Viel war nicht mehr übrig von dieser sparsam aber oft genutzten Romantik; eine Kerze war schon abgebrannt, aber die anderen drei ließen sich nochmal entzünden.

Evas Lächeln hatte diesen verschämten, etwas unsicheren Ausdruck, als sie mich im Kerzenschein ansah. Es war dieses Gesicht einer behutsamen aber doch liebevollen Abwehr, das ich kannte von den Versuchen, ihr näher zu kommen. Nach einer kleinen Pause sagte sie:

„Weißt du, dass wir nie…“ sie zögerte, „…na dass wir nie miteinander geschlafen haben, das hatte auch mit meiner Angst zu tun, etwas zu verraten von meinem Geheimnis.

Ich wusste doch nicht, wie das sein würde und ob man nicht genauso oder ähnlich enthemmt sein würde, wie nach Alkohol.“ Ihre Vermutungen passten zur Tatsache, dass sie weder das eine noch das andere wirklich kannte.

Meine Aufmerksamkeit war auf der allerhöchsten Stufe. Noch nie hatte sie selbst angefangen, darüber zu sprechen. Ich sagte nichts, um sie nicht in irgendeiner Weise in Bedrängnis zu bringen und lauschte nur angespannt, als sie nach einer Weile weitersprach:

„ Das mag in deinen Ohren jetzt blöd klingen, aber ich hatte mir mehrmals vorgenommen, endlich mehr zuzulassen, bin aber im entscheidenden Augenblick dann doch wieder feige eingeknickt und ich weiß genau, dass es immer diese Angst war, die Kontrolle über mein Geheimnis zu verlieren.“ Wieder entstand eine kurze Pause des Schweigens.

„Versteh das bitte nicht falsch, das hat nichts mit dir zu tun, beziehungsweise damit, dass ich dir nicht getraut hätte. Es war einfach dieses unterschwellige, ständig präsente Angstgefühl, das mich immer wieder scheitern ließ.

Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich stets bewundert habe für deine Geduld. Nie hast du dich beklagt und mich nie bedrängt. Genau das war für mich eine ungeheure Erleichterung und hat mich unsere Beziehung richtig genießen lassen und es war auch immer ein Beweis dafür, dass du mich wirklich lieb hast. –  Das war für mich so ungeheuer wichtig!“ Sie legte ihre Arme um meinen Hals und wir küssten uns lang und leidenschaftlich.

Ich gebe zu, dass mir in diesem Moment die Überlegung durch den Kopf ging, ob das nun vielleicht der richtige Moment wäre, entschloss mich aber, Rücksicht zu nehmen und nicht gerade jetzt einen neuen Versuch zu starten. Ich konnte dafür Evas Gemütszustand einfach nicht gut genug einschätzen.

Oft hatte ich damals über die Prüderie dieser Zeit gelästert und die Meinung vertreten, dass der sexuelle Verkehr vor der Ehe doch nur gut sein könne für eine Beziehung und verhindern helfen würde, dass sich Paare binden, die gar nicht zueinander passen, weil sie zum Beispiel sexuell zu unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche hatten.

Natürlich ist auch diese Überlegung nicht ganz falsch, aber in diesem Moment erkannte ich, dass es noch einen ganz anderen, vielleicht sogar wichtigeren Aspekt in der Sache gab: Konnte eine lange Vorbereitungs- sprich Verlobungszeit nicht auch sehr nützlich sein, um die Liebe des Paares gerade durch die Enthaltsamkeit auf die Probe zu stellen?

Ich versuchte, mir vorzustellen, was wohl passiert wäre, wenn mein Interesse an Eva vorwiegend sexueller Natur gewesen wäre? Wären wir dann so lange verliebt zusammen gewesen und hätten uns so gut verstanden?

Ich begriff in diesem Moment, dass ich durch Eva etwas erheblich Wichtiges gelernt und erfahren hatte über das wundervolle Zusammenspiel von tiefer Zuneigung und Sexualität.

Sowohl das eine als auch das andere kann für sich allein stehen, aber nur wenn das Erstere vorhanden ist, wird das Glück von Dauer sein; davon war ich nun überzeugt.

Während wir uns immer und immer wieder und lange küssten, geschah dann etwas für mich völlig überraschendes: Eva nahm ganz zärtlich meine Hand und legte sie auf ihre Brust. Ich zögerte nur einen kleinen Moment und begann dann, sie dort zu streicheln.

Was dann passierte, ist unsere ganz private und intime Sache und nichts, was man in Details berichten müsste.

Viel wichtiger ist: Es war für uns beide etwas so Wunderschönes, dass sich noch heute meine Augen mit Tränen füllen, wenn ich daran denke.

Nie hätten wir uns träumen lassen, dass unser Miteinander noch so viel Wonnevolles, traumhaft und paradiesisch Einzigartiges zu bieten haben könnte.

Es gab nichts mehr um uns, die Welt hatte aufgehört zu existieren und da waren nur noch wir und das, was wir in diesen Stunden erleben durften.

Wir liebten uns die ganze Nacht und als wir eng umschlungen einschliefen, hatte draußen schon ein sonniger Frühlingstag begonnen.

Am frühen Nachmittag erwachten wir und uns war, als wäre die Welt gerade eben für uns neu erschaffen worden.

Und wir liebten uns noch einmal, konnten nicht genug bekommen von diesem wundervollen Geschenk.

Unsere knurrenden Mägen trieben uns dann doch irgendwann unter die Dusche. Sie war viel zu eng für zwei Personen und damit gerade richtig für uns beide.

Wir fuhren anschließend in die Stadt und begaben uns in unser Lieblingsrestaurant, um endlich etwas zu essen. Mir fiel auf, dass nicht wenige Leute uns irgendwie verzückt beobachteten. Wir müssen eine strahlende Aura des Glücks um uns gehabt haben und es war schön, zu sehen, dass sich Andere damit offensichtlich ansteckten.

Beim Essen erinnerten wir uns an die Vorfälle des Vortages und sprachen noch einmal über einige Details. Danach hatten wir beide den Wunsch, wieder alleine zu sein.

Wir fuhren nachhause und machten einen langen Spaziergang in den Frühlingsabend hinein.

Wir sahen die Sonne in der Ferne versinken, hinter dem Berg mit der Kapelle, die Hölderlin einst besungen hatte. Ihre Silhouette hob sich schwarz vom rosarot glühenden Himmel ab. Die Stille des Abends war angefüllt mit dem Gesang scheinbar unzähliger Vögel.

Nichts, aber auch gar nichts fehlte uns in diesem Augenblick und wir spürten ganz deutlich, dass unser Glück eine Menge mit  jener Zufriedenheit zu tun hatte, in die wir versunken waren.

Irgendwo blieb Eva für einen Moment stehen und sagte die Worte, die ich nie vergessen konnte: „Weißt du, dass ich gestern die schrecklichsten und die schönsten vierundzwanzig Stunden meines Lebens an einem einzigen Tag erlebt habe“? Schweigend gingen wir weiter und ließen diesen Satz auf uns wirken.

Etwas später auf dem Heimweg konnte ich es nicht lassen, noch einmal ein brisantes Detail anzusprechen:

„Sag mal, Schatz, hast du wirklich nie daran gedacht, dir mit Hilfe deiner Gabe durch einen Lottogewinn das Leben leichter zu machen?“ Ich war sehr gespannt auf die Antwort und befürchtete allerdings insgeheim, Eva zu verärgern. Aber, verdammt nochmal, es war zu verlockend, um nicht wenigstens darüber gesprochen zu haben.

Evas Antwort war ein simples „Nein“.

„Aber es wäre doch legal erworbenes Geld gewesen und du hättest niemandem geschadet, oder?“

„Oh nein, mein Lieber, das sehe ich ganz anders!“ sie sagte dies sehr bestimmt, blieb aber ganz ruhig dabei:

„Erstens hätte ich die Millionen von Spielern  in der betreffenden Woche um ihren Einsatz betrogen, denn sie hätten ja damit meinen Gewinn finanziert und zweitens hätte ich Gewinnern mit dem Sechser einen Teil ihres Gewinnes gestohlen.“

Eva bleib stehen und schaute mir in die Augen: „Und da ist noch etwas sehr Entscheidendes, nur falls du immer noch mit diesen Gedanken spielen solltest: Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie groß und erdrückend meine Angst wäre, dass irgendwann herauskommen könnte, wie ich zu meinem Gewinn gekommen bin. Bist du denn sicher, dass wir nach einem Mal hätten aufhören können?!

Stell dir doch nur einmal vor, es wäre bekannt, welche Fähigkeit ich habe. Ich bin sicher, ich hätte keine ruhige Minute mehr in meinem Leben. Ich habe mir die ganzen Jahre oft genug das Gehirn zermartert mit den Vorstellungen, welches Unheil man mit dieser Macht über die Zeit hätte anrichten können. Denk darüber einfach mal eine Weile nach, dann wird auch dir schwindlig vor Schrecken darüber, was alles passieren könnte.“ Ich versuchte zu beschwichtigen:

„Es tut mir leid, Liebes, ich hätte nicht davon anfangen dürfen! Hör genau zu, was ich dir jetzt sage: Du bist mir tausendmal wichtiger, als aller Reichtum der Welt! Solange ich dich habe, brauche ich keinen Lottogewinn, du bist doch so unendlich viel mehr für mich!“

Wir gingen wieder ein paar Schritte, dann bleib Eva nochmals stehen, kniff beide Augen fest zu und sagte laut: „Ich wünschte, diese elende Bürde würde einfach von mir genommen!“

 

 

Als wir zuhause ankamen, war es schon dunkel geworden. Eine wohltuende Ruhe lag auf der Wohnsiedlung und im Schein der Laternen taumelten Insekten. Für den Monat März war es ein angenehm warmer Abend. Der Himmel war mit Wolken bedeckt und das Laternenlicht verlor sich am Ortsrand in einer undurchdringlichen Dunkelheit.

Eva kochte uns noch einen Tee und wir redeten über mein Problem, dass ich an diesem Tag nicht gearbeitet und auch niemanden darüber benachrichtigt hatte. Dieser Alltag war einfach viel zu weit von mir weg gewesen, um auch nur einen Gedanken darauf verschwenden zu können.

Der Tag war so herrlich gewesen: Neben Eva aufzuwachen und sich zu erinnern an die traumhafte Nacht, wie konnte ich da an irgendetwas anderes denken?!

Eva kam plötzlich auf die Idee, den Tag einfach noch einmal zu erleben, was allerdings nur ihr vorbehalten gewesen wäre, denn nur sie war es ja, die sich jeweils an die gelöschte Zeit erinnern konnte.

Ihr Vorschlag verwunderte mich in zweifacher Hinsicht: Einmal schien ihre Angst vor ihrer Gabe auf einmal wie nebensächlich zu sein und mit ihren Schwüren schien sie es auch nicht so genau zu nehmen, was eigentlich gar nicht zu ihr passte.

Da mir allerdings ein großes Problem gelöst werden würde, willigte ich aber ein ohne lang zu überlegen.

Doch dann passierte etwas, was unser Leben noch einmal völlig veränderte:

Eva wollte es tatsächlich noch einmal tun, kniff die Augen zusammen und ballte ihre Fäuste.

Mir fiel sofort auf, dass nichts passierte und mir hätte eigentlich gar nichts auffallen dürfen.

„Hey, sagte ich, das ging wohl schief.“

Eva nickte nur, konzentrierte sich und versuchte es noch einmal. Nichts geschah. Nach weiteren vergeblichen Versuchen sah sie mich an, strahlte dann plötzlich über das ganze Gesicht und rief aus:

„Es ist vorbei! Ich kann es nicht mehr! Ich habe es verloren!“

Sie fiel mir um den Hals und schien überglücklich zu sein. Ich staunte zwar nicht wenig ob dieser neuen Entwicklung, doch nichts, aber auch gar nichts hätte mich an diesem Tag und nach allem, was geschehen war, noch aus der Fassung bringen können.

Wir saßen noch lange beisammen an diesem Abend, feierten die Befreiung und sprachen über unser zukünftiges Leben.

Dabei waren wir so gelöst und aufgedreht, dass Eva unbedingt einen ersten Schluck Alkohol versuchen wollte.

Außer Bier hatten wir nichts im Haus, also nahm sie einen Schluck aus meinem Glas.

Beinahe hätte sie das Bier wieder ausgespuckt, schluckte es aber dem alten Flickenteppich zuliebe widerwillig hinunter und nach einer kleinen Pause vernahm ich ein angewidertes: „Pfui Teufel, schmeckt das eklig! Wie kann man nur sowas trinken?!“ Ich tröstete sie mit den Worten: „Es gibt auch ein Leben ohne Alkohol.“

Eine glaubhafte (Not-)Lügengeschichte für die Firma ist uns auch noch eingefallen und tief in der Nacht endete schließlich dieser erste Tag „danach“ in glücklicher Zärtlichkeit. Eva sagte irgendwann:

„Am liebsten würde ich diese letzte Nacht noch einmal erleben und doch bin ich froh, dass es nicht mehr möglich ist.“

Ich antwortete ihr: „Kein Problem, wir machen alles einfach nochmal; schließlich sind wir ja verlobt, wie ich erfahren habe…“

 

 

 

Tja, das war sie eigentlich, die Geschichte von Eva und mir, die ich erzählen wollte. Egal, was noch geschah, unser Leben schien ein einziges Happy End zu sein.

Ein paar Wochen nach unserem Abenteuer wurde Eva allerdings erst mal krank. Es war ihr oft übel, so dass sie sich einige Male schon morgens übergeben musste. Auch ihr Kreislauf schien Probleme zu machen.

Als sie vom Hausarzt kam, erzählte sie, dieser hätte sie zum Frauenarzt überwiesen und ganz eigenartig gegrinst dabei.

Der Schwangerschaftstest beim Gynäkologen war positiv und wir waren überglücklich.

Im Dezember entband Eva ein Söhnchen und wir vergingen beinahe vor Freude und Stolz. Fast wäre es ein Weihnachtsgeschenk geworden.

Im Mai hatten wir zuvor mit den ganzen Familien Verlobung gefeiert und nur zwei Monate vor der Entbindung geheiratet.

Mit Evas Studium war es erst mal vorbei; wir weigerten uns, den kleinen Max an seine Großeltern abzuschieben und kaum war Mäxchen abgestillt, da war auch schon seine Schwester unterwegs.

Evas Eltern waren mir ständig eine positive Überraschung. Nie hörten wir ein Wort der Skepsis oder des Zweifels von ihnen. Sie müssen gespürt haben, dass wir unabdingbar zusammen gehörten und einfach auf dem richtigen Weg waren.

Meine Eltern waren da etwas schwieriger. „Wozu haben wir dich denn das Abitur machen lassen?!“ Als ich das zum letzten Mal hörte, war ich dieses Argumentes so überdrüssig, dass ich meinem Vater geradezu brutal antwortete: „Vielleicht damit  ich fast doppelt so viel verdiene wie du?!“ Damit war die Sache ausdiskutiert und von da an freuten sie sich ohne Murren an ihren prächtigen Enkeln.

Eigentlich sollte das süße Pärchen genug sein, aber aus irgendeinem Grund wollte Eva nie die Pille nehmen und ich brachte es auch nicht fertig, sie dazu zu drängen. Wir hatten sogar einmal schon eine Packung zuhause, doch sie hat sie nie angerührt.

Alles Experimentieren mit anderen Methoden der Empfängnisverhütung brachte schließlich auch den Erfolg: Schon bald war das zweite Mädchen unterwegs. Dann allerdings passierte nichts mehr und wir beschränkten uns darauf, uns dabei zu ertappen, dass wir insgeheim immer auf das sechste Familienmitglied wateten.

Eva hat nie bereut, ihr Studium abgebrochen zu haben. Ach ja, und das mit dem Alkohol hat sich auch sehr rasch gegeben. Wir haben bis heute so manches Fläschchen Sekt und guten Wein zusammen getrunken, wenn auch quantitativ eher ungleich verteilt; richtig betrunken habe ich meine Eva allerdings nie gesehen, rot glühende Wangen waren stets das Äußerste.

Als die Jüngste elf Jahre alt war, begann Eva eine Ausbildung als Altenpflegerin in der geriatrischen Abteilung der Uniklinik und arbeitete noch viele Jahre in einem Seniorenheim. Inzwischen genießt sie, wie ich, nur noch unsere Zweisamkeit im Ruhestand.

Und ich? Ein Kollege hat einmal zu mir gesagt: „Einmal im Außendienst – immer im Außendienst.“ Und genau das hat sich bewahrheitet.

Die Firma hieß zwar irgendwann plötzlich anders, aber ich bin ihr bis zum Schluss treu geblieben.

Ich wäre der erste Akademiker in der Familie gewesen, doch habe ich das gelebt, was ich seinerzeit schon gesagt hatte: „Man kann auch ohne Studium gutes Geld verdienen. Für mich war immer an erster Stelle, bei Eva sein zu können und nicht die Arbeit und ich traue mich wetten, dass ich glücklicher war, als viele, die die große Karriere gemacht haben.

Immerhin, unsere drei „Kleinen“ haben alle studiert. Die Großeltern haben das aber nicht mehr erleben dürfen.

Heute wohnen wir in dem Haus, in dem ich in den fünfziger Jahren aufgewachsen bin, und blicken voll Dankbarkeit auf ein glückliches und erfülltes Leben zurück, das wir, so Gott will, noch einige Jahre gemeinsam genießen möchten.

 

Für den Betrachter mag dies alles nun nicht nur unglaublich klingen, sondern zudem vielleicht auch zu schön, um wahr zu sein, zumindest was unsere Liebesgeschichte betrifft.

Nun, das liegt daran, dass ich hier nur den Anfang dieser Geschichte ausführlich erzählen konnte und unser ganzes, gemeinsames Leben in einigen wichtigen Details zusammengerafft habe. Der Anfang aber war wirklich so märchenhaft, wie beschrieben, doch kann eine Beziehung nur bestehen, wenn Gegensätzlichkeiten und unterschiedliche Meinungen auch ausdiskutiert werden.

Selbstverständlich sind auch bei uns des Öfteren solche Meinungsunterschiede nicht nur diskutiert worden, sondern da konnten sehr wohl auch mal die  Fetzen fliegen.

Allein schon der Einigung und Versöhnung wegen möchte ich diese, ich nenne es mal Streitereinen,  auch nicht missen. Meist ging es dabei um Erziehungsfragen, das Bauchgefühl war da bei uns ab und zu sehr unterschiedlich. Oder es lag daran, dass Evas Ansichten eine gewisse Lastigkeit bei religiösen Dingen hatten. Indirekt habe ich mich da wohl dann doch noch manchmal mit meinem Schwiegervater selig angelegt.

Natürlich hatte unser Leben also auch Höhen und Tiefen, wie jedes andere.

Einmal ist eines unserer Kinder so schwer krank geworden, dass wir dachten, es würde sterben. Sorgen und Tränen gab es genauso wie die Glanzpunkte unseres Miteinanders. Ohne das Erblühen unserer Liebe mit zu beschreiben, hätte ich jenes Abenteuer, das wir erlebten, nicht erzählen können, denn beides war untrennbar miteinander verknüpft.

 

 

Oft ist mir unsere unglaubliche Geschichte noch durch den Kopf gegangen, nie habe ich jedoch eine vernünftige Erklärung dafür finden können, dass meine geliebte Eva eine so unglaubliche Gabe gehabt hatte. So nahm ich es denn irgendwann einfach hin, wie so vieles, für das mein Gehirn nicht in seinen Fähigkeiten ausreichte, um mir eine Antwort zu ermöglichen, wie etwa für die Vorstellung einer Ewigkeit oder Unendlichkeit.

Nach meinen Erlebnissen aber hatte ich das Gefühl, zumindest einmal daran geschnuppert zu haben, was jenseits meiner Grenzen war, denn wenn das möglich war, was wir erlebt hatten, dann konnte die Zeit doch eigentlich keinen Anfang und auch kein Ende haben, musste also unendlich sein. Doch nur so war es möglich, dass diese Veränderungen, die Eva bewirkte, am Lauf dieses Phänomens Zeit und an ihrer Dauer nichts, aber auch gar nichts verändert hatten.

Oft sprachen wir noch über die damaligen Vorkommnisse, doch mit den Jahren begann ihre Bedeutung zu verblassen.

Dennoch gab es immer wieder gewisse Eigenartigkeiten in unserem Leben, die mir im Hinblick auf das Erlebte verdächtig vorkamen. Nach allem, was wir durchgemacht hatten, ist es aber wohl normal, dass man so reagiert.

Trotzdem will ich abschließend eine solche Sache noch erwähnen:

Noch bevor ich fünfzig wurde bekniete mich seiner Zeit meine Liebste wochenlang, zu einer bestimmten Vorsorgeuntersuchung zur gehen und begründete dies damit, dass es mittlerweile eine allgemein empfohlene Sache sei.

Nun, ich wusste es besser: Empfohlen wurden diese Untersuchungen erst ab fünfzig  bis fünfundfünfzig Jahren.  Trotzdem gab ich Evas Drängen irgendwann nach und, siehe da, man fand etwas, das per Operation entfernt werden musste. Eine Gewebeprobe ergab, dass es für die Entfernung höchste Zeit gewesen war.

Da ich keinerlei Beschwerden gehabt hatte, gab mir das Verhalten von Eva hinterher zu denken. Aber ich beruhigte mich zunächst selbst mit der Erklärung, dass eben doch ein Zufall dahinter steckte.

Ein paar Tage danach, sie war morgens zu mir an den Schreibtisch im Arbeitszimmer gekommen, um mir eine Tasse Tee zu bringen, da sprach ich sie an, ob sie womöglich…

„Aber Papi, was redest du da?! Du Weißt doch, dieser Fluch ist lange von mir gegangen.

Aber lass uns das bitte ein anderes Mal besprechen. Ich muss nach unten, ich hab einen Topf auf dem Herd.“

Und weg war sie. Aus dem Augenwinkel konnte ich gerade noch ein nie gesehenes Lächeln von verdächtiger Süffisanz erspähen. Und dann noch: Einen Topf auf dem Herd um halb neun morgens?

Sogleich verflüchtigten sich diese Gedanken aber wieder und ich war mir selber böse, meine geliebte Eva verdächtigt zu haben. Ich eilte ihr hinterher, um mich für die blöde Frage zu entschuldigen. Sie war aber nicht in der Küche und ein Topf stand da auch nicht auf dem Herd.

„Ach was“, dachte ich dann, „dafür gibt es sicher wieder eine genauso dumme wie einfache Erklärung, wie so oft im Leben…“

 

 

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